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Freitag, 17. Januar 2015: Sindico

Wenn ich an ein Syndikat denke, dann fallen mir mafiöse Organisationen ein oder Kartelle, die sich zu finsteren Zwecken zusammen schließen um letztlich den einfachen Menschen so geschickt wie möglich seines Geldes zu berauben. Nicht so schlimm – also eher überhaupt nicht schlimm – ist hier in Brasilien die Funktion eines Sindicos. Solche Sindicos gibt es viele hier in Bombinhas. Jeder Sindico ist zuständig für ein Haus, in dem er – oder sie, die in dem Fall eine Sindica ist – eine Eigentumswohnung sein Eigen nennt und in dem er für die Eigentümer spricht, um zusammen mit der Hausverwaltung Dinge zu regeln, die geregelt werden müssen. Das Amt eines Sindicos ist sehr brasilianisch-demokratisch: Persönlichkeitswahl und danach darf er fast alles machen, bis er abgewählt wird. Er regiert wie ein Präsident, dem eine Verwaltung oder Regierung zur Seite steht, die Handlungsvorschläge macht, die der Chef dann umsetzen lässt oder nicht. Die Verwaltung ist dann die Hausverwaltung, die zu diesem Zweck ihre Dienste anbietet – ähnlich wie in Deutschland. Sie bereitet alle Vorschläge vor, hat die täglichen Geschäfte im Blick und ist dafür verantwortlich, dass alles klappt. D.h. verantwortlich ist doch nicht die Verwaltung, sondern der Sindico. Das wiederum bewirkt, dass dieser Mensch kein machtvollkommener Despot sein kann, sondern eben ganz vorsichtig, denn er spielt mit seinem Vermögen, seinem Ansehen, seiner Reputation im Haus. Ist er nämlich unfähig und trifft falsche Entscheidungen oder begründet seine Entscheidungen falsch, kann er schnell zum nächsten Mobbingopfer im Haus werden, was recht unangenehm werden kann. Unser armer Freund Rudi kann davon ein Lied singen, der eigentlich immer alles richtig gemacht, es nur manchmal etwas schräg verkauft hat oder dem das Heraustreten aus dem Schatten der grauen Masse von Eigentümern nicht gegönnt worden ist.

In unserem Haus Frankfurt war bisher Neiva, die zusammen mit ihrer Familie 3 Wohnungen im 2. Stock hat, Sindica. Sie war es nun 3 Jahre lang, wobei die Dauer dieses Amtes begrenzt ist auf 2 x 2 Jahre. Sie hatte aber keine Lust, die Sache weiter zu machen, denn sie hat nicht nur bei uns Wohnungen, sondern auch in anderen Häusern und wohnt selber in Rio Grande do Sul, also einem anderen Bundesstaat. Hier wohnt sie nur in einer Zweitwohnung, die aber nicht in unserem Haus liegt. Heute früh nun war die jährliche Eigentümerversammlung, zu der traditionell außer Neiva nur Aurora und ich plus meist ein weiterer Eigentümer – wer auch immer -  erscheinen. Geladen wurde durch die Hausverwaltung namens Roderjan um 8.45 Uhr. Die Versammlung beginnt dann „cum tempore“, also um 9 Uhr. Bis dahin muss die Mehrheit der Eigentümer anwesend sein. Ist sie das nicht, beginnt die Versammlung eine Stunde später. So steht es auf der Einladung und so entspricht es dem Gesetz. Was also um 8.45 Uhr beginnen sollte, beginnt tatsächlich um 10.00 Uhr. Denn es ist sehr unüblich, dass die Hälfte aller Eigentümer kommt.

Zunächst wurde die Sache mit dem Geld besprochen. Alles paletti! Dann war die Wahl, zu der ich als Kandidat antrat. Das hatte ich zuvor mit Aurora in längeren Perioden mehrfach besprochen. Möglich würde das nur mit genügenden Sprachkenntnissen sein. Aber die habe ich inzwischen fast, so dass ich in diesem Jahr wenigstens verstand, wovon die Rede war, und auch ab und zu Einwürfe machen konnte, was nicht ganz einfach ist, denn meine oft so schweigsame, zurückhaltende Aurora kann ich heimischer Umgebung als Brasilianerin unter Brasilianern ungeahnte Redeflüsse in Gang setzen, die sich wasserfallartig über die vorhandene Gruppe ergießt. Sie redet keinen Quatsch, redet zur Sache und alle hören ihr zu, denn 1. sollte man das sowieso tun, 2. wäre es sehr unbrasilianisch, sie zum Schweigen zu bringen, 3. bringt sie die Themen auf den Tisch und 4. ist sie – und ich – diejenige, die hier wohnt und mit der alle umzugehen gewohnt sind. Bin ich sonst immer der mit dem Quasselwasser, ist es hier Aurora. So ändern sich die Zeiten. Nun hätte ja Aurora Sindica werden können, wenn sie gewollt hätte. Aber sie wollte nicht – bei allen guten Worten nicht! Ich finde es aber sehr sinnvoll, wenn wir, die wir hier wohnen und mit den täglichen Aufgaben im Haus zu tun haben, kurze, klare Entscheidungswege haben. Dazu aber ist es nötig, dass wir den Sindico stellen. Also was bleibt? – Ich! Und so ward es: Ich bin jetzt der Sindico für das Haus Frankfurt. Als Stellvertreter – Subsindico – ist Bruno bestellt, der eine Wohnung unter uns hat. Bruno wohnt in São Ãngelo in Rio Grande do Sul (1 cm auf der Landkarte von hier bis dort. Das sind 800 km) und ist Apotheker. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Am Montag werde ich zusammen mit der Hausverwaltung eine gründliche Hausbesichtigung machen und all das richten lassen, was zu richten ist. Da hat es heute z.B. bei einem starken Gewitter ins Treppenhaus geregnet, so dass das Wasser vom 4. bis ins Erdgeschoss floss.

Über den Kater ist zu berichten, dass er heute ein zweites Mal zwecks Spritze zur Ärztin gebracht wurde. Das hat er uns so übel genommen, dass er im Anschluss unter dem Herd verschwand und erst am Abend wieder auftauchte. Die Diagnose jetzt aber lautet auch, dass er Diabetiker ist, und – ha! – abnehmen muss. Armer Kerl! Dabei hat er sich so sehr ans Fressen gewöhnt. Hinzu kommt noch, dass heute das letzte Katzenstreu aus Frankfurt, das mit dem Umzug hierher geschafft worden war, zu Ende ging.

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