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Donnerstag, 25. Dezember 2014: Weihnachten

In der Tat müssen wir in diesem Jahr ein eher trauriges Weihnachtsfest feiern. Der Grund ist klar: Aurora wurde heute früh von mir zum Flughafen nach Navegantes gebracht, wo sie das Flugzeug nach São Paulo nimmt, um zur Beerdigung ihrer Mutter zu fliegen. Schon um 4.45 Uhr sind wir aufgestanden. Um 5.30 Uhr ging es dann los. Die Straßen waren leer, so dass es noch keine Verkehrsprobleme gab. Das Flugzeug ging um 8 Uhr. Sie fuhr dann in São Paulo direkt zum Friedhof.
Es ist in Brasilien üblich, dass sich die Familie um den Verstorbenen sammelt und bei ihm bleibt, bis die Beerdigung vorbei ist. So wird sie dort also noch eine Weile mit ihrer Schwester und anderen Mittrauernden bei der Mutter sein, bis diese dann um 13 Uhr bestattet wird. Ich hatte gestern noch eine Beerdigung für sie ausgearbeitet. Aurora hat den nicht ganz einfachen Text übersetzt. Sie meinte, dass es jetzt ihr Beitrag sei, das alles vorzutragen, auch wenn es ihr mit Sicherheit sehr schwer fallen wird. Inha, ihre Schwester, hat die Mutter bis zuletzt mit großem Einsatz begleitet, jetzt sei nun sie selber dran, etwas für die Mutter zu tun, und sei es nur, die Beerdigung zu leiten. Ich werde heute Abend hören, wie es lief.

Ansonsten war Weihnachten anders als im vergangenen Jahr, denn in diesem Jahr blieb der große Lärm aus. Zwar wurden wieder Böller geschossen, jedoch nicht so viel und auch nicht die ganze Nacht hindurch. Vermutlich liegt diese Bereitschaft zur Stille daran, dass das Wetter in diesem Jahr nicht so mitspielt wie im vorigen Jahr: Es sind draußen 10° kühler (20° in der Nacht) als letztes Jahr und es ist ziemlich regnerisch. Man kann sich kaum draußen aufhalten. Der Lärm im Haus hat hingegen zugenommen. Erstaunlich ist, dass viele der neu angekommenen Mieter der Wohnungen unter uns die Vorstellung haben, wir seien die Hausmeister. Das hatte zur Folge, dass bei uns bis gegen 23.30 Uhr an der Haustür geklingelt wurde, weil es irgendwelche Probleme gab. Man hilft, so gut es geht, aber ich frage mich, woher diese Menschen den Glauben haben, dass wir die Verantwortlichen im Hause seien. Immerhin ließ dann der innerhäusliche Lärm gegen Mitternacht nach, so dass wir gut schlafen konnten – soweit das geht, wenn man am Abend zuvor gegrillt und viel gegessen hat. Und damit bin ich bei unserer Weihnacht.

Es verlief so, dass Marlete kam und wir gemeinsam gegrillt haben. D.h. ich grillte und Aurora und Marlete schwatzten munter miteinander. So richtig unterschied sich dieses Beisammensein nicht von einem Beisammensein wann auch immer im Jahr. Aber mit wem sollte ich Weihnachtslieder singen, eine Andacht halten, die Weihnachtsgeschichte lesen? Das große Frankfurter Stadtgeläut erklang, ging jedoch – wie auch das Weihnachtsoratorium – unter und bewirkte lediglich, dass man sich eben etwas lauter unterhalten musste. Ich habe den Weihnachtsbaum aufgebaut. Er steht einfach da. Unter ihm die Krippe mit der Musikkapelle aus Nigeria. Beachtung fand das alles recht wenig. Die Kerzen brannten, wurden aber dann, als ich nicht mehr über sie wachte, weil ich mich zeitweilig zurückzog, vom grellen Licht der Deckenbeleuchtung und dem laufenden Fernseher überleuchtet. Kerzen an Weihnachten spielen in Brasilien keine Rolle. Niemand hat Kerzen, niemand braucht Kerzen, niemand kann dem Kerzenschein andere Gefühle entlocken als die Erinnerung an Makumba, Zauberei des Candomblé, des afrikanischen Glaubens, dem Woodoo in Haitii entsprechend, bei dem viele Kerzen gebraucht werden. Ich erinnere mich, wie Aurora, als sie das erste Mal in der Andreaskirche die vielen Kerzen an Weihnachten sah, ganz erschrocken war und meinte, hier fände jetzt eine Woodoo-Versammlung statt.
Mir haben aber doch einige Dinge aus meiner Weihnachtskultur gefehlt: die Christvesper, die Weihnachtslieder (Weihnachten ohne „O du fröhliche“?), die Weihnachtsgeschichte nach Lukas in der Lutherversion, laut vorgelesen. All das gibt es hier nicht und wird lediglich von mir ersehnt. Damit muss ich also lernen zu leben. Brasilien ist eben nicht Deutschland.
Aurora fragte mich auf dem Weg zum Flughafen, ob sie denn etwas falsch gemacht habe. „Nein, ganz bestimmt nicht!“ konnte ich sie trösten. Ich muss eben nur lernen, meinen Stil des Feierns wieder neu zu finden unter veränderten Umständen.

Unser Weihnachtsbild Der Weihnachtsbaum
Unser WeihnachtsbildDer Weihnachtsbaum

die polnische Weihnachtskrippe unter dem Weihnachtsbaum die nigerianische Kapelle zu Füßen des Engels
die polnische Weihnachtskrippe unter dem Weihnachtsbaumdie nigerianische Kapelle zu Füßen des Engels

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