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Samstag, 15. November 2014:
Brasilia zum Letzten

Bevor ich in den Bericht über die Tagesereignisse einsteige, muss ich noch von einer politischen Besonderheit berichten: Das Verhältnis zwischen São Paulo und dem Rest des Landes. Das ist nämlich eine ziemlich delikate Angelegenheit geprägt von beidseitigem Misstrauen. Ich kenne solche schwierigen internen Beziehungen lediglich aus unserer Landeskirche, der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, wo es zu meiner aktiven Zeit ein ebenso schwieriges Verhältnis zwischen Frankfurt und der übrigen EKHN gab, bei dem beide Seiten manchmal recht wenig Verständnis füreinander aufbrachten. In sehr viel größerem Umfang besteht also dieses Problem zwischen Brasilien und seiner größten Stadt São Paulo. Das ist auch kein Wunder, denn in der Stadt wohnen ungefähr 10% der Gesamtbevölkerung, also rund 22 Millionen Menschen, und im gleichnamigen Bundesland gar 20% aller Brasilianer (40 Millionen. Brasilien hat 200 Millionen). Manches Bundesland würde bezüglich der Einwohner knapp einen Unterstadtteil von São Paulo füllen. Dieses Ungleichgewicht macht Brasilien Angst, denn man befürchtet, dass São Paulo einen zu großen Einfluss auf die Politik in Brasilien erhält. Und São Paulo hat Angst, dass der Rest von Brasilien nicht so auf die Bedürfnisse der Stadt eingeht, wie man das braucht, denn in São Paulo ist das absolute Zentrum der Industrie, was mit weitem Abstand die meisten Steuern einbringt, von denen natürlich auch die anderen profitieren. Im Nordosten könnten die Sozialprogramme ohne die Wirtschaftskraft von São Paulo gar nicht verwirklicht werden. So beäugt man sich argwöhnisch, was sich auch in den politischen Verhältnissen wiederspiegelt. Im Senat ist alles klar, denn da bekommt jeder Bundesstaat 3 Senatorenposten. Das gilt sowohl für die ganz kleinen Bundesstaaten, als auch für São Paulo. Wenn man aber im Abgeordnetenhaus jede Wählerstimme gleich bewerten würde, würden also ungefähr 20% aller Abgeordneter aus São Paulo kommen, was auf keinen Fall passieren darf, wie die anderen meinen. So gibt es also eine Begrenzung von Abgeordneten. Jedes Bundesland, so klein es auch ist, bekommt mindestens 8 Abgeordnete ins Abgeordnetenhaus. Die Höchstgrenze für die Anzahl Abgeordneter liegt aber bei 70. Das Bundesland São Paulo hat 30 Abgeordnete, müsste aber sicherlich rund 100 haben, wenn alle Stimmen gleichwertig wären. Sergipe, ein Bundesland im Nordosten, hat lediglich 2 Millionen Einwohner und 8 Abgeordnete. Das wiederum wurmt São Paulo sehr, jedoch ist die Stadt und das dazu gehörige Bundesland an dieser Stelle hilflos - wie es Frankfurt oft in der EKHN zu sein scheint. Das wurmt São Paulo auch deswegen, weil man hier die Korruption erfolgreich bekämpft und eine wirklich moderne Wirtschaft hat, während es viele andere Bundesstaaten mit der Korruption nicht so ernst nehmen. Das gilt besonders für den Nordosten, wo die Werte und das Leben anders als in São Paulo gestrickt sind. In manchen Bundesländern im Nordosten sind bis zu 50% der Bevölkerung Empfänger von Sozialhilfe. Erstaunlich, aber erfreulich finde ich, dass es in São Paulo trotz allem keinerlei Abspaltungsbewegungen vom übrigen Brasilien gibt, wie es vor vielen Jahren einmal Singapore gemacht hat, als es sich vom armen Malaysia trennte. Da könnten sich die Katalanen oder Norditaliener ein gutes Beispiel dran nehmen!

