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Dienstag, 16. Dezember 2014: Freuden

Was sind wir doch glückliche Menschen, wenn uns so viel Gutes widerfährt! Es gibt – außer der allgemeinen Vorfreude auf Weihnachten und die Geburt Jesu – zwei sehr gute Gründe, uns zu freuen:

Wir haben eine neue Frau gefunden, die Aurora dabei hilft, bei uns alles sauber zu halten. Sie heißt Marie und ist enorm fleißig. Für uns ist sie ein großer Glücksfall, denn sie ist viel flinker, verantwortungsbewusster und effektiver, als wir das bislang gewohnt waren und als wir es vorzufinden für möglich hielten. Sie heißt Marie – Betonung auf dem a, also Maaaarie – und ist ungefähr 35 Jahre alt. Marie ist alleinerziehend mit zwei Kindern: Wiliam ist 8 Jahre und Amanda 6 Jahre alt. Sie gehen hier in Bombinhas in eine Ganztagsschule und kommen gegen 17 Uhr heim. Marie kommt bislang immer dienstags gegen 14 Uhr und geht dann gegen 18 Uhr. Die Kinder haben einen Schlüssel. So richtig gefällt mir das nicht. Aber wir können das jetzt ändern, denn in Zukunft wird Marie zweimal in der Woche für 4 Stunden vormittags kommen: dienstags und freitags. Da sie bedeutend schneller als Priscila ist, kann man in dieser Zeit auch sehr viel mehr erledigen als mit Priscila.
Marie arbeitet in einem Hotel als Zimmermädchen für ein Mindestgehalt. Dafür muss ich aber sechsmal wöchentlich für 6 Stunden arbeiten. Das Mindestgehalt geht für die Miete drauf. Darum braucht Marie weitere Jobs, um sich und die Kinder ernähren zu können. Da kommt ihr die gute Bezahlung bei uns – wir zahlen sie noch besser als Priscila – sehr recht und hilft ihr enorm. Und so ist sie ein fröhliches Menschenkind ohne Allüren. Sie gehört einer Gemeinde an, aber nicht den Zeugen Jehovas. Jedenfalls hört sie gerne, wenn ich Bach, Praetorius und andere weihnachtliche Musik spiele.
Ist das nicht wunderbar? Aurora und ich freuen uns!

Marie, unsere neue Hilfe Reginaldo, Maura, Aurora, Reginaldos Mutter am 3. Advent
Marie, unsere neue HilfeReginaldo, Maura, Aurora, Reginaldos Mutter am 3. Advent

