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Sonntag, 23. November 2014: Ana

Ewigkeitssonntag, letzter Sonntag im Kirchenjahr. Heute gedenken die evangelischen Christen ihrer Verstorbenen. Es ist oft kalt draußen und man geht im dicken Wintermantel an die winterfertigen Gräber. Ich gedenke auch der Verstorbenen in meiner nahen Familie.
1967 starb meine Oma, die Mutter meiner Mutter, die mich als Kind besonders in ihr Herz geschlossen hatte.
1969 folgte viel zu früh und dennoch nach sehr langer Krankheit mein Vater. Er war erst 59 Jahre alt.
Danach aber ging das Leben erst einmal weiter bis meine Mutter 1993 ein halbes Jahr vor ihrem 80. Geburtstag starb. Darin lag eigentlich nichts tragisches, denn sie war gefasst und gut auf den Tod vorbereitet.
Tragischer war da schon der Tod meines Bruders 1996, weil er sich so unnötig anfühlt. Auch er war noch viel zu jung, hatte aber seinen Krebs nicht mit Heilung versprechenden Methoden behandeln lassen, sondern alternative, wenig hilfreiche Wege probiert. So wurde er nur 53 Jahre alt. Aber er starb auf eine außergewöhnliche Weise, die dem Tod eine Würde gab, die man so häufig vermisst. Er beschenkte seine Tochter, seine Frau noch einmal und verabschiedete sich. Sie waren dann auch bei ihm, als er über Nacht ganz sanft starb.
Es folgte dann noch mein Schwager Friedhelm, der mit meiner Schwester in einer sehr innigen Beziehung lebte und mit dem sie auch heute noch eine sehr spirituelle Beziehung pflegt. Das war 2001 und unendlich traurig, weil es auch ziemlich unerwartet kam. Ich habe selber noch die Trauerfeier gehalten.
Seitdem hat der Tod in der Ursprungsfamilie nicht mehr zugeschlagen. Bei mir läuft aber dem Tag entsprechende Musik, zumeist Bachkantaten, die mit dem Ewigkeitssonntag zu tun haben. Dazu herrscht allerdings ein Wetter, das eher den hiesigen Vorstellungen eines 23. Novembers entsprechen: 25°, Sonnenschein, Strandwetter, jedoch nicht zu heiß mit einem etwas kühlenden Wind, also ausgesprochen angenehm. Entsprechend war auch heute das Strandleben: Viele Menschen sind da, Familien mit kleinen Kindern, viele Strandläufer – wie wir. Dabei waren wir heute recht spät dran, weil wir nicht wie gewöhnlich gegen 7 Uhr aufgestanden sind, sondern erst gegen 9 Uhr. Denn gestern waren wir eingeladen zum 55. Geburtstag von Ana, der Wirtin der „Rancho da Ana“. Vor einigen Wochen waren wir schon einmal Gast bei ihr, als Raphaela 30 Jahre alt geworden ist. Gestern nun wurde die Chefin selber 55 Jahre alt und wir waren wieder eingeladen worden. Seit Ana und wir uns näher kennen, gibt es eine herzliche Zuneigung zueinander. Und so garnierten wir die Familienfeier als Freunde des Hauses. Da wir eher zu den Alten zählten – es waren wieder sehr viele junge Familien mit kleinen Kindern da – setzten Aurora und ich uns zu Anas Mutter. Sie ist eine alte, fast blinde Frau und war mit ihrem Ehemann aus Navegantes angereist.

