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Donnerstag, 13. November 2014: Brasilia, Teil 4

Wenn ich schon hier in Brasilien lebe und Brasilia besuche, muss ein Tag dem Parlament gewidmet werden. Wie das Parlament zustande kommt, hatte ich bekanntlich schon bei der Wahl vor einigen Wochen erlebt. Jetzt also wollte ich die Stätten des Wirkens dieses Parlamentes näher ergründen. Zu diesem Zwecke machten Aurora und ich uns auf den Weg ins Zentrum der Macht. Ein ganz normaler Stadtbus brachte uns dorthin.
Mit den Stadtbusse hat es eine besondere Bewandtnis, denn es ist neben der etwas mager ausgebauten U-Bahn das einzige öffentliche Verkehrsmittel, auf das fast alle Menschen, die im Großraum Brasilia leben - und das sind weit über 2 Millionen - angewiesen sind. Das hat nicht nur zur Folge, dass es sehr viele Busse und Buslinien gibt, sondern vor allem, dass alle Busse fast immer reichlich gefüllt bis überfüllt fahren. Ich bedauere wirklich die arme arbeitende Bevölkerung, ohne die das Leben nicht funktionieren würde und die dann mit diesen enormen Preisen und der schlechten Infrastruktur klar kommen müssen. Aber schlechte Laune bekommen darüber nur Europäer, weil sie anderes gewohnt sind. Die Menschen hier tragen es mit Fassung.

Die Fassung verliert allerdings manchmal Aurora, wenn es um ihre Regierung geht. So muss sie natürlich auch mit selbiger - also der Fassung - ringen, wenn sie das Parlament besucht. Es besteht, wie ich seit den Wahlen weiß, aus zwei Kammern, dem Abgeordnetenhaus und dem Senat. Äußerlich kann man den Unterschied schon im Gebäude sehen. Da ist zunächst das Abgeordnetenhaus, das in etwa unserem Bundestag entspricht. Das Dach dieses Bauabschnitts des Parlamentsgebäudes weist jene riesige, markante Schale auf. Es ist ein Meisterwerk von Oscar Niemeyer. Ob er damit dem Haus einen Gefallen getan hat? Natürlich ist der ein Schelm, welcher Böses dabei denkt. Also ich gestehe, auch ein Schelm zu sein und Aurora ist es wohl auch, wenn sie beginnt, auf die Politiker zu schimpfen. Zu deren Ehrenrettung sei gesagt, dass es unter ihnen, so habe ich gehört, auch weniger korrupte gibt, solche, die es wirklich gut mit Brasilien und nicht nur mit sich selber meinen. Jedenfalls hat unser Guide im Parlament gesagt, dass mit der offenen Kuppel oder Schüssel angedeutet werden soll, dass die Deputados, die Abgeordneten, wie in einer Schale den Willen des Volkes aufnehmen und zu einer guten Politik umwandeln sollen. Also darauf müssen solche Schelme wie Aurora und ich auch erst einmal kommen.
Entsprechend ist die Kuppel über dem Sitzungssaal des Senates geschlossen. Auch das meint natürlich nicht, dass man alles eher unter einer Glocke halten möchte, auch nicht, dass alle hier arbeitenden Politiker eigentlich gut ein(weg)geschlossen gehören, denn das wäre Unrecht. Nein, es bedeutet, dass es hier eine Kammer gibt, die nicht die Menschen, sondern die Bundesländer vertritt, also eine Art Bundesrat. Der Unterschied zwischen dem brasilianischen Senat und dem Bundesrat ist der, dass die Senatoren wie die Abgeordneten gewählt werden, und zwar für jedes Bundesland 3. Im deutschen Bundesrat hat dagegen jedes Bundesland eine Stimme, die in der Regel vom Ministerpräsidenten oder -präsidentin wahrgenommen wird. Beide Kammern aber fällen ihre Entscheidungen nach ihren jeweiligen Vorgaben: die Abgeordneten nach dem Willen des Volkes und die Senatoren nach dem Interesse ihres Bundeslandes. Dabei müssen fast alle Gesetze durch beide Kammern - man nennt sie hier Câmara (was mich mit meiner Kamera ziemlich irritierte). Dabei - und auch das lernte ich heute - werden die meisten Beschlüsse nicht im Plenum, sondern in den Ausschüssen gefällt. Nur wichtige Angelegenheiten kommen ins Plenum.
Als wir heute im Parlament waren, fand gerade eine Plenarsitzung statt. Wir saßen auf der Tribüne. Die Sitze sind in einem Viertelkreis angeordnet. Vorne ist der Vorstandstisch und rechts und links davon jeweils ein Rednerpult. Ich glaube, alle dürfen sich frei zwischen den beiden Pulten entscheiden. Über den Pulten hängen zwei große Leuchttafeln mit den Namen sämtlicher Abgeordneter. Die Anwesenden werden mit Gelb markiert, die abwesenden mit Weiß. Im Plenum saßen vielleicht 20 Leute. Auf der Tafel aber stand, es wären 181 anwesend. Aurora meinte, es sei keine wichtige Sitzung gewesen, sondern nur eine Ehrung, an der nur Betroffene teilnähmen. Die eigentliche Sitzung begänne erst um 14 Uhr.
Während der Plenarsaal des Abgeordnetenhauses einen etwas in die Jahre gekommenen Eindruck machte (die Sitze der Stühle war teilweise zerschlissen, kaputt und der Saal selber zwar architektonisch schön, jedoch durchaus renovierungsbedürftig), war der Senat eine Perle. Allein schon die Decke, mit vielen tausend Aluminiumplättchen zum Glänzen gebracht, machte einen sehr exklusiven Eindruck. Zudem müssen die Damen und vor allem Herren Senatoren nicht auf Stühlen sitzen, sondern dürfen auf bequemen Ledersesseln Platz nehmen. Auch sie stimmen selten im Plenum ab, sondern fassen fast alle Beschlüsse in den Ausschüssen, die sie bilden. Auf dem Boden des Senates war ein dicker, flauschiger Teppichboden verlegt, in das ein findiger und kreativer Putzmann unaufgefordert Symbole des Landes „eingesaugt“ hat, indem er mit oder gegen den Strich saugte. In der Mitte prangt jetzt frisch gesaugt das Emblem Brasiliens. Das hat den Senatoren gefallen und jetzt muss dieser Putzmann alle zwei Wochen kommen, um dort neu zu saugen.
Die beiden Plenarsäle haben natürlich - wie unser Bundestag - eine große Lobby. Nein, nicht eine, sondern mehrere. Wir besuchten den „schwarzen Saal“ und den „grünen Saal“. Letzterer ist vor allem für die Begegnung zwischen Abgeordneten und Presse bestimmt. Er ist besonders schön und mit wertvoller Kunst versehen.
Umgeben ist das Parlamentsgebäude von einem See. Das ist praktisch, weil damit auch ein gewisser Schutz vorhanden ist. Hier rast kein mit Sprengstoff beladenes Auto in das Parlamentsgebäude, und für ebensolche Boote ist der See zu klein. Immerhin gibt es wichtige Funktionsgebäude, die nicht von Wasser umgeben sind. Fast unterirdisch sind die Gebäude beider Kammern, in denen die Ausschüsse tagen. Jeweils eine Straße mit 6 Fahrspuren geht über ihr Dach hinweg. Gut sichtbar sind auch die beiden Zwillingshochhäuser, in denen die Verwaltungen des Parlamentes untergebracht sind. In dem Haus, das auf der Seite des Senates liegt, ist dessen Verwaltung beheimatet und im Nebenhaus die Verwaltung der Abgeordnetenkammer. Die Abgeordneten selber haben es etwas weiter zu ihrem Hochhaus, das sich etwas abseits befindet.
Abgeordnete selber haben wir - glaube ich - nicht getroffen. Aber das ist auch nicht so wichtig. Aurora meinte, es habe ihr gereicht, als sie einmal beim Umsteigen in Paris den jetzigen Vizepräsidenten mit seiner jungen Begleiterin traf.

