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Freitag, 12. Dezember 2014: schwül

Der Himmel ist grau, die Wolken hängen tief, aber es regnet nicht. Draußen herrscht eine Temperatur von 30°. Die Luftfeuchtigkeit dürfte bei 90% liegen. Jeder Schritt erzeugt einen Schweißausbruch. Wie gut, dass wir einen Pool haben. Aurora wischt mit viel Wasser die Terrasse. Es ist die einzige Tätigkeit, die man bei diesen klimatischen Bedingungen derzeit machen kann. Ich habe derweilen draußen kalt geduscht und den Pool gesäubert, damit man sich dort gut auf Normaltemperatur bringen kann. Die Katzen schlafen. Alle vier Pfoten sind von ihnen gestreckt. Chico wirft sich gleich, wenn er mich sieht, auf den Rücken, um sich den dicken Bauch kraulen zu lassen. Er schnurrt dabei.

Wir waren am Strand und haben unseren täglichen Gang im Schweiße unseres Angesichts gemacht und auf dem Rückweg Fleisch gekauft. Der Supermarkt Schmit ist innen gekühlt. Welch eine Wohltat. „Mein“ Schlachter, der uns immer bedient, hat uns 4 dicken Scheiben Rindfleisch für ein Churrasco abgeschnitten: 1.500 gr. wiegen sie und kosteten umgerechnet 11 Euro. Gleich werde ich den Grill anzünden, angetan in Badehose, immer einen Schlauch mit kühlendem Wasser bereit. Uns fällt die Vorstellung schwer, Schneematsch und Kälte zu erleben, wie es wohl auch umgekehrt schwer fällt, sich in Deutschland vorzustellen, wie wir hier schwitzen.

Adventliche Stimmung wird erzeugt, indem ich derzeit sehr viele Bach-Kantaten höre.

Vor einigen Tagen hat ein weiterer Supermarkt von Schmit bei uns in der Nähe seinen Betrieb aufgenommen. Ganz früher war es der Supermarkt Hack, ein Deutscher, der den Markt gebaut und in den ersten Jahren betrieben hat. Dann wurde der Markt zu einem Super-Zoni, der allerdings ein für uns absolut ungeeignetes Angebot hatte, und jetzt ist er zu einer weiteren Filiale vom Schmit geworden. Ich war schon einmal dort und habe ich umgesehen. Viel für uns habe ich dort nicht gefunden. Darum haben wir auch jetzt bei „unseren Leuten“ vom Schmit gefragt, was denn jetzt sei. Unser Schlachter sagte, dass er nicht wechseln würde, dass aber drei seiner Kollegen jetzt drüben tätig seien. Sie fehlten ihm im täglichen Betrieb. Auch Flavia, unsere „Lieblingskassiererin“, haben wir gefragt. Sie wird auch weiter in der alten Filiale bleiben, hat nur einige Tage in der neuen ausgeholfen, um die Regale zu bestücken. Sie meinte, dass das Angebot dort in der Tat ein anderes als in der alten Filiale sei. Das kann ich bestätigen. So bleiben wir also der alten Filiale am Strand treu.

unser Metzger mit Carlos, dem Erdmännchen Flavia mit Carlos, dem Erdmännchen
unser Metzger mit Carlos, dem ErdmännchenFlavia mit Carlos, dem Erdmännchen

Zuletzt möchte ich noch einmal abschließend auf meine in der letzten Zeit im Erlebnisbuch ergangenen Ergüsse über Entwicklungen in Europa eingehen. Ich kann mir vorstellen, dass sie auf deutsche Leser befremdlich wirken. Meine Sicht aber ist jetzt die eines Brasilianers. Das erklärt, wieso ich manches so sehe, wie ich es sehe.
Brasilien ist gleichzeitig ein Vielvölkerstaat und ein Ein-Volk-Staat mit einer Sprache und einer Kultur. Dabei hat es durch die Menschen unterschiedlichster Kulturen stark profitiert. Die Menschen haben immer ihre eigenen mitgebrachte Kulturen behalten und haben im Laufe der Generationen gemeinsam mit ihren Nachbarn anderer Kulturen eine neue, mit allen anderen Brasilianern gemeinsame Kultur entwickelt und auf ihre eigene Kultur drauf gesattelt, wobei die eigene Kultur, manchmal sogar auch die eigene Sprache, erhalten blieb. Was sie darüber hinaus verband, war jedoch die portugiesische Sprache. Insofern kann ich die neue von der CSU gefundenen Formulierung, die auf die Wichtigkeit einer gemeinsamen Sprache im Land hinweist. Das ist in der Tat grundlegend für ein Zusammenleben. Man muss miteinander kommunizieren können.
Nun schau man dagegen mal Europa an: Jedes – von hier aus so erlebte – Dorf muss um alles in der Welt einen eigenen Staat bilden und greift dafür sogar zu Waffen. Man kann, wenn man will, in manchen Gegenden Europas 5 selbständige Staaten an einem einzigen Nachmittag durchfahren. Das ist für hiesige Verhältnisse unvorstellbar, geradezu grotesk. Dorf = Kraal, denn – ebenfalls von hier aus gesehen – gibt es keinen Grund, die kulturelle Dignität Europas anders als die von z.B. Afrika zu sehen. Afrika und Europa haben beide gleichermaßen zur kulturellen Bildung Brasiliens beigetragen. Die Europäer haben Afrika in der Kolonialzeit in Staaten eingeteilt ohne Rücksicht auf Stammeskulturen. Selber aber pflegen sie eine Stammeskultur unter ihren Eingeborenen, die oft und bei vielen – nicht allen – an Chauvinismus grenzt. Da fliegt der Trainer von Bayern München extra mit dem Ziel nach Barcelona, seinem Chauvinismus zu huldigen. So etwas ist aus brasilianischer Sicht abwegig und unverständlich. Statt sich zu freuen, bei Beibehaltung eigener Kultur ein Teil der Europäischen Kultur zu sein, will man sich abspalten. Denn auch wenn hinter diesen Tendenzen sicher wirtschaftliche Interessen stehen, sieht doch der „kleine Mann“, der Eingeborene, der Heimattreue in erster Linie seinen Kraal mit seiner Kultur, seiner Sprache, seinen Bräuchen, seinen Stammtischen. Gerade die Katalanen und die Spanier haben hier in Südamerika ohne Rücksicht auf derlei Gefühle der Menschen auf eine Weise agiert, die dem, was sie selber für sich in Anspruch nehmen, extrem entgegen gesetzt ist. Aus brasilianischer Sicht sollten sie sich freuen, als Teil eines Großen ihre eigene Kultur weiter leben zu dürfen. Und sie sollten sich freuen, auch andere Kulturen kennen- und erleben zu dürfen, mit denen zusammen man schließlich zu einer großen Kultur Europas gelangen kann, die es ja schon in vieler Hinsicht gibt. Auch auf die Gefahr hin, als reaktionär zu gelten, sehne ich mich zurück zu den Zeiten, in denen wir europabegeistert waren und uns in erster Linie stolz als Europäer fühlten und nicht als Deutsche.

Heute bin ich Brasilianer mit deutschem Migrationshintergrund. So werde ich hier wahrgenommen, so fühle ich mich selber. Und es geht mir wunderbar damit!

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