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Freitag, 14. November 2014: Brasilia, Teil 5

In Brasilia kann man - so Aurora - zwei Sorten von Dialekten unterscheiden. Entweder reden die Leute wie Menschen aus dem Nordosten Brasiliens, oder sie reden wie die in Rio de Janeiro. Einen eigenen Dialekt gibt es hier noch nicht. Das liegt daran, dass die Menschen auf zwei Weisen hierher kamen. Die einen haben Brasilia erbaut. Sie stammen aus dem Nordosten, sind zumeist einfache Menschen und haben Eltern, die Ende der 50er Jahre hierher kamen, um die Stadt hoch zu ziehen. Damals war wohl ihr Dialekt der einzige, den man hier hören konnte. Dann aber zog die Hauptstadt um. Nur sehr widerwillig zogen die verbeamteten Cariocas, die Bewohner Rios, mit. Denn Rio war bis dahin die Hauptstadt Brasiliens. Freiwillig haben sie es nicht gemacht, was man ihnen nicht verübeln kann. Ich erinnere mich, wie das war, als unsere Bundeshauptstadt von Bonn nach Berlin verlegt wurde und das Heer der Beamten mitziehen sollte. So ähnlich war das hier auch, nur wurde ein erheblich größerer Druck auf die Beamten ausgeübt: Entweder, ihr zieht mit, oder ihr werdet gefeuert. Da machte sich dann eine maulende Menge Cariocas auf den Weg. So kam auch dieser Dialekt hierher. Ich glaube, die Cariocas fühlen sich noch heute wie Vertriebene und wären allzu gerne wieder in Rio.
Ein alter Carioca kam gestern auf uns zu. Wir saßen gerade an der Bushaltestelle, als ein Bus hielt und ein uralter, freundlich drein schauender Mann stieg aus. Sicher war er über 90 Jahre alt. Aber er kam noch ohne Hilfe aus dem Bus. Gleich begann er, mit uns zu reden, sich zu erkundigen, wer wir seien und uns alles Gute zu wünschen. Er selber war Fotograf beim Gericht gewesen und wollte seine heutigen Kollegen besuchen. So plauderten wir eine Weile. Dann ging er weiter und wir sahen, dass er schon nach 2 Minuten einen neuen Gesprächspartner gefunden hat, der nun mit ihm ging in ein freundliches, zugewandtes Gespräch verwickelt. Ich fand den Mann wunderbar!
Neues gibt es auch von der Korruptionsfront, denn immer mehr Involvierte sind bereit, vor dem Richter auszupacken unter Inanspruchnahme der Kronzeugenregelung. Es geht um die Korruptionsaffäre von Petrobras und das Kartell der Baufirmen, die mit Petrobrass Geschäfte gemacht haben. Wie spannend! Ob endlich mal aufgeräumt werden kann?
Noch eine Besonderheit gibt es, die das Berichten lohnt. Hier gab es im Oktober und November eine Kampagne, die jeweils mit einer Farbe und einer am Revers getragenen Schleife markiert wird. Selbst die Moderatoren im Fernsehen tragen diese Schleife. Vorigen Monat war die Farbe Rosa dran und ich ging den ganzen Monat im Glauben, es wäre eine Solidaritätsaktion mit Schwulen gemeint. Weit gefehlt! Es handelte sich um eine Kampagne zur Unterstützung von Brustkrebsvorsorge. Warum ausgerechnet Rosa? - Keine Ahnung! In diesem Monat ist die Farbe blau und es geht um Prostatakrebsvorsorge. Das geht mich schon eher etwas an, zumal wenn ich jetzt 65 Jahre alt bin. Dank dieses Geburtstags war ich wohl ab heute berechtigt, hier in Brasilia den Bus gratis zu nehmen. Und damit bin ich auch schon bei der Tagesbeschreibung:

So richtig schlecht war das Wetter heute früh nicht, so dass wir uns auf einen schönen Tag freuten. In Anbetracht unserer Erfahrungen jedoch hatten wir geplant, die meiste Zeit unter den Dächern Brasilias zu verbringen, was sich später als recht weise Entscheidung erwiesen hat.