Nach diesem Exkurs in die Politik kehre ich zurück zu dem, was heute anstand. Es war - ehrlich gesagt - nicht mehr besonders viel, denn selbst wir werden aus Schaden klug. Insofern wurden die Ziele der heutigen Erkundungen auf die nähere Umgebung des Hotels beschränkt. Aber das geht auch in Ordnung, weil wir die weitere Umgebung bereits erkundet hatten. Denkbar wären noch Ziele wie das Observatorium, der Zoo oder der Botanische Garten, aber wenn man überall damit rechnen muss, von heftigen Regenschauern eingeholt zu werden, vergeht Aurora und mir die Lust dazu.
Was die nähere Umgebung angeht, so hatten wir ja auch noch ein offenes Ziel: den Besuch der Aussichtsplattform des Fernsehturms. Da es gegen 10 Uhr - wie fast täglich - herrlichstes Wetter war, gingen wir aus dem Hotel, überquerten die 6-spurige Einbahnstraße, die den Verkehr in die Innenstadt leitet, und kamen auf das Plateau, auf dem der Fernsehturm steht. Der Lift war auch gleich da, drinnen ein alter Herr - wie ich - als Liftboy, der uns unmittelbar hoch zur Aussichtsplattform brachte. Nun konnten wir noch einmal alles von oben sehen, was wir so im Laufe der vergangenen Tage unten gesehen hatten: Das Mausoleum von Kubitscheck auf der einen Seite, und dem gegenüber die Innenstadt mit dem Machtzentrum, der Reihe von Hochhäusern mit den Ministerien, die Kathedrale, das Nationalmuseum auf der einen Seite und gegenüber das Nationaltheater, die Nationalbibliothek, das Parlament und die hinteren Gebäude auf dem Platz der drei Gewalten, bis zur Brücke, die wir auf dem Ausflug am ersten Tag besucht hatten. Neu entdeckten wir zu Füßen des Fernsehturms eine Art Flohmarkt mit vielen, kleinen, festen Geschäften, in denen es manchen Krimskrams gab. Es machte Spaß, da durch zu gehen. Wir erstanden sogar für uns jeweils ein T-Shirt mit einem für Brasilia charakteristischen Motiv. Bei mir ist es der Plano Piloto und bei Aurora mehrere Symbole wie Kathedrale und Parlament. Das Leben sprudelte dort. Bettler und Vagabunden liefen zwischen den Leuten herum, bettelten, aber auf eine sympathische Weise und ohne aufdringlich zu sein. Aufdringlich waren eher die Tauben. Beim Mittagessen beobachteten wir, wie sich ein Vagabund fröhlich mit Besteck aus der Mülltonne versah, als er von einem Restaurant die Reste der zurückgegangenen Essen erhielt. Er freute sich und griff wacker zu. Dabei machte ihm auch nichts aus, dass er Zweitbenutzer der Colaflasche war. Seine Hose würde dringend einer Wäsche bedürfen.

