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Donnerstag, 1. Januar 2015: Lärm

Geschafft! Das neue Jahr hat angefangen, Aurora ist aus São Paulo zurück, Chico ist aus dem Kleiderschrank, in dem er Silvester verbracht hat, heraugekommen, Susi hat sich aus ihrem Katzenhaus rausgewagt. Es ist still in Bombinhas. Das neue Jahr kann beginnen.

Ich habe Silvester allein daheim verbracht und es war wohl auch besser so. Gegen 22 Uhr kam Malvina, die liebe, um mich mit in den Freundes- und Familienkreis, der sich zwecks Feiern versammelt hatte, zu holen. Es war gar nicht so leicht, sie von diesem Vorsatz abzubringen. Mir aber war wirklich lieber, allein daheim zu sein, alle Fenster und Rollläden geschlossen zu halten, um mich von dem, was sich draußen abspielte, möglichst weit zu distanzieren. Denn mir kam es vor, als herrsche Krieg. Überall Einschläge, Detonationen, schreiende Kinder, lautes Schreien und Brüllen von Menschen, dem man nicht immer anhören konnte, ob es emotional mit Lust oder Frust gefüllt war.

Sehr viel anders als im vorigen Jahr war es in diesem Jahr hier nicht. Besser war natürlich, dass die Hauptlärmquelle nicht direkt vor unserem Haus, sondern weiter weg lag. Dennoch war es sehr, sehr laut und brachte mich – teils auch auf Grund von mangelndem Schlaf – nervlich an meine Grenzen.

Es gab hier drei verschiedene Arten von Lärm. Gemeinsam ist allem Lärm, dass er vor nichts halt macht. Er dringt in unsere Wohnung, breitet sich dort in allen Winkeln und Ecken aus, ist unkontrollierbar, unabstellbar, unausweichlich und absolut dominant. Man ist ihm selbst im ureigensten Bereich hilflos ausgeliefert, kann ihn nur ertragen und hoffen, dass er vorüber geht – irgendwann. So wirkt er übergriffig bis in die Tiefe der Seele und wird auf diese Weise zu einer Art von Folter.

Da ist zunächst die Beschallung, die wegen wattstarker Anlagen sehr dominant ist. Die letzten Tage waren gefüllt von Technoklängen mit ihren hämmernden, immer wiederkehrenden Bassrhythmen, die man nicht nur hören, sondern auch spüren kann. Sie legen sich über die von mir gewählte Musik, übertönt meine Anlage, verzerren Bach und Praetorius. So fühlt sich die Beschallung wie ein erstickender Teppich an, der sich über mich legt, meiner Seele die Luft zum Atmen nimmt, mich zu ersticken droht.
Eine weitere Art des Lärms sind die Raketen und Böller. Dieser Lärm kommt plötzlich, aber dafür mit einer großen Wucht. Er schlägt wie ein gewaltiger Hammer zu, hämmert auf das Gehirn ein und suggeriert das Gefühl, man befände sich im Krieg. Menschen, die einen Krieg miterlebt haben und dadurch traumatisiert wurden, geraten bei dieser Art von Lärm  in Panik. Vermutlich sind aus diesem Grunde solche Böller in Deutschland verboten.
Schließlich gibt es hier dann noch die dritte Art des Lärms: das Geschrei der Lebewesen. Es sind vor allem Menschen, die hemmungslos brüllen. Oft sind es die Begeisterungsschreie derer, die die anderen mit Lärm terrorisieren. Es sind aber auch schreiende Kinder und Tiere, die einfach nur erschreckt und panisch reagieren und Angst haben. Ich gebe zu, dass auch meine Seele Panik angesichts der Übergriffigkeit des Lärms ergriff, auch wenn sie – im Gegensatz zu Kindern, die ihrer Angst durch Schreien und Weinen Ausdruck verleihen können – sich nicht lautstark äußert, sondern die Panik eher in Aggression umwandelt, die ich so von mir nicht kenne (Gernod Hassknecht aus der Heute-Show lässt grüßen!). Erstmals in meinem Leben hätte ich gerne – wie James Bond – eine Lizenz zum Töten.

Diese drei Arten von Lärms feiern hier ein diabolisches Fest: die Beschallung erstickt Leben, die Böller bearbeiten das Gehirn und das Geschrei schürt die unguten Emotionen.

Von Rudi schließlich war zu hören, dass um Mitternacht herum am Strand tausende von Menschen waren, die dort einen ohrenbetäubenden Lärm veranstalteten. Ich habe diesen Lärm bei uns nur leise gehört, weil der Abstand zum Strand immerhin rund 350 m beträgt und sich dazwischen Häuser befinden. Es wäre doch ein guter Kompromiss zwischen denen, die gerne Lärm machen wollen, und denen, die lieber davon unbehelligt blieben, Lärmzonen – wie z.B. den Strand – einzuräumen. Dann wären alle zufrieden. Ob wir das als Vorschlag unserer Bürgermeisterin unterbreiten sollten?

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