Der erste Termin war der Palácio Itamaraty, das Außenministerium, in dem wir uns schon gestern für die Führung um 10 Uhr angemeldet hatten. Dorthin fuhren wir mit dem Bus. Da ich nun seit heute richtiger Senior bin, habe ich Aurora gedrängt zu fragen, ob ich nun gratis mitfahren dürfe. Ich durfte, musste mich allerdings zu den Alten ganz nach vorne setzen, was ich gerne und mit Stolz tat. Man stell sich vor: jetzt bin ich auch ein Alter, ein Senior, der besonders hier in Brasilien viele Vergünstigungen hat. Aurora meinte, ich täte nur den Staat schädigen. Na ja, aber so richtig geschädigt wurde er durch mich eher nicht. Aber ich hatte das Gefühl, dass mein Alter jetzt endlich richtig geschätzt wird. Und so ging es vom Hotel zum Palácio Itamaraty. Wir waren zu früh und warteten darum draußen auf einer Bank in der Sonne, direkt vor dem Gesundheitsministerium. Anscheinend ist dort Arbeitsbeginn um 10 Uhr, denn es kamen viele Leute, die in das Gebäude hinein strömten, ohne Hast, eher im Bombinhas Schlenderschritt. Die meisten sahen trist aus und gingen in ein tristes Gebäude, das dringend einer Sanierung bedarf. Hätten früher unsere Hausbesetzer dieses Gebäude gesehen, wäre es im Handumdrehen besetzt worden, so abgewirtschaftet sah es aus. Aurora meinte, dass die Gelder für die Renovierung sicher in irgendwelchen Taschen gelandet seien, aber Beweise hat sie für diese Annahme nicht.
Dann war es 10 Uhr und die Führung durch den Palast begann. Zunächst die große Eingangshalle, die auch als Empfangsraum dient. Sie ist wirklich riesig und komplett ohne Säulen. An einer Seite führt eine geschwungene, breite Freitreppe ohne Geländer in das obere Stockwerk. Pflanzen aus dem Amazonasgebiet waren an den Fenstern in einer Art künstlicher Landschaft mit See gepflanzt. Im oberen Stockwerk gab es dann diverse, riesige Räume, in denen Empfänge stattfinden. Sodann war da noch ein Dachgarten mit Grünanlage, Statuen und schöner Aussicht auf alle wichtigen Gebäude ringsum. An der einen Seite des Gartens lag dann ein großer Speisesaal. Ich vermutete die Kantine, jedoch war es ein Raum für Galadiners. Gerade am vergangenen Montag waren bei einem feierlichen Schmaus die Akkreditierungen neuer Botschafter vorgenommen worden. Dilma liebt sowas nicht besonders, weswegen die neuen Botschafter bis zu einem Jahr warten mussten, bis es ihr genehm war, ihre Akkreditierung entgegen zu nehmen. Übrigens lässt sich Dilmas nicht so große Liebe zur Diplomatie schon daran ablesen, dass auch dieser schöne Palast, ein weiteres Bauwerk von Oscar Niemeyer, dringend renoviert werden müsste.
Übrigens haben der Außenminister und sein Staatssekretär im oberen Geschoss ihre Büros. Dabei verfügt der Außenminister noch über eine kleine Wohnung im Gebäude, während der Staatssekretär im 1. Stock einen privaten Parkplatz hat. Da stand also direkt neben der Empfangshalle mitten im Palácio zwischen diversen Kunstwerken und Teppichen ein dicker BMW und parkte - natürlich nicht ganz offen, sondern von Wänden umgeben, jedoch durchaus sichtbar. Was es nicht alles gibt auf dieser Welt?!?!
Eine Stunde nahm die Führung in Anspruch, an der auch eine Menge Schülerinnen und Schüler teilnahm. Das waren junge Menschen aus einer kleinen Stadt im Bundesland Goias mit besonders guten Noten. Sie hatten als Prämie eine Reise in die Hauptstadt bekommen, waren heute früh um 2 Uhr nachts los gefahren und werden heute Abend wieder zurück fahren. Ob das nun wirklich eine Prämie ist, weiß ich nicht. Jedenfalls werden sie danach ganz schön kaputt sein.