Ana mit Großnichte auf dem Arm Ana heißt mit ganzem Namen Ana Cecilia Olsson. Wie ich früher schon schrieb, ist sie also Halbschwedin. Damals lebte ihre Mutter namens Maria für ein knappes Jahr in Göteborg, wohin Anas Vater von Helsingborg aus gezogen war. Lange allerdings blieb sie nicht dort, denn die ganze Familie ging zurück nach Brasilien. Immerhin konnte Anas Mutter noch einige Worte Schwedisch. Das klang geradezu exotisch, wenn eine alte Frau, die ziemlich dunkelhäutig, brasilianisch aussieht, plötzlich herausbringt: „Tack så mycket! Hur mår du? Jag mår bra“ (Danke! Wie geht es dir? Mir geht es gut) usw. Ich schlug ihr ein schwedisches Gespräch vor, jedoch reichte es dafür eher nicht. Bei der Gelegenheit aber stellte ich fest, wie schwer es ist, wenn man gleichzeitig in zwei Fremdsprachen kommunizieren soll. Da rutschen Wörter der einen ständig in die andere Sprache hinein und man muss ich scharf konzentrieren. Da waren die beiden bereits getrunkenen Bierchen überhaupt nicht hilfreich. Also war ich eher froh, dass aus dieser Unterhaltung nichts wurde. Stattdessen blieben wir bei dem bewährten Portugiesisch.
Maria hat aus früheren Beziehungen 6 Kinder geboren. Ihr jetziger Ehemann Pedro hat auch 5 Kinder, so dass in dieser neuen Patchwork-Familie 11 Kinder zu finden sind. Da wird sogar ein traditionelles, protestantisches Pfarrhaus bleich vor Neid. Alle Kinder sind was geworden. Einige fanden sich zur Feier ein. Aber vor allem waren eben auch deren Kinder da samt den Urenkeln von Maria und Pedro. Ana selber konnte mit 3 ihrer 5 Töchter aufwarten, die ihr bei der Ausrichtung des Festes halfen. Raphaela wohnt ja bei ihr und arbeitet im Restaurant mit. Sie ist vor allem für das Kassieren zuständig. Eine weitere Tochter ist Konditorin und macht Süßkram, von dem es auch unglaubliche Mengen auf der Geburtstagsfeier gab. Eine weitere Tochter hatte eine etwas ungehaltene Tochter auf dem Arm. Sie fiel wohl als Hilfe eher aus. Sicher sind über 100 Menschen, die meisten verwandt, gekommen und es herrschte ein buntes Treiben im Restaurant. Wieder waren enorme Mengen Fingerfood, sogar Sushis in unglaublichen Mengen, vorbereitet, lauter leckere Sachen, leicht zu essen. Und wieder gab es eine Gratulationskur, bei der für Ana gesungen und der große Geburtstagskuchen angeschnitten wurde. Ich hatte dieses Mal die Kamera nicht daheim vergessen und habe so viele Fotos gemacht, die ich Ana dann nachträglich auch noch schenken möchte. Ana selber hat während des ganzen Festes keine Minute gesessen, sondern Glückwünsche entgegen genommen und war in ihrem festlichen Kleid durch die Schar der Gäste geschwebt, dafür sorgend, dass es niemandem an nichts fehlt. Sie ist ein unglaubliches Energiebündel.

Maria, Anas Mutter Pedro, Marias Mann
Maria, Anas MutterPedro, Marias Mann

Maria, Anas Mutter, ist inzwischen 85 Jahre alt und hat schwere Diabetes. Diese Krankheit hat ihr auch das Augenlicht genommen. Ein Auge hat sie inzwischen total verloren. Das andere Auge scheint wohl noch zu retten zu sein. Sie wird daran im Laufe des kommenden Jahres durch die staatliche Gesundheitsvorsorge behandelt und operiert. Verheiratet ist sie mit Pedro, einem alten Fischer. Pedro ist ein sehr lebensfroher Mensch. Er hat viele Lachfalten im wettergegerbten Gesicht, spricht viel und ausführlich und erzählt gerne, was das Leben ihm an Wohltaten und Einsichten gebracht hat. Er ging nur kurz in die Schule und ließ sich dann zum Fischer ausbilden. Schließlich war er oft auf hoher See unterwegs, wobei er lache musste, als ich ihn fragte, wie er das dann mit den vielen Kindern hin bekommen habe. Wir verstanden und prächtig. Jedoch gestehe ich, dass Aurora das meiste vom Gespräch abbekam, weil ich 1. bei weitem nicht alles verstand und 2. mit dem Fotoapparat ziemlich unterwegs war. Aurora fragte Maria, wo sie denn angesichts der vielen Kinder Weihnachten verbringen würde. „Im Restaurant!“ war ihre klare und lebenserfahrene Antwort. Ich vermute, dass es dann wieder ein großes Familienfest geben wird, nur eben in Navegantes und nicht in Bombinhas.
Am Ende luden uns die beiden alten Leute ein, zusammen mit Ana mal zu ihnen zu kommen, um sie in Navegantes zu besuchen. Mal sehen, ob wirklich was draus wird.

Aurora meinte auf dem Heimweg, dass das ein richtig typisches, brasilianisches Geburtstagsfest gewesen sei: viele Menschen aus mindestens 3 – 4 Generationen, mit viel Essen und munteren Gastgebern.

Fingerfood Süßkram
FingerfoodSüßkram

An unserem Tisch Eins von Marias Urenkelchen
An unserem TischEins von Marias Urenkelchen

Ana mit zwei Töchtern. Rechts ist Raphaela Es wird vor der Torte gesungen und geklatscht. Ana mit Enkelkind
Ana mit zwei Töchtern. Rechts ist RaphaelaEs wird vor der Torte gesungen und geklatscht. Ana mit Enkelkind

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