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Mittwoch, 19. November 2014: Spiritualität

In den letzten Wochen hatte ich allmorgendlich sozusagen als erstes, was ich las, einen Tagesbericht meines Bruders auf dem Bildschirm. Ich hatte darüber schon berichtet. Zwar hat mein Bruder auch einen christlichen Hintergrund – allein schon das gemeinsame Elternhaus, ein Pfarrhaus, steht dafür. Er war sogar einmal in einer Gemeinde Mitglied im Kirchenvorstand, ist dort aber ausgetreten, weil man sich zu viel mit Finanzen und zu wenig mit der Spiritualität befasste. Letzteres aber war sein Thema. Wie er schrieb, hat er sich dann ab den 80er Jahren mit Selbsterfahrungsprozessen befasst, war dann auf verschiedenen Stationen zum Buddhismus gekommen und hat dort das gefunden, was er im Christentum nicht fand, nämlich ein Angebot an Methoden, Denksystemen und eine Terminologie, was ihm auf seinem Weg zur Bewusstseinserweiterung half. In der Familie wurde wenig darüber gesprochen, weil sowohl meine Mutter bat, um des lieben Friedens willen darüber nicht zu sprechen und weil auch manche meiner Geschwister seine Gedankengänge nicht nachvollziehen konnten, ihn in eine „heidnische Ecke“ stellten, die sie für sich und ihre Kinder als gefährlich einstuften. Nun hat sich an dieser Stelle einiges verändert. Meine Mutter lebt schon seit vielen Jahren nicht mehr und meine Geschwister sind auch weitsichtiger, toleranter geworden. Ich glaube, heute stört sich niemand mehr daran, dass er bekennender Buddhist ist, auch wenn es mit dem Dialog noch immer nicht gut läuft. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Für meinen Bruder war ich als einziger Pfarrer der Familie sozusagen der Inbegriff jener wenig verständnisvollen Haltung seiner Erfahrung gegenüber. Das hat sich bei ihm wohl auch noch bestätigt, weil ich den Apostel Paulus gegen ihn in Schutz genommen habe. Paulus war für ihn der Inbegriff und Vater der christlichen Intoleranz und Gesetzlichkeit, während er für mich das genaue Gegenteil darstellt. Und so kamen allerlei Missverständnisse zwischen uns auf, die seit einiger Zeit in Gesprächen aufgeklärt werden konnten und die dazu führten, dass wir feststellten, wie wenig uns eigentlich in unserer Spiritualität unterscheidet. Dieser Trend des aufeinander Zugehens wurde durch den Austausch der Berichte, die mein Bruder aus Vientiane schrieb, verstärkt. Dabei stellten wir fest, wie nahe wir uns eigentlich sind, was uns beide erstaunte, ihn vielleicht mehr noch als mich.
Das Leben und das Sein ist wie ein breiter Strom, immerwährend fließend, in dem wir alle vorkommen, verbunden durch die göttliche Liebe, aus der wir bestehen, die uns zusammen hält und die uns letztlich ausmacht bis hin zu unseren sozialen Beziehungen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie er diese Metapher am Mekong meditierend beglückend erlebt. Was uns unterscheiden mag, ist die Definition des Ziels alles Seins. Er definiert es als das immerwährende Sein im Strom des Lebens, während ich als Ziel eher die Überwindung dieses Stroms, das Ende und das Ruhen im Göttlichen sehe. Christus ist für mich die Energie, die letztlich unsere Individualität ins Göttliche aufnimmt und zur Ruhe kommen lässt. Und diese Ruhe ist dann auch die Überwindung der von vielen so geliebten und gebrauchten Individualität. Ich denke, dass sowohl mein Bruder als auch ich überzeugt sind, dass es keinerlei Wirklichkeit außerhalb Gottes gibt, dass also letztlich alles göttlich ist. Und was Gott ist, kann man dann nicht definieren, weil jede Definition voraussetzt, dass es etwas jenseits der Definition gibt. Definition ist Abgrenzung. Nun ist dieses Gottesbild, wenn man davon überhaupt noch sprechen kann, sehr abstrakt. Mir reicht es. Vielen Menschen aber reicht es nicht. Sie haben darum konkretere Gottesbilder. Wir Christen kennen z.B. Gott-Vater, der die Personifizierung jener Liebe des Stromes des Lebens ist. Das aber ist eben eine Konkretion aus jenem – ich möchte sagen – Nichtbild des undefinierbaren Göttlichen. Es ist natürlich auch göttlich, weil es ja außerhalb des Göttlichen nichts gibt. Aber es ist ein Gottesbild, also eine Konkretion, hinter der, wenn man sie zurück verfolgt, die Abstraktion steht. Das Ende aber aller Abstraktionen ist das undefinierbare Göttliche, was auch immer das ist. Was meinen Bruder und mich vielleicht unterscheidet, ist eben mein Bedürfnis, aus dem Strom des Lebens herausgeholt zu werden durch die Christusenergie. Nun ist die Frage, ob wir uns tatsächlich unterscheiden, denn die Vorstellung eines immerwährenden Flusses des Lebens ist auch eine Konkretion, wenn man damit wirklich einen Strom, der durch Zeit und Raum fließt, verbindet. Ich denke, für meinen Bruder ist dieser Strom auch nur ein Bild einer spirituellen Erfahrung, die, wenn man sie in Raum und Zeit mitteilen möchte, auch in Raum und Zeit ausgedrückt werden muss. Der Strom des Lebens ist eben doch kein Fluss wie der Mekong, sondern eine spirituelle Erfahrung, eben die Abstraktion des Bildes vom Fluss. Ob das dann schon die letzte Abstraktion ist, sei dahin gestellt. Ich meine: nein, denn wo Bewegung ist – auch spirituelle Bewegung – da gibt es noch Gegenbewegung. Wenn die Bewegung und die Gegenbewegung sich aufgehoben haben, herrscht Stille und Frieden. Für mich ist die letzte Abstraktion lediglich als die Aufhebung aller Gegensätzlichkeit und damit der absoluten Stille denkbar. Diese Stille ist keine Langeweile, weil Langeweile gegensätzlich zu Spannung ist, also nicht die letzte Stille. Es ist vielleicht jene Stille und Frieden, die sich in Goethes Faust im Satz über einem Augenblick des Glückes spiegelt: „Verweile doch, du bist so schön!“ Es ist einfach das Sein im unverstellten Göttlichen.