Wie kann man nun den Besuch dieser Stadt zusammenfassen?
1. Die Stadt lohnt sich zu besuchen. Sie ist immerhin ein Weltkulturerbe der UNESCO und architektonisch ein Kleinod.
2. Die Stadt ist sehr grün, denn es gibt hier ausgedehnte Parkanlagen und selbst zwischen den Hochhäusern wachsen ganze Mangowälder. Ich finde das wirklich sehr schön und auch nötig, denn wenn die Sonne hier scheint, dann schlägt sie wirklich hart zu und es wird sehr schnell unerträglich heiß und schwül. Da tut der Schatten der Bäume gut.
3. Die Stadt ist eine Autostadt. Die Planung der Straßen ist gigantisch. Fast alle Kreuzungen in der Innenstadt habe das Format eines Frankfurter Kreuzes. Auch gibt es reichlich Parkplätze. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier jemand länger als 1 Minute nach einem Parkplatz rumsuchen muss. Wer also Lust hat, sollte sich hier ein Auto mieten. Willkommener als hier sind Auto nirgends auf der Welt.
4. Die Stadt ist feindlich den Fußgängern gegenüber. Zwar gibt es fast überall Gehwege, jedoch sind die Wege auf Grund der breiten und vielen Straßen und den großen Parkanlage sehr weit und man muss gut zu Fuß sein und nicht so empfindlich gegenüber Hitze und Schwüle.
5. Die Stadt ist gegliedert in Funktionsbereiche. Wir wohnten im Hoteldistrikt. Da sind nur Hotels und es wohnen dort nur Hotelgäste, die theoretisch alles, was sie brauchen, im Hotel bekommen. Also gibt es keine Lebensmittelgeschäfte in der Nähe, sondern nur haufenweise Schuh-, Schmuck- und Klamottenläden. Denn sonst wohnt hier kein Mensch mit eigenem Haushalt. Alle, die hier arbeiten, kommen von außerhalb. So gibt es auch z.B. Bankenviertel, ein Botschaftsviertel, in dem alle Botschaften untergebracht sind, und sogar ein Kirchenviertel, das wir allerdings nicht besucht haben. Warum auch, wo wir sonst so viel mit Kirche zu tun haben.
6. Die Stadt ist von Oktober bis Mai eher nicht empfehlenswert, denn dann muss man mit dem Risiko von beständig schlechtem Wetter rechnen. Es ist Regenzeit. Besser ist es, seine Reise hierher von Juni bis September zu planen. Da kann man auf jeden Fall sicherer sein, auf gutes Wetter zu treffen.

Noch zu unserem Hotel, dem Meliã Brasil 21. Ausgewiesen ist es als ein 4-Sterne-Hotel, jedoch fanden wir, dass es lediglich knapp 3 Sterne verdient. Die Zimmer sind zwar sehr groß, bestehen aus 2 Räumen, was ungewöhnlich für ein normales Hotel ist. Aber der Service, auch der Reinigungsservice, war eher schleppend. Wir kamen mehrfach am späteren Mittag zurück und fanden unsere Zimmer so vor, wie wir es verlassen hatten. Wenn wir dann reklamierten, kam jemand und machte husch-husch. Um neue Handtücher muss man erst in der Rezeption bitten, selbst wenn vorher die alten Handtücher vom Reinigungspersonal mitgenommen wurden. Das ist unangenehm, wenn man gerade duscht und nach dem Handtuch greift. Klo und Waschbecken verstopfen gerne - auch ohne unser Zutun. Das Frühstück war in Ordnung. Es fehlt uns das Vollkornbrot, aber wo gibt es sowas schon auf der Welt. Lustig ist beim Frühstück eher, dass die Servicefrau, nachdem die Hälfte des Obstsalates gegessen war, die Schüssel mitnahm und erst nach 10 Minuten gefüllt wieder zurück brachte. Wahrscheinlich haben sie keine zwei Schüsseln, die man austauschen kann. Dieser Servicefrau gelang es übrigens auch, an einem Morgen die Theke mit dem Gebratenen in Brand zu setzen, weil sie einen der Brenner umstieß und das Tischtuch Feuer fing. Gott sei Dank entstand kein großer Schaden, weil drum herum lauter Steinboden ist. Die Tischdecke aber fackelte gänzlich ab. Beeinträchtigend war auch, dass unseren Schlüsselkarten öfters nicht funktionierten und einen Gang zur schwach besetzten Rezeption mit Neuprogrammierung der Karte erforderlich machten. Dafür hat das eigentlich schwache Internet besser funktioniert als unser sehr hoch dotiertes Internet in Bombinhas. Und was die Ruhe und Stille angeht, so habe ich inzwischen eingesehen, dass es in Brasilien keine Orte gibt, wo nicht ungehemmt herumgebrüllt werden darf.

Morgen nun geht es heim nach Bombinhas. Wir freuen uns schon auf unsere Katzen. Das Hotel werden wir gegen 6 Uhr verlassen. Um 9 Uhr geht dann der Flug los und wir hoffen, dass wir gegen 16 Uhr in Bombinhas sein werden.

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