Als wir gegen 11 Uhr den Palácio verließen, begann es schon zu tröpfeln. Wir schafften es aber noch gut zum Nationalmuseum, das wir ebenfalls kostenlos - wie übrigens alles, was wir bisher gesehen haben - für die Besucher war. Übrigens sahen wir auf dem Weg dorthin das erste Auto hier in Brasilien mit deutschem Nummernschild. Es war vor der Kathedrale ein Campingwagen aus Regensburg. Wie der wohl hierhergekommen ist? Wie der wohl wieder zurück kommen wird? Aber zurück zum Nationalmuseum. Unten war eine Ausstellung, die seit gestern lief, über besonders Sehenswertes aus Brasilien, oben gab es eine Designerausstellung von dänischen Designern. Auch hier schauten wir uns eine Stunde lang um. Groß ist das Museum eher nicht, aber der Bau ist sehr schön, eben auch von Oscar Niemeyer. Es ist eine große Kuppel mit diversen Rampen. Eine lange Rampe führt in den 1. Stock, wo die Ausstellung beginnt, und eine für Fußgänger nicht zugängliche Rampe, die in einem Außenbogen vom 1. in den 2. Stock führt, lässt es zu, dass man auch schwere Dinge mit dem Auto nach oben bringen kann.

Inzwischen war es 13.30 Uhr geworden und es begann, fürchterlich zu regnen. Ich hatte immerhin Tennisschuhe an, Aurora aber nur Sandalen. Also suchten wir uns ein Taxi und ließen uns zu einer weiteren Sehenswürdigkeit besonderer Art chauffieren. Es handelte sich dabei um den „Tempel des guten Willens“ (Templo da Boa Vontade), ein pyramidenförmiges Bauwerk, in dessen Spitze ein sehr großer Bergkristall steckt, der gute, reinigende Energie auf den herab schickt, der gerade mal drunter steht. Wer aber unter dem Kristall stehen möchte, geht vorher eine Spirale auf dunklen Steinen von außen nach innen rein, lässt sich dann spirituell reinigen und geht dann als Gereinigter auf weißen Steinen wieder in einer Spirale raus. In dem Oktaeder des Pyramidenbaus steht auch noch eine Art Altar, der als Thron Gottes bezeichnet wird. Sodann ist an einer Seite auch eine Statue von Daniel, der auf einem Löwen steht, zu betrachten. An diesem Aufbau sieht man schon, dass es sich um ein esoterisches Bauwerk handelt von einer Organisation, die sich ökumenisch nennt, die aber damit quasi alle Religionen und ihre Aussagen in sich vereinigen möchte. Wer sowas will, schafft in der Regel keine Religionsvereinigung, sondern schlicht eine weitere Religion, in der allerdings alle wichtigen Gestalten aller Religionen vereinnahmt werden. Auf Plakaten von wichtigen, religiösen Menschen fand ich sogar Luther und Melanchthon. Nicht genug damit, dass man sich so reinigen kann, gibt es dort auch noch eine Heilige Quelle mit Heilwasser, durch das man gesund werden kann. Nun habe ich das nicht ausprobieren können, da ich ja nicht krank bin.
Die Organisation, die hinter diesem Bauwerk steht, ist die „Legion Des Guten Willens (LGW)“, dessen Generaldirektor ein Journalist namens José de Paiva Netto ist. Er schaut einen lächelnd und freundlich aus allen Prospekten an und meint solche Sachen wie: „Der Tempel des Guten Willens erfüllt diese historische Rolle in der Welt: auf solidarische Weise die Schäfchen Gottes an seiner Brust aufzunehmen, die vom Separatismus erschöpft, nach der Erschaffung der unbegrenzten und absoluten Ökumene auf Erden dürsten.“ (Zitat aus dem Prospekt, das es auch auf Deutsch gibt)
Ich bin den Weg im Tempel gegangen bis in die Mitte und auch wieder raus. Dabei war ich andächtig und fühlte auch ein Kribbeln, das vom Scheitel über den Rücken lief, aber ich spürte auch, dass es dennoch nicht mein Ding ist. Dafür bin ich zu gerne Christ und fühle mich bei Christus, bei dem ich alles finde, was ich zum Leben und zum Sterben brauche, zu wohl. Somit bin ich also kein Ansprechpartner für Seu Netto.
Als wir dann den Tempel verließen, goss es aus vollen Kannen. Mit Mühe erreichten wir eine kleine Einkaufspassage, in der wir aßen. Dann brachte uns ein Taxi zurück ins Hotel. Es gießt noch immer in Strömen. So machen wir es uns heute für den Rest des Tages gemütlich.

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