Nun stehe ich mit meinen religionsphilosophischen Ansätzen recht einsam in der Kirche und erlebe oft bei Mitchristen eine Frömmigkeit, die mir sehr konkret zu sein schien. Da wird viel vom lieben Herrn Jesus erzählt, der großartige Dinge macht und sich liebevoll den Menschen zuwendet und damit Maßstäbe setzt. Würde man diesen Glauben abstrahieren, käme man sicherlich dorthin, wo ich stehe. Jedoch kommt das bei den Christen, die so sind, eher schlecht an. Denn es geht ihrer Meinung nach viel verloren: Geborgenheit im durchaus irdischen Sinn, aber auch die Möglichkeit, mit Hilfe des – ich würde meinen: kindlich-magischen – Gebetes die Umwelt zu beeinflussen, bis hin zu einem guten Wertekatalog, an den ich mich im Leben orientieren kann. Ich gebe zu, dass das teilweise stimmt. Wenn es keine Wirklichkeit außerhalb Gottes gibt, dann brauche ich eigentlich keine Fürbitte zu halten, weil ich weiß, dass alles, ob es mir passt oder nicht, ob ich es richtig finde oder falsch, aus Gott in Gott besteht und dass alles seinen Sinn hat. Die Theodizeefrage (Wie kann Gott gut sein, wenn es so viel Böses auf der Welt gibt) stellt sich bei mir nicht.  Letztlich aber bedeutet es, dass die Geborgenheit in meinem Glauben weit umfassender ist als bei denen, die es für möglich halten, von Gott vergessen zu werden oder in eine Gottesferne zu gelangen. Denn wie soll ich aus der bildlichen Hand Gottes fallen, wenn es außerhalb dieser Hand nichts gibt, wohin ich fallen könnte. Und was die Moral angeht, so meine ich, dass mein Glaube mich motivieren kann, den Strom der Liebe selber erfahrend zu leben und mein Leben zu gestalten. Aber den Wertekatalog sollte ich von dort beziehen, wo sich auch Andersgläubige wiederfinden, etwa in der Erklärung der Menschenrechte der UNO. Denn wenn ich mich in meinem Wertekatalog nach meinem religiösen Glauben richte, laufe ich Gefahr, fanatisch zu werden und mich und meinen Glauben als allein seligmachend vielleicht sogar mit Gewalt durchzusetzen. So erleben wir es bei manchen Salafisten, aber auch bei fanatischen Evangelikalen vor allem in den USA.

Was meinen Freund Paulus angeht, so vermute ich, dass er sehr wohl religionsphilosophisch gebildet war. Aber er meinte, dass er in seinen Briefen, die er in die Gemeinden zu jeweils konkreten Anlässen schrieb, das nur andeuten kann, weil er sonst nicht verstanden würde. Statt dessen ging er auf das Niveau der Menschen in den Gemeinden ein, gab ihnen gute Ratschläge, wie sie mit Problemen und Konflikten umgehen sollten und ermahnte sie, sich nicht den Blick auf den wiederkehrenden Christus, der sie zu sich in sein göttliches Reich nehmen wird, durch ihre Verstrickungen, die das Leben nun mal bereit hält, verstellen zu lassen. An eine Morallehre hat er sicher nicht gedacht, als er seine Briefe schrieb, sondern nur an Mitchristen, die durch das Leben in ihrem Blick auf Christus irre geworden sind und die Tipps brauchten, um sich wieder zentrieren zu können.

Noch einmal zurück zu meinem Bruder. Was uns also unterscheidet ist die erlösende Christuskraft, die mich aus dem Strom des Lebens in den Frieden holt. Für ihn ist der Strom des Lebens immerwährend, erfüllend, keiner Erlösung bedürftig. Und dennoch denke ich, dass wir uns selbst hier nicht sehr unterscheiden, sondern lediglich das Sein des Stroms des Lebens unterschiedlich definieren. Letztlich sind wir eins, und zwar eins in jenem undefinierten und undefinierbaren Göttlichen, wie auch immer man das dann bezeichnen will.

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