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Dienstag, 13. Januar 2015: Hochsommer

„Es ist viel zu heiß!“ Das ist in diesen Tagen ein Text, der in seiner Kürze inklusive der dazu gehörigen Musik aus „Kiss me, Kate!“ das wiedergibt, was uns alle vier hier bewegt. Alle vier sind außer Aurora und mir natürlich auch die beiden Dicken, also die Katzen: Chico und Susi. Sie sind echte deutsche, behaarte Hauskatzen, haben inzwischen ziemliche Dimensionen angenommen, werden nach wie vor geliebt bis zur Selbstaufgabe, aber leiden anscheinend enorm unter der herrschenden Hitze. Die können ihr Fell nicht einfach über die Ohren ziehen, sondern müssen es ertragen und versuchen, unter den vielen Haaren ein möglichst günstiges Mikroklima zu erzeugen, was ihnen nur schwer gelingt. Katzen können nicht schwitzen – im Gegensatz zu uns Menschen. Wir schwitzen – und wie wir schwitzen! Wir hören nicht mal nachts damit auf, obwohl wir keine Decken mehr benutzen. Die Kissen und Laken müssen oft gewechselt werden, weil sie nass sind. Draußen herrschen auch nachts Temperaturen um die 30°. Tagsüber steigt dann das Thermometer auf Temperaturen, die ich gar nicht mehr wissen möchte. Vorgestern gab es abends ein Gewitter mit einem kurzfristigen und leider auch nur kurzzeitigen „Temperatureinbruch“ um vielleicht 2°. Wie erfrischend! Gestern aber gab es nicht einmal ein Gewitter. Stattdessen sind im Schlafzimmer erträgliche 28° bei 70% Luftfeuchtigkeit. In der Küche ist es heute früh schwüler gewesen bei 31°. Man mag meinen, dass ein Grad hin oder her bei dieser Hitze keine Rolle spielt, aber das stimmt nicht. Ab 28° wird jedes weitere Grad eine enorme Belastung. Bis 28° kann ich noch schlafen. Ab da wird jegliches Durchschlafen unmöglich. Heute Nacht war ich bestimmt 5 oder 6 mal wach, weil es einfach zu heiß war. Aurora ging es ähnlich. Und die Katzen haben sich die ganze Nacht nicht gerührt. Chico hat sich einen Platz draußen zwischen Balkonmauer und Blumenkübel gesucht, von dem er hofft, es sei dort erträglicher als anderswo. Susi hat sich irgendwohin verkrümelt. Beide liegen fast den ganzen Tag und vermutlich auch die ganze Nacht auf der Seite, haben die Beine weit von sich gestreckt und schauen uns nur schläfrig an, wenn wir kommen. Beide haben sich das Rennen abgewöhnt. Beide laufen im bombinhanischen Schlenderschritt (langsam, ohne Hast und Eile und einfach nur fürbass), wenn sie überhaupt mal laufen.

Unsere morgendlichen Gänge an den Strand lassen wir wegen der Hitze aus. Wer geht denn schon gerne morgens um 8 Uhr bei 30° in der Sonne spazieren und muss dabei auch noch über Mengen von bereits dort lungernden Touristen steigen? – So bleiben wir daheim und versuchen, mit der Situation klar zu kommen. Der Pool hilft nur noch bedingt, denn er hat zwei Macken: 1. Ist das Wasser auch schon über 30° warm und 2. ist es inzwischen nicht mehr wirklich frisch. Während das normale Leitungswasser eine braune Färbung angenommen hat, ist das Wasser aus unserer Quelle grün. An der Wand des Pools bildet sich ein braun-grüner Rand, der nicht ganz einfach wegzuputzen geht. Derzeit lassen wir das Wasser unserer Quelle, das auch unseren Pool füllt, auf seine Inhaltsstoffe untersuchen. Auch werden wir heute noch in ein Geschäft für Pool-Zubehör gehen und uns erkundigen, was man gegen die Verschmutzungen machen kann. Mit Chemie wird sich da wohl einiges regeln lassen, nur wäre es schlecht, wenn nicht nur der Schmutz durch die Chemie beseitigt würde, sondern auch unsere Gesundheit.

