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Sonntag, 28. Dezember 2014: Genießen

Mein Glück ist kaum zu ermessen, wenn es um das Verhältnis zwischen meinen Befürchtungen angesichts einer nahenden Saison und der nun vorhandenen Wirklichkeit geht. Es ist unglaublich, wie schön und angenehm es derzeit in Bombinhas ist. Heute früh war ich am Strand. Es war erst 7.30 Uhr und ich dachte, noch einigermaßen allein dort zu sein. Weit gefehlt: Es herrschte bereits ein buntes Leben. Vor allem Jogger der verschiedensten Leistungsstufen rannten parallel mit mir am Strand entlang. Manche machten lange, ausladende Laufschritte im erhöhten Tempo, andere zuckelten mit eher kleinen Schritten gemächlich an mir vorbei. Manche Beine flogen im 90° Winkel nach hinten, andere schafften es gerade mal, ihre Unterschenkel so weit anzuheben, dass die Zehen beim Laufen nicht den Boden berühren. Jeder nach seiner Art. Die Jogger kurvten dann um solche wie mich herum. Solche wie mich, also schnelle Spaziergänger, gab es auch reichlich. Dazu kamen die, die am Strand schon spielten. Väter mit ihren kleinen Töchtern schlugen kleine Bälle mit Schlägern hin und her, während die Töchter kreischten vor Glück. Alte Herren warfen flache Scheiben nach einander, ein Spiel, das vor allem von Argentiniern am Strand gespielt wird. Manche Familien saßen auch schon am Strand, bewaffnet mit Stühlen, kleinen Tischen, Handtüchern, Picknicktasche, Sonnencreme, Sonnenbrillen und gerne mit mehreren Generationen von Menschen. Kinder buddeln im Sand, schleppen eifrig in ihren Eimerchen Meereswasser herbei, während die Mütter entspannt ihren Blick in die Ferne über das Meer schweifen lassen. Ein Mann macht Bodybuilding und präsentiert seinen Sixpack und die Armmuskulatur. Ein Mädchen fotografiert ihn tief beeindruckt. Ein anderes Mädchen, eher etwas kräftiger, posed ebenfalls vor der Kamera. Keck wirft sie den Kopf nach hinten, lacht, raus mit der Brust, noch ein wenig die Schultern angezogen, um dem Blick noch etwas mehr Abenteuerlichkeit und Sinnlichkeit zu verleihen, während im Hintergrund das Meer unbeeindruckt seine Wellen an den Strand sendet. Der Wasserstand ist recht hoch. Es ist eigentlich seltsam, denn ich bin von der Nordsee oder dem Nordatlantik gewohnt, dass es Ebbe und Flut im 6-Stunden- Rhythmus gibt. Hier aber ist um diese Uhrzeit mal das Meer hoch, mal niedrig. Ich glaube, das hängt vom Wetter draußen im Meer ab, weniger von den Gezeiten.

Es ist heute warm. Eigentlich ist es derzeit jeden Tag warm, nur scheint heute die Sonne, die sich in den letzten Wochen ziemlich rar gemacht hatte. Lediglich stundenweise kam sie zum Vorschein. Trotz des Sonnenscheins war es auch heute wieder sehr still hier und ausgesprochen schön. Gestern Abend allerdings dachte ich, jetzt sei es endgültig vorbei mit der Stille, denn es dröhnten wieder jene Gaucho-Lieder, die mit viel Herz und Schmerz, wimmernden Gitarren und Akkordeons vorgetragen werden, in unsere Wohnung. Ich schaute nach und stellte fest, dass es nicht die Leute aus den uns gegenüber liegenden Häuschen waren, sondern die Mieter in dem weiter weg liegenden, rechten, neuen Hochhaus in der Wohnung links unten. Offenbar hat da jemand seine Anlage aus dem Auto auf den Balkon gebracht und meinte jetzt, die weitere Umgebung mit seiner Musik beglücken zu müssen. Der Krach lag wie eine Dunstglocke über der ganzen Umgebung zwischen den fünfstöckigen Häusern eingefangen. In der Tat könnte diese Anlage ein ganzes Stadion beschallen. Meine Nerven begannen schon zu vibrieren. Ich rief Aurora an und ließ sie teilhaben an diesem Sound von Südbrasilien, den wir noch so gut vom letzten Jahr kennen. Sie bedauerte mich und freute sich, auflegen zu können, um dann Ruhe zu haben. Wir legten auf und … es herrschte Ruhe. Mitten in einem Lied, während der Schmalzsänger gerade von den „corações“ (ausgesprochen: korasois. Gesungen: korasoioioioiois. Bedeutung: Herzen) jammerte, wurde der Saft abgedreht und das Elend von den Herzen ging auch nicht wieder los. Nicht nur mir scheinen also die Nerven zu vibrieren, jedoch waren andere so mutig, dorthin zu gehen, sich zu beschweren, oder die Polizei zu rufen.

Ansonsten ist es wie jedes Jahr. Es herrscht ein enorm starker Verkehr. Die notdürftig hergerichtete Leopoldo Zarling, unsere Hauptstraße, ist schon in einem schlimmeren Zustand als jemals zuvor. Tiefe Krater, umgeben von harten Wellen, geben der Oberfläche brisante Fahreigenschaften. Man muss hier noch langsamer als über die Federbrecher fahren. Manche Fußgänger überholen locker die fahrenden Autos auf der Straße.
Gestern war ich ganz früh schon in Porto Belo zum Einkauf, jedoch brauchte ich für den Weg zurück, für den ich sonst nur 10 Minuten brauche, 45 Minuten, denn es ging in Stop and Go. Am Hang vor Bombinhas, stand ein Fahrzeug mit abgewürgtem Motor, der sich nicht wieder starten ließ. Da man wegen des Gegenverkehrs nur wenig überholen konnte, war die Schlange dahinter schnell auf mehrere Kilometer angewachsen. Das war morgens um 8.30 Uhr. Ich habe mir geschworen, ohne dringende Notwendigkeit das Auto vorläufig nicht mehr zu bewegen.

Auch unser Haus ist gut gefüllt. Unsere Gästewohnung ist von Leuten aus Blumenau belegt. Es scheinen ruhige Menschen zu sein, jedenfalls hört man nichts von ihnen. Lediglich ihr Auto steht auf dem zugehörigen Parkplatz neben meinem Auto. In den anderen Wohnungen hingegen wird weiterhin kräftig gelebt. Ich bin gut informiert, was dort los ist, wer was zu wem sagt, wann ins Bett gegangen wird und wie viele Menschen hier schreien und leben. Nun ja, es ist eben Saison. 3 Monate dauert sie. Dann ist wieder für 9 Monate Frieden im Haus.

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