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Mittwoch, 4. Februar 2015: Aurora

Heute ist ein ganz besonderer Tag, sozusagen der höchste familiäre Feiertag für uns, denn Aurora hat Geburtstag. Da sie im Jahr 1956 geboren wurde, wird sie heute 59 Jahre alt. Schon fast vor dem Aufwachen habe ich ihr gratuliert:

„Guten Morgen, mein Schatz! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Heute wirst du eine alte Schachtel. Wie schön, denn ich bin doch ein alter Deckel und eine alte Schachtel und ein alter Deckel passen gut zusammen!“
Sie freut sich. „Wie schön! Heute werde ich eine alte Schachtel, heute werde ich eine alte Schachtel!“ singt sie und als ihr dann Susi maunzend gratuliert, verkündigt sie ihr: „Auch du bist eine alte Schachtel! Susi, du alte Schachtel! Dann haben wir hier nur noch alte Schachteln im Haus.“, bedankt sich bei der Katze mit einigen Kraulern, was selbige mit lautem Schnurren kommentiert.
Ich mache Frühstück – aber das mache ich eigentlich jeden Morgen – und zünde für sie 5 Kerzen an, sozusagen für jedes gelebte Lebensjahrzehnt eine Kerze. „Da fehlt aber eine!“ kommentiert sie meine gute Idee. „Nee! Denn du wirst doch erst 59. Nächstes Jahr bekommst du eine Kerze mehr.“
Wir kauen das selbstgebackene Roggenbrot mit der selbstgemachten Marmelade drauf. Chico kommt zum Gratulieren. „Guten Morgen, du alter Deckel!“ wird auch er begrüßt. Aber der will das nicht hören, sondern etwas Quark auf Auroras Fingerspitze zum Ablecken. Um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, stellt er sich auf die Hinterpfoten, umklammert mit den Vorderpfoten vorsichtig Auroras Arm und maunzt lauthals. Er wird umgehend erhört! Zufrieden trollt er sich hernach und wir frühstücken in Ruhe zu Ende.

Gegen 7.30 Uhr sind wir auf der Piste runter zum Strand, Strand einmal hin und einmal her. Die Dinge des Tages werden besprochen. „Du sollst nicht allen Leuten sagen, dass ich Geburtstag habe!“ sagt sie bestimmt. „Warum nicht? Das ist doch ein hoher Feiertag!“ – „Ich will das nicht.“ Das muss als Begründung reichen. „Hmm!“ Sie ist mit der Anmerkung etwas spät dran, denn natürlich tue ich seit Tagen nichts anderes, als das frohe Ereignis herum zu posaunen.
Als wir wieder daheim sind, ist Marie schon da und fleißig am Werk. Sie hat von mir den erstaunten oder erschreckten Ausruf „Ai, ai, ai!“ übernommen. Den kannte sie bisher noch nicht, aber jedes Mal, wenn ich ihn tätige, macht sie ihn nach. Ich raune ihr zu: „Aurora hat heute Geburtstag, aber ich darf das nicht verraten.“ – „Ai, ai, ai!“ Sie gratuliert.

Der Vormittag verläuft normal. Ich sitze am PC, Marie putzt, Aurora kocht und die Katzen verkriechen sich. Nach dem Mittagessen machen wir einen Geburtstags-Mittagsschlaf – wenigstens versuchen wir es. Da aber in Deutschland zu dieser Zeit Spätnachmittag ist, haben die Menschen Zeit, Aurora zu gratulieren. An sich ist das eine sehr nette Idee, doch so gegen 16 – 18 Uhr deutscher Zeit erwischen sie uns immer im Bett. So auch heute. Es klingelte, aber wir gingen nicht dran. Es skypte, aber wir nahmen nicht an. Es klingelte wieder, aber ohne uns. Schließlich gelang es uns dennoch, die Augen zu zu bekommen nicht ohne die vorherige Verabredung: „Wenn du willst, gehen wir heute Pão de vovó (Omas Brot) und kaufen dort was Leckeres zum Geburtstag.“ Diese Aussicht nach neuem Hüftgold gestaltete dann das Aufwachen der alten Schachtel mit dem alten Deckel fröhlich. Gegen 16 Uhr zogen wir zusammen los, um Leckeres einzuhandeln. Ich fand bemerkenswert, dass uns in dem Laden eine junge Bäckereifachverkäuferin bediente, die ziemlich dunkelhäutig war, aber blitzblaue Augen hatte. Sowas gibt es in der Tat nur in Brasilien. Die Brasilianer meinen, das seien die Holländer gewesen, die im Nordosten Brasiliens einstmals versuchten, das Land zu erobern und ihre Gene zu verteilen. Ersteres ging ziemlich daneben, aber letzteres ist ihnen offensichtlich gut gelungen, denn die Episode war von 1630 – 1654 plus einem Vor- und einem Nachlauf.

Aurora beim KaffeeEs folgte ein gemütliches Kaffeestündchen mit frisch Erworbenem: für jeden von uns ein Himbeertörtchen mit Himbeerschaumkrone und in einen Schokoladenmuffin gehüllte Himbeercreme. Lecker! Das Apfelstücken haben wir dann schon nicht mehr essen können, weil sowohl die alte Schachtel, als auch der alte Deckel schon am Limit ihres Essvermögens waren. Aber danach gingen alle zufrieden ihren Tätigkeiten nach: Chico verschwand auf dem Schlafstuhl im Wohnzimmer, Susi auf ihren Stuhl auf der Terrasse, auf dem sie zwischen den Mahlzeiten ihren Tag verschläft, Aurora in ihre Küche und ich an meinen PC. Und da sitze ich nun und schreibe.

Später wird nicht mehr viel passieren – soweit es das Haus mit seinen Katastrophen zulässt. Hoffentlich klappt es, dass wir einen schwedischen Krimi sehen können. Aurora liebt schwedische Krimis. Leider können wir von ihnen nur einen Teil empfangen, weil uns der Rest aus rechtlichen Gründen vorenthalten wird.

Und wo bleibt die Feier? – Aurora hat keine Lust zu feiern. Darin ist sie mir ziemlich ähnlich. „Aber nächstes Jahr!“ meine ich. „Nein, keine Lust!“ – „Schau ma ma!“ Immerhin hat sie gestern beim Gottesdienst Reginaldo und seine Frau Maura eingeladen. Sie kommen demnächst mal wieder mit Mutter zu Kaffee und Kuchen. Heute Abend aber bekommt sie noch ein Gläschen Rotwein – so wie jeden Abend. Und dann gegen 21.30 Uhr spätestens trifft sie der Sandstrahl des Sandmännchens und sie entschlummert fast mitten im Satz. Erst die Katzen bekommen sie dann wieder nach Mitternacht wach.
Mir ist das zu früh und ich gehe immer noch mal in mein Zimmer, eine Runde Portugiesisch zu wiederholen und gute Musik zu hören, bevor ich mich dann gegen 23 Uhr mit einem Gläschen Cognac und einem guten Buch neben sie lege, lese und dann auch recht schnell in die Traumwelt hinüber gleite. Traumwelt ist für mich ein recht guter Begriff, denn ich träume fast jede Nacht ausführlich und kenne mich in der Traumwelt gut aus. Einmal habe ich sogar geträumt, dass ich träume und mich darum gar nicht besonders anstrengen müsste, die mir vorgelegte Arbeit zu erledigen. Ich müsse ja nur aufwachen, was ich dann auch tat. – Aber das sind andere Geschichten.

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