Einkaufen gehen wir nur morgens möglichst früh. Ansonsten schauen wir aus dem Fenster und sehen die Karawanen von Menschen, die sich zum Strand hin bewegen. Die meisten schlafen bis gegen 10 Uhr und sind dann gegen 11 Uhr fertig für den Strand. Während wir uns dann einigeln, gehen die los. Die sind wirklich hart im Nehmen, denn draußen herrschen schon Backofentemperaturen von der Sorte, die ich in Deutschland im Nordwestzentrum von Frankfurt im Dampfbad kennengelernt hatte. Nur konnte man dort raus gehen, wenn es einem zu viel wurde. Hier ist das anders …

Trotz der Hitze liegen auch bei uns turbulente Zeiten hinter uns, weil wir sehr engagiert den Ereignissen in Europa rund um die Anschläge von Paris verfolgen. Aurora liest dazu die brasilianische Presse. Dort ist zu lesen, dass die Satirezeitschrift Charlie Hebdo eine sehr schlechte Zeitschrift sei. Grund: Sie beleidigt gerne mit ihren Zeichnungen und Satiren. Wer dieses Erlebnisbuch bisher verfolgt hat, wird wissen, dass so etwas ein No-Go für Brasilianer ist: jemanden zu kränken oder zu beleidigen. Wer das tut, verstößt gegen den brasilianischen Verhaltenskodex. Da kommt so eine Satire-Zeitschrift besonders schlecht an. Wen wundert’s? Immerhin ist der Lohn dafür, dass Brasilien absolut außerhalb jeglichen Terrors durch Islamisten ist. In dem Fall schützt die andere Umgangskultur uns vor Anschlägen. Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Man möchte sie hier ebenfalls haben. Aber einander nicht zu beleidigen und zu kränken, ist ebenfalls ein hohes Gut. Wer gewillt ist, jemandem ins Gesicht zu schlagen – und sei es nur im übertragenen Sinn durch Lächerlichkeit, der nimmt billigend in Kauf, dass auch ihm ins Gesicht geschlagen wird, wobei jeder auf die ihm zur Verfügung stehende Weise zuschlägt, der eine durch Karikaturen, der andere mit MGs.
Ansonsten berichtet man intensiv über die europäischen Bewegungen wie Pegida oder AFD oder auch die Schwedendemokraten, in denen auf faschistoide Weise ganze Menschengruppen zur Verfolgung freigegeben werden. Auch das ist sehr unbrasilianisch und würde hier niemandem einfallen, wenigstens nicht in Form einer politischen Bewegung. Diskriminierung durch Einzelpersonen durch Standesdünkel hingegen ist hier eine sehr weit verbreitete Eigenschaft. Die Gesellschaft scheint mir eher vertikal als horizontal organisiert zu sein: Es gibt ein Oben, von dem man auf die unten runter schaut, und weniger ein dazwischen, in dem man den anderen gleichberechtigt an seiner Seite sieht. „Meine Putzfrau soll sich freuen. Sie bekommt für ihre 48 Stunden Arbeit pro Woche nicht nur ein Mindestgehalt, sondern auch noch meine abgelegten Kleider!“

Zuletzt noch eine Erfreulichkeit: Gestern erhielt ich die Nachricht, dass der zweite Besuch aus Deutschland jetzt konkret wird. Im Oktober dieses Jahres kommen Freunde aus Frankfurt-Höchst zu uns zu Besuch. Sie haben jetzt ihre Flugkarten gebucht.

Nachtrag: Beim Friseur habe ich gelesen, dass gestern der heißeste Januartag seit 1949 war. In Joinville herrschten gefühlte 51° bei tatsächlichen 41°. Heute scheint es noch wärmer zu werden ...

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