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Dienstag, 3. Februar 2015: Politik

Heute sind wir extra früh aufgestanden, denn die Kinder von Marie – Wiliam und Amanda – sollten aus dem Urlaub zurück kommen und zusammen mit ihrem Opa am Busbahnhof in Itapema abgeholt werden. Marie hat uns darum gebeten und wir machen es gerne. Der Bus kam nicht wie angekündigt kurz nach 7 Uhr an, sondern erst nach 10 Uhr. Kurz vor Itapema gab es einen Unfall, der den gesamten Verkehr zum Erliegen brachte. Aber wir haben uns dennoch beim Warten nicht gelangweilt, denn Aurora hatte gute Gelegenheit, ausführlich mit Marie zu reden, während mir dabei zwei wichtige Bereiche im täglichen Leben ins Bewusstsein gerückt wurden, die in Deutschland und Brasilien sehr unterschiedlich sind.

Als erstes fielen mir die neuen Benzinpreise auf. Da kostet jetzt ein Liter Normalbenzin 3,16 Reais. Vor zwei Wochen waren es noch 2,74 und vorige Woche 2,94 Reais gewesen. In Deutschland, so ist zu lesen, sinken die Benzinpreise, während sie hier rapide in die Höhe schnellen. Wie kommt das? – Die Antwort ist einfach, denn es handelt sich hier in Brasilien um politische Preise und nicht um Preise, die der Markt macht. Die Regierung hat den Benzinpreis festgesetzt und die größte Mineralölgesellschaft des Landes, die auch dem Staat gehört, darauf verpflichtet. Der Preis war subventioniert, weil er auch die Armen trifft. Jetzt geht der Regierung – wie der in Griechenland – das Geld aus und man muss die Mineralölsteuern erhöhen. Zusätzlich zu dieser Erhöhung macht man noch einen anderen Trick: Der Zusatz von Äthanol, das aus Zuckerrohr gewonnen wird, wird von 25% auf 27% erhöht. Das liegt jetzt an der Grenze dessen, was ein Benzinmotor verträgt. Somit ist auch gleich der Zuckerindustrie geholfen. Wir werden wohl in Zukunft Super tanken müssen. Die Qualität ist besser, aber der Preis auch entsprechend höher. Inzwischen ist er so, wie der, den wir aus Deutschland hören: 3,30 Reais = 1,10 Euro pro Liter. War früher das Autofahren hier viel günstiger als in Deutschland, hat es jetzt also gleichgezogen, und das mit einem Schlag am 1. Februar. Gut, dass wir nicht mehr so viel Auto fahren müssen.

Haben wir es beim Benzinpreis mit einem politischen Preis zu tun, fehlt an anderer Stelle, an der in Deutschland enorm viel geregelt wird, jegliche Regelung, und das betrifft den Verbraucherschutz oder überhaupt das Bewusstsein, dass man es dem Verbraucher leichter machen könnte. Niemand, nicht einmal die Verbraucher selber, kommt auf die Idee, dass es an dieser Stelle vielleicht einen Regelungsbedarf gibt.
Bei unserer Internetverbindung, bei der die Telefongesellschaft das Zehnfache dessen, was sie liefert, abkassieren darf, ohne dass man das reklamieren kann. Den Anbieter kann man wohl wechseln, aber der nächste Anbieter macht es geradeso wie der alte, vielleicht noch schlechter. Und so ist es in vielem.
Es gibt auf den Lebensmitteln Angaben über die Inhaltsstoffe, jedoch nicht etwa in Prozent oder vergleichbaren Angaben, sondern in Gramm pro Portion. Die Portionsgröße aber ist undefiniert und genau so groß, wie sie der Hersteller haben möchte. Um Nutzen davon zu haben, muss man stets seinen Dreisatz im Kopf haben.
Am Busbahnhof habe ich festgestellt, dass es doch eine erhebliche Anzahl von Orten gibt, die mit Itapema via Bus zu erreichen sind. Also gehe ich an den Schalter der Busunternehmen und frage nach einem Fahrplan oder wenigstens einem Streckenplan. Gibt es nicht, ist die Auskunft. Nur übers Internet. Und im Internet findet man dann auf den jeweiligen Homepages der Busunternehmen keine Streckenpläne oder gar Fahrpläne, sondern lediglich Abfragen: Wann wollen Sie von wo nach wohin fahren? Gibt man das ein, erscheint in aller Regel der Hinweis, dass man diesen Wunsch leider nicht erfüllen kann. Dann einen Tag früher oder später – man ist ja flexibel, doch dieselbe Mitteilung. Warum klappt das nicht? Vielleicht bietet die Busgesellschaft diese Verbindung nicht mehr an, oder nur in der Saison, oder nur, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Es liegt der Verdacht nahe, dass sich die Busunternehmen teilweise wie Spatzen im Winter aufführen: um einen kleinen Körper plustert sich ein enormes Gefieder mit viel Luft.
Genauso verhält es sich bei den Konsumartikeln. Da nichts geregelt ist, ist auch alles möglich. Ich wünschte, die EU würde ein TTIP mit Brasilien abschließen, um ihre Normen und Regelungen teilweise hierher zu bringen, denn das wäre für den Verbraucher eine enorme Verbesserung.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich aber noch ein Thema streifen, das in Deutschland für viel Aufregung sorgt, die man aus brasilianischer Sicht nicht verstehen kann: Die Chlorbehandlung von geschlachtetem Federvieh. Wenn ein Hähnchen hier nicht gechlort würde, würden sich die Salmonellen bei unserer Hitze noch schneller verbreiten als in Deutschland. Es würde sogar bedeuten, dass hier Hähnchen gar nicht mehr angeboten werden könnten. Wirklich eklig erscheinen hier die ungechlorten Hähnchen aus Deutschland, bei denen immer wieder Salmonellen gefunden werden, wie immer wieder festgestellt wird. Das ist wirklich eklig, nicht das Chloren. Da kippen die Deutschen in ihre öffentlichen Schwimmbäder Mengen von Chlor, schwimmen und tauchen darin, schlucken auch manches davon runter – besonders Kinder – und ekeln sich davor, dass ein Hähnchen frisch geschlachtet kurz in Chlor getaucht wird, um die Keime zu vernichten? Das verstehe, wer will!

