Zur Hauptseite Döring

Mittwoch, 24. Dezember 2014: Bendicion

Auroras Mutter heißt Bendicion. Sie ist heute Nacht gestorben. Inha rief um 23.45 Uhr das erste Mal an, dass es der Mutter sehr schlecht geht. Es bestehe wenig Hoffnung auf irgendwelche Besserungen. Man müsse mit ihrem Tod jetzt rechnen.
Das Krankenhaus, in dem Bendicion untergekommen war, ist sehr hilfsbereit gewesen. Inha ist eine kritische Frau in Bezug auf Krankenhäuser, denn sie ist selber Krankenschwester und hat eine Zusatzausbildung als Begutachterin für Krankenhäuser. Als letztere kann sie angefordert werden, um Missstände aufzudecken und zu deren Beseitigung zu begleiten. Ich kann mir vorstellen, dass solche Menschen als Angehörige von Patienten nicht besonders gern gesehen werden. Aber Inha ist eine recht stille Frau, die wenig Aufhebens um sich macht. Aber selbst das war nicht nötig, denn das Krankenhaus, das sie bis dahin noch nicht kannte, stellte sich als ausgesprochen gut und fachgerecht geführt dar. Sie hat dort in der Tat nichts zum Aussetzen. Da Weihnachten ist, ist es derzeit nur schwach belegt. Deswegen hat Inha schon seit einigen Tagen auf der Station, auf der auch die Mutter liegt, ein Apartment zur Verfügung gestellt bekommen. Hier konnte sie auch mal schlafen, ohne der Mutter von der Seite zu weichen. Die aber war sowohl bei den Ärzten, als auch beim Pflegepersonal in besten Händen. Alles, was getan wurde, wurde entweder zusammen mit Inha oder nach Absprache mit ihr gemacht. Insofern war die Mutter bis zuletzt geborgen und von der ihr so vertrauten Inha umgeben.
Aurora war nach dem ersten Telefonat erschüttert. An Weiterschlaf war erst mal nicht zu denken. Aber schon gegen 0.30 Uhr läutete wieder das Telefon. Inha berichtet, dass die Mutter jetzt vom Arzt in die Wachstation geholt würde, wohin sie ihr aber nicht folgen kann. Die Mutter sei halb bei Bewusstsein gewesen.
Um 1.30 Uhr läutete wieder das Telefon. Inha sagte, es sei jetzt alles sehr schnell gegangen und die Mutter sei ganz friedlich gestorben.
Für uns war es dennoch erst einmal ein Schock. Schließlich war es der Mutter schon oft schlecht gegangen und der Tod stand schon öfters vor ihrer Tür. Ich hätte schwören können, dass sie so gesund ist, dass sie 110 Jahre alt wird. Alle Organe waren noch ganz in Ordnung. Das Herz war stark. Letztlich hat die Lunge schlapp gemacht. Insofern war die Situation unerwartet und ich muss sagen, dass ich noch immer unter Schock stehe. Aurora weinte, ist jedoch so klar bei Verstand, dass wir alles besprechen konnten. Wie wird das mit der Fahrt dorthin? Was ist zu tun?
Um 2.45 Uhr folgte der nächste Anruf von Inha. Sie saß gerade beim Bestattungsunternehmen und kaufte den Sarg. Dazu ist zu sagen, dass hier nach dem Gesetz alle Menschen innerhalb von 24 Stunden beerdigt werden müssen. Darum haben die Pietäten auch 24 Stunden geöffnet und man kann jederzeit dort alles regeln. Schließlich muss auch der Körper von Bendicion aus dem Krankenhaus abgeholt werden. Die Sache mit dem Friedhof muss geregelt werden. Ein Pfarrer ist in der Regel bei Beerdigungen nicht anwesend.
Die Beerdigung ist auf den 1. Weihnachtstag nachmittags angesetzt, was eigentlich schon länger dauert als erlaubt ist. Es ist wohl dem Feiertag geschuldet. Sie wird auf dem Friedhof der Evangelischen Gemeinde von São Paulo, dem „Cemitério da Paz“ (Friedhof des Friedens), sein. Dort liegt bereits der Vater von Rudi begraben. In jedem Grab haben 3 Körper Platz. Da lediglich ein Platz belegt ist, kann Bendicion auch noch dorthin. Die beiden kannten sich im Leben. Jetzt werden sie übereinander im gleichen Grab liegen.
Inzwischen ist klar, dass eine Beerdigung hier in Brasilien ähnlich kostspielig wie in Deutschland ist. Schnell sind da 15.000 Reais zusammen. Aber ich denke, dass Bendicion diese Ausgabe wohl verdient hat, denn sie war ihren Töchtern eine Traummutter.
Wie aber wird es mit meiner Fahrt dorthin? – Ich werde nicht fahren, sondern daheim bleiben. Denn es ist ja niemand da, der sich um die Katzen kümmert. Rudi und Marlete haben gegen 3.00 Uhr angerufen und angekündigt, dass sie sich noch in dieser Nacht auf den Weg zurück nach São Paulo machen. Ich hätte bei ihnen mitfahren können, hätte aber keine Chance gehabt, vor dem 1. Januar wieder zurück zu kommen. In Anbetracht der hier in dieser Jahreszeit herrschenden Unruhe und Knallerei wäre das für die Katzen nicht zumutbar, allein zu bleiben. Wir haben lange hin und her überlegt, verschiedene Variationen durchdacht, aber es wird so sein, dass Rudi, Marlete, Aurora und Inha bei der Beerdigung dabei sind und ich lediglich mit der Ausarbeitung der Trauerfeier am Grab beitrage. Rudi und Aurora können sie übersetzen und dann vorlesen.

