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Freitag, 16. Januar 2015: Chico

Chico ist krank. – Na ja, also Aurora meint, Chico sei krank. Ich habe da eine robustere Art der Wahrnehmung und formulierte Chicos Problem eher so: „Chico ist faul!“ Wobei ich zugeben muss, dass ihm wahrscheinlich die Temperaturen in den letzten Tagen zugesetzt haben dürften, denn die Eigenschaft der Faulheit nimmt proportional zur Hitze zu, auch bei mir. Schließlich hatten wir vor zwei Tagen nachts 33° Zimmertemperatur im Schlafzimmer. Da wird man faul, kann aber doch nicht schlafen. Während ich dann übellaunig werde – wie fast alle Menschen – wird der Kater noch fauler. Also war meine Diagnose klar: Der Kerl ist faul!
Nun ging es eben so, wie es immer geht: Die Frau siegt mit ihrer Meinung. Wer was anderes behauptet, war nie verheiratet. Also ist Chico nun krank und nicht faul – oder beides. Auf jeden Fall hat sich Aurora durchgesetzt und wir sind heute mit ihm zu einer neuen Tierärztin bei uns in der Nähe gefahren. Ich weiß, wie es ist, mit Susi zur Tierärztin zu fahren (übrigens scheint es nur Tierärztinnen zu geben. Einen Tierarzt habe ich bislang noch nicht getroffen.). Susi stemmt sich mit allen Pfoten gegen die Transportbox. Chico geht freiwillig da rein und legt sich platt auf den Boden der Box, was heißt, dass sich die Masse von Kater mit abnehmender Höhe in die Breite verteilt. Und da ist allerlei Masse, die Chico verteilen kann. Platt wie eine Flunder, dabei ist er – auch im Gegensatz zur ständig schimpfenden und maunzenden Susi – absolut still und ließ sich ins Auto und in die Praxis bringen. Tierarztpraxen sind hier immer in Tierhandlungen und Tiernahrungsgeschäften angesiedelt. Schwer war der Transportbehälter, denn Chico ist bekanntlich kein Kleiner. In der Praxis angekommen, waren dort lediglich einige Frauen, die sich in der Bewertung dieses Katers ausgesprochen einig waren. Dazu muss man wissen, dass es in Brasilien einen Ausdruck der absoluten, exaltierten, nicht mehr steigerungsfähigen Begeisterung gibt, mit dem vor allem Kinder und Tiere bedacht werden. Dieser Ausdruck vermittelt, dass man kurz davor steht, in Ohnmacht zu fallen, weil man sowas bewundernswerte, hübsches, süßes, phantastisches, liebenswertes angeblich noch nie gesehen hat. Bedenkt man in Deutschland Kinder und auch Frauen eher mit dem Ausdruck „süß“ und sagt zu Männern ein bewunderndes „wow!“ (im exaltierten Zustand: „woooow!“), sagt man hier zu allem: „lindo!“ oder – weiblich – „linda“. Das ist typisch brasilianisch, alles lindo oder linda zu finden und kurz danach in Ohnmacht zu fallen, oder es wenigstens anzudrohen. Damit wir das nicht missverstehen: Niemand sagt zu mir, ich sei „lindo“. Aber wenn jemand den Chico sieht, dann sind sich vor allem die Frauen absolut einig und es erklang in einem hellen, einhelligen Chor durch das Geschäft, nachdem Chico sich zeigen musste: „Lindo! Que (wie) lindo!“ Da kam ich mit meinem gebrummelten „gordo (dick), apenas (nur) gordo!“ gar nicht durch. Ich verstünde davon nichts, war die missbilligende Reaktion der Frauen und Aurora schaute mich begeistert an und meinte: „Siehst du?“ Mehr Aufmerksamkeit erhielt ich nicht, weil jetzt Chico dran war. „Schau mal: die Pfoten!“ – „Que lindo!“ wieder ein Schrei der Begeisterung. Und Aurora wuchs und wuchs, strahlte wie selten, fühlte sich verstanden, in einer Runde von Freundinnen und Gleichgesinnten und leuchtete wie ein Stern – nein: wie die Morgenröte! Triumphierend schaute sie mich an. ‚Da hast du dein Fett!‘ Also ergab ich mich in mein Schicksal und suchte Unterstützung bei der Ärztin. „Gell, er ist doch zu dick!“ – „Nein! Er ist groß, nicht zu dick. Er ist LINDO! – Welche Rasse hat er?“ – „Deutsche Straßenkatzenmischung.“ – „Nein, nein, so was ‚lindo‘ hat eine eigene Rasse. Er ist eine sogenannte Großkatze.“ – Von dieser Rasse habe ich noch nie was gehört, aber wenn die Ärztin das sagt, wird das wohl so sein. Chico ist eine Großkatze – wahrscheinlich die größte von ganz Bombinhas, da waren sich alle einig.

„Und was ist nun mit dieser Großkatze? Ist sie krank oder nicht?“ – Nachdem alle so langsam aus ihrer Begeisterung wieder auf dem Teppich waren, begann die Untersuchung. „Er hat Fieber“ stellte die Ärztin fest. Das hat sie mit einem Fieberthermometer heraus gefunden, nachdem wir mit Mühe Chico, der sich ängstlich (er ist und bleibt der feigeste Kater auf der ganzen Welt) in die Ecke der Transportbox drückte, heraus geholt hatten. Thermometer in den Po. Chico klemmte den Schwanz zwischen die Hinterbeine, legte die Ohren ganz flach, maunzte verzweifelt und suchte, dem Griff zu entweichen und zurück in die Box zu schleichen, was ihm aber nicht gelang. Erst bei der Besprechung der Diagnose lockerten sich die Griffe und Chico verschwand in der Box. Susi war immer viel neugieriger und schlich sich in unbewachten Momenten durch die Praxen der Tierärztinnen. Chico ist da aus anderem Holz. Noch einmal musste er mit Gewalt hervor geholt werden, um eine Antibiotikaspritze zu bekommen. Dann ging es heim. Als er wieder vertrauten Boden unter seinen Pfoten vorfand, schlich er sofort in mein Zimmer, um unter dem Bett seine Zuflucht zu nehmen. Dabei bin ich sicher, dass es ihm recht bald besser gehen wird. Morgen aber müssen wir ihn wieder in die Praxis bringen, wo er noch eine Spritze erhalten soll. Aber das verraten wir ihm nicht. Damit werden wir ihn morgen früh überraschen.

Übrigens um allen Missverständnissen vorzubeugen: Auch ich finde eigentlich und ganz ehrlich unseren Kater lindo und wir haben ein gutes, inniges, liebevolles Verhältnis voll Vertrauen. Ich liebe ihn genauso wie Aurora ihn liebt.

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