Der zweite Grund zur Freude wurde am 3. Advent gelegt, als uns Reginaldo und Maura, unsere neuen Freunde aus der evangelischen Gemeinde, zusammen mit Reginaldos Mutter besuchten und wir gemeinsam Pläne schmiedeten, um demnächst einen Besuch im Pantanal zu machen. Das Pantanal selber ist mir schon länger durch diverse Programme im Fernsehen bekannt. Geographisch liegt es im Westen Brasiliens an der Grenze zu Paraguay und Bolivien. Von uns aus sind es ziemlich genau 2.000 km bis nach Cuiabá. Es ist die Gegend mit der größten Artenvielfalt der Welt. Das bezieht sich sowohl auf die Vielzahl unterschiedlicher Mücken und Kaimane, als auch auf Papageien, Aras, überhaupt Vögel, Fische – darunter haufenweise Piranhas – samt einer Vielzahl anderer Viecher. Das Pantanal ist von Oktober bis März Überschwemmungsgebiet. Dann regnet es viel und die vielen Flüsse treten über die Ufer und machen aus der Gegend eine riesiges Seen- und Sumpfgebiet. Im März hört es dann auf zu regnen und die Gegend trocknet aus. Mit zunehmender Trockenheit machen sich vor allem Rinderherden breit, während die vielen Tiere in Richtung des zurückgehenden Wassers gedrängt werden. Das ist ähnlich wie in Afrika in den großen Nationalparks. Diese Zeit ist gut für Exkursionen in die Tierwelt des Pantanal.
Heute nun ist klar geworden, dass es am 6. April, am Ostersonntag, los geht. Wir fahren gemeinsam nach Joinville, einer ziemlich großen Stadt 120 km in Richtung Curitiba. Dort steigen wir in ein Flugzeug, um mit Umsteigen nach Cuiabá zu fliegen. Cuiabá ist die Hauptstadt von Mato Grosso do Norte und liegt am nördlichen Rand des Pantanal. Von dort werden wir abgeholt in ein ökologisches Ressort in Porto Cercado, einem abgelegenen Stadtteil von Poconé, was schon richtig im nördlichen Pantanal am Rio Cuiabá liegt. 4 Tage werden wir dort bleiben und von dort aus organisierte Ausflüge zu den auf uns bereits wartenden Viechern des Pantanals zu unternehmen. Ich nehme Mückenklatsche, Mückenspray, Mückensalbe, Mückenräucherstäbchen, mückenresistente Kleidung und Salbe gegen Mückenstiche reichlich mit. Danach geht es zurück nach Cuiabá, wo wir ein Auto mieten, um uns in verschiedene Gegenden und Nationalparks nördlich von Cuiabá zu begeben. Es ist die Gegend in der der Regenwald des Amazonas seine letzten Ausläufer hat. Es kommen viele Wasserfälle von den Bergen herunter, die ihr Wasser dann ins Pantanal ergießen. Es soll auch dort unglaublich schön sein. 14 Tage sind wir unterwegs.

Karte (copyright: Großer Weltatlas, Naumann&Göbel 1990) Karte mit eingezeichnetem Flug von Joinville nach Cuiabá (copyright: Großer Weltatlas, Naumann&Göbel 1990)

Das Pantanal (copyright: Baedeker Reiseführer Brasilien) Das Pantanal (copyright: Baedeker Reiseführer Brasilien)

Ein kleines Kreuz ist uns aber auch aufgelegt, denn unter uns hat schon seit einigen Tagen in einer kleinen Wohnung, die gerade mal ¼ unserer Wohnung groß ist, eine 6-köpfige Familie Quartier bezogen. Es sind fröhliche Menschen mit einem kleinen 5-jährigen Mädchen. Auch dieses Mädchen ist eine fröhliche, kleine Persönlichkeit, deren vorrangiges Merkmal ein ausgeprägtes Kinderstimmchen ist, das nirgends zu überhören ist. Hinzu kommt, dass es – wie es hier oft üblich ist – eher die Schlafenszeiten der Erwachsenen hat. Das ist auch nicht weiter erstaunlich, denn wenn die Eltern sich unterhalten, kann das Kind sowieso nichts schlafen. Also ist es munter bis Mitternacht und versucht ständig, die Aufmerksamkeit der Eltern und Tanten zu erhaschen, die ihrerseits versuchen, ihre Stimmen über die der Kleinen zu erheben, was letztlich zu einem Gebrüll in allen Tonlagen ausartet, das selten vor Mitternacht endet. Vielleicht ist die Hellhörigkeit in allen Mietshäusern auch in Deutschland hoch, aber es nervt enorm. Gestern waren sie alle weg und kamen erst gegen 23 Uhr heim. Da hat Aurora schon geschlafen, doch wurde sie natürlich von dem Gebrüll und Geschrei geweckt und konnte dann nicht mehr richtig schlafen. Unsere egoistische Hoffnung ist, dass ihre schönste Zeit des Jahres, nämlich ihr Urlaub, bald zu Ende ist. Man möge es uns nicht übel nehmen, denn wir tragen es ja mit Fassung und nehmen es als Schule für das, was demnächst wohl auch über uns herein bricht, aber dankbar sind wir für diese Schule eher nicht.

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