Noch etwas erlebe ich hautnah auf diese Weise: Wir leben in einer politisch postdemokratischen Gesellschaft. Das meiste, was unser Leben ausmacht und bestimmt, wird nicht durch Gesetze und Verordnungen, die ein gewähltes Parlament erlässt, bestimmt, sondern durch Verträge. Die EU besteht aus einem vertraglich geregelten Staatenbund. Sie bestimmt weit mehr als jeder einzelne Staat. Das Leben in der EU ist ein gutes Beispiel für diese postdemokratische Vertragsgesellschaft. Aber es gibt noch viel mehr Verträge, die unser Leben regeln. Das sind z.B. die Verträge, die mit Geld zu tun haben. Internationale Regelungen sind dabei nötig. Jetzt kommen auch Freihandelsverträge mit anderen Ländern dazu. Es ist doch wohl ziemlich klar und auch im Prinzip gut so, dass nach dem Abschluss solcher Verträge keine neu gewählte Regierung – wie derzeit in Griechenland – einfach alles vertraglich Geregelte kassieren und anders machen kann. Verträge müssen eingehalten werden und beschränken die gewählten Regierungen in ihren Handlungsoptionen. Und damit das auch gewährleistet bleibt, müssen die Vertragspartner aufpassen, dass eine neue, demokratisch gewählte Regierung, nicht einfach neue Gesetze, die die Einhaltung der Verträge verhindern oder behindern, erlassen darf. Wenn jemand wie Tsipras was ändern will, dann nur im eigenen Land bei der Umsetzung der Verträge, indem er z.B. die Reichen zur Kasse bittet, um die Armen besser bezahlen zu können. Aber aus der Verschuldung selber kommt er nicht raus. Aber auch solche Freaks wie der Orban aus Ungarn müssen sich an Verträge halten und können nicht einfach so die Seiten wechseln, wie sie es vielleicht gerne hätten. Wünscht man für Griechenland dem Tsipras viel Glück, wünscht man beim Orban in Ungarn eher der EU viel Glück und Erfolg.
Zurück zu Brasilien: Ach würde doch mal jemand auf die Idee kommen, ein Handelsabkommen zwischen der EU und Brasilien abzuschließen! Gesegnetes Brasilien, das dann alles, was in der EU völlig selbstverständlich für den Verbraucherschutz geregelt ist, übernehmen müsste. Das Telefonieren mit dem Handy ist schon zwischen zwei Bundesstaaten Brasiliens ein Problem. Den Kontinent übergreifendes Telefonieren zu machbarem Preis? – Träum weiter, lieber Brasilianer! Hier gilt weiter: Was ich nicht nach einem Monat vertelefoniert habe, kassiert die Gesellschaft ohne Leistung. Während meine Lidl-Handynummer jetzt ein Jahr lang kostenlos ruht, muss ich hier alle 3 Monate neu bezahlen. – So lässt sich die Liste der Sachen, die in Deutschland sehr viel genauer und verbraucherfreundlicher geregelt sind, fast ins Unendliche erweitern. Bei manchem wünsche ich mich zurück nach Deutschland, aber bei den meisten Gegebenheiten bin ich lieber hier …

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