Wir verließen das Parlament und gingen zur Praça dos Três Poderes. Dort hatten wir ein besonderes, wie eine Narrenkappe aussehendes Gebäude noch nicht genauer betrachtet. Es war eine Gedenkstätte für zwei wichtige Politiker. Der erste war jener Zahnarzt, der im Unabhängigkeitskampf Brasiliens von Portugal eine besondere Rolle gespielt hat und darum wohl zu Tode gefoltert wurde, wie eine ziemlich gegenständliche, wenig erbauliche Darstellung im Obergeschoss dieses Gebäudes zeigte. Das war an einem 28. April. Seitdem ist dieser Tag Nationalfeiertag. Und genau an diesem Tag im Jahr 1985 starb Tancredo Neves lediglich einen Tag vor Amtsantritt an Herzversagen. Dieser Mann war außerordentlich beliebt, ein großer Charismatiker und darum sehr betrauert. Sein Enkel Aécio war in diesem Jahr Dilmas Gegenkandidat und unterlag ihr bekanntlich nur knapp.
Und während wir der Bedeutung der Familie Neves noch nachgingen, begann es draußen wieder zu regnen. Ach nee! „Ihr solltet im Winter kommen. Da regnet es nicht.“ Den guten Rat hatten wir hier schon bekommen, aber wir sind nun einmal nicht im Winter, sondern jetzt hier. Abwarten im Schutz einer Bushaltestelle. Als sich der gröbste Regen gelegt hatte, gingen wir weiter zum Palast, in dem das Außenministerium untergebracht ist. Dort aber kommen wir erst morgen Vormittag rein. Also gingen wir weiter in Richtung Hotel, vorbei an all den Hochhäusern mit den Ministerien drin. Sie sehen ein wenig aus wie Plattenbauten in Wohnsiedlungen der 60-er Jahre, sind jedoch älter und auch schon ziemlich verschlissen. Sie bräuchten - wenigstens außen - eine Renovierung. Schön aber ist, dass zwischen diesen Häusern Mangobäume stehen, die Schatten, Früchte und Sichtschutz bieten. Hier treffen sich Mitarbeitende der Ministerien an kleinen Buden, in denen sie sich mit Mittagessen oder anderem versorgen können. Da der Regen immer stärker wurde, machten wir eine längere Pause in der Kathedrale und gingen dann in das Shoppingcenter in der Nähe des Hotels zum Mittagessen. Es war schon ziemlich spät geworden. Danach schafften wir es nur noch zurück ins Hotel, denn der Nachmittag wurde in der Tat wettertechnisch nicht besser, so dass genügend Zeit für das Erlebnisbuch und die erste Fotoserie aus Brasilia blieb.

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