Ein Rasen-Reihengrab, wo Bendicion beerdigt wird Bendicion wird in dieses Grab zu Rudis Vater gelegt
Ein Rasen-Reihengrab, wo Bendicion beerdigt wirdBendicion wird in dieses Grab zu Rudis Vater gelegt

Cemitério da Paz. Ein Waldfriedhof mitten in der Stadt Das Grab liegt auf einem Hügel mit Ausblick
Cemitério da Paz. Ein Waldfriedhof mitten in der StadtDas Grab liegt auf einem Hügel mit Ausblick

Und was wird aus Weihnachten? – Heute früh hat Isa, die wir für heute Abend eingeladen hatten, angerufen und abgesagt, da sie bis 22 Uhr arbeiten muss. Rudi hat heute früh angerufen und berichtet, dass sie noch nicht los gefahren sind, sondern dass er jetzt alleine nach São Paulo fährt. Ich bringe morgen früh Aurora gegen 5 Uhr zum Flughafen. Heute Abend wird zum Churrasco nur Marlete kommen. Zum Jahreswechsel werde ich dann alleine daheim sein, weil ich allein mit Marlete nicht feiern möchte und ich Aurora am 1. Januar sehr früh morgens vom Flughafen abholen muss. Insofern fällt also Weihnachten und Silvester aus. Wie gut, dass Weihnachten trotzdem stattfindet, weil da Gott selber Mensch wurde, ob ich das feiere oder nicht. Es ist nicht von dem abhängig, was ich mache oder nicht mache, sondern allein von Gottes Güte und Wille. Übrigens ist dieses Vertrauen in die Zuverlässigkeit Gottes für mich der Grund, warum ich für mich selber so wenig religiös begründete Rituale pflege. An denen hängt letztlich nichts. Sie sind für uns Menschen da, um uns in unserem Glauben zu unterstützen. Aber ob ich daran denke oder nicht, ob ich dafür bete oder nicht, ob ich dafür ein Ritual durchführe oder nicht, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass ich mich auf Gott immer und überall verlasse und alles in seiner Hand – soweit man das anthropomorph ausdrücken kann – gut geborgen weiß – auch Bendicion.

Zum Seitenanfang