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Samstag, 14. Februar 2015: Portugiesisch

Vorgestern habe ich eine Entdeckung in meinem Babbel-Portugiesisch-Lehrgang gemacht. Dort war plötzlich eine nagelneue Lektionsreihe zu finden: Anfängerkurs Nr. 6. Was der wohl bieten würde? Bis gestern habe ich die ersten 16 Lektionen durchgenommen. Das meiste war mir irgendwie schon bekannt, vor allem die Vokabeln. Aber es gab auch einige Erkenntnisse, die neu und für mich sehr erstaunlich waren, denn sie verraten einiges über das Sein von Portugiesisch sprachigen Menschen. Denn in seiner Sprache denkt der Menschen. Sie prägt die Denkstruktur und erklärt manches, was man ohne Kenntnis der Muttersprache eines Menschen so nicht wahrnehmen würde, weil man selber auf Grund seiner eigenen Sprache andere Denkstrukturen hat. Deswegen, so finde ich, ist es so wichtig, andere Sprachen zu lernen. Deswegen müssen wir Theologen Griechisch und Hebräisch lernen, weil dort sehr anders gedacht wird, als im Deutschen.

Im Portugiesischen fällt mir auf, wie stark der Sprecher selber im Mittelpunkt seiner Sprache steht und wie viel ausgedrückt wird in Bezugnahme auf den Sprecher. Ein einfaches Beispiel: „Max bringt einen Kuchen zur Party.“ Klingt doch schlüssig und gut. Aber so einfach ist das nicht, denn es kommt drauf an, ob ich schon auf der Party bin oder nicht. Bin ich auf der Party, dann muss ich das Wort „trazer“ (bringen) benutzen. Bin ich aber bei Max oder ganz woanders, dann muss ich „levar“ (bringen) anwenden. Immer, wenn irgendwer irgendwas wohin trägt, muss ich erst mal überlegen, wo ich mich dabei befinde, um dann das richtige Wort zu wählen. Ein Brasilianer macht das natürlich gefühlsmäßig. So weit sind meine Gefühle diesbezüglich noch nicht. Im Deutschen ist es absolut gleichgültig, wo ich mich befinde, wenn Max den Kuchen zur Party bringt. Der Vorgang an sich ist entscheidend. Wenn man so will, ist Kant mit seinem kategorischen Imperativ als Portugiese nicht denkbar. Dafür ist ein Vasco da Gama als Deutscher schwer vorstellbar, der das portugiesische Königreich in die Welt bringt (levar), um dafür Wertsachen abzuholen (trazer).

Dabei ist das nur ein kleines Beispiel. Noch viel ausgeprägter sind die Probleme mit den Zeitformen der Verben. Die Deutschen haben es da einfach. Es gibt die Gegenwart, die Zukunft und die Vergangenheit. Bei allen Zeitformen gibt es neben der einfachen Zeitform in Analogie zum Englischen auch die Form mit dem Gerundium: I am doing = Eu estou fazendo = Ich mache gerade.
In der Vergangenheit haben wir in Anlehnung an das Lateinische das Imperfekt (ich trug) und das Perfekt (ich habe getragen). Sodann gibt es noch das Plusquamperfekt (ich hatte getragen).
Alle Zeitformen werden von der Gegenwart her definiert: die Gegenwart, die Zukunft und die Vergangenheit. Zwar bin ich derzeit ein Teil der Gegenwart, jedoch ist semantisch gesehen die Gegenwart an sich das Entscheidende, nicht mein Befinden darin. Für uns ist das selbstverständlich und wir haben das so auch im Lateinunterricht gelernt, falls wir Latein gelernt haben. Seltsam ist, dass wir wesentlich lateinischer denken als die Portugiesen, deren Sprache bekanntlich aus dem Lateinischen hervor ging. Hier gibt es aber Zeitformen, die wir höchsten umschreiben können, die jedoch im Deutschen keine eigenen Formen bilden. Sie alle setzen den Menschen – mich, den Sprecher – in den Mittelpunkt. Nehmen wir das einfache Wort für „sprechen“ = falar.
Natürlich gibt es die normale Gegenwart: er spricht = ele fala. Dann gibt es natürlich auch die Zukunft: er wird sprechen = ele falará. Komplizierter wird die Vergangenheit, denn jetzt gilt es zu unterscheiden, wo ich mich derzeit befinde. Vier Vergangenheitsformen gilt es zu unterscheiden:
a. die abgeschlossene Vergangenheit;
b. die Vergangenheit, die auf das Heute Auswirkungen hat, indem das, was da angefangen hat, weiter gemacht wird;
c. die Vergangenheit, die schon länger zurück liegt, etwa nach der Devise: Ich erzähle euch mal, wie das früher war;
d. Die Vorvergangenheit, wobei die sich danach richtet, von welcher Vergangenheit zuvor die Rede ist. Wenn man so will, gibt es davon also auch mehrere Formen.

Als Beispiel möge der Satz dienen: „sie liebte mich“. Auf Portugiesisch kann man das also so nicht sagen, denn jetzt muss ich nachdenken, wo ich mich befinde und wie sich das zu mir und meinem Sein verhält. Hat sie mich gestern geliebt, heute aber nicht mehr (a), heißt es „ela me amou (ontem)“. Meist wird dann noch sowas wie „gestern“ (ontem) hinzu gefügt. Wenn Aurora die „sie“ ist und ich das „mich“, wäre ich jetzt ein armer Tropf. Wenn sie mich aber nicht nur gestern liebt, sondern auch noch heute und hoffentlich auch morgen, dann heißt es „ela tem amado“ (wörtlich: sie hat geliebt, ist aber so nicht zu übersetzen). Das wäre die Form (b).
Wenn sie mich geliebt hätte, als wir damals noch in Frankfurt wohnten und wir uns noch kannten, ist das wieder eine andere Zeitform: die der distanzierten Vergangenheit (c). Man kann es auf Deutsch etwa so umschreiben: „Sie pflegte mich (damals) zu lieben“ = „ela me amava“. Ich denke dann: ‚Lang ist es her! Wen sie heute wohl liebt?‘

Und dann denke ich weiter zurück: „Sie pflegte mich damals zu lieben, nachdem sie zuvor einen anderen geliebt hatte“ = „ela me amava depois ela havia amado alguem“. Das also liegt echt lang zurück und ich denke daran mit Nostalgie (hoffentlich nicht mit Neuralgie). Dabei gibt es natürlich diese Vorvergangenheit auch bei anderen Zeiten, denn sie kann mich ja gestern angefangen haben zu lieben, nachdem sie mein erhabenes Wesen erkannt hat (letzteres wäre also die Vorvergangenheit zu (a) oder (b).
Und da soll man nicht verrückt werden?!?! Aurora meint, dass man sowas im Laufe der Jahre ins Gefühl bekommt. Das weißt der liebe Himmel!

Dazu kommt noch das Konditional, das einen Wunsch, Erwartung oder Hoffnung ausdrückt. „Sie sollte mich lieben!“ heißt dann: „ela me amaria“. Mit dieser Verbform kann man sehr schön Feststellungen umschreiben, was der brasilianischen Seele sehr entgegen kommt. „Du bezahlst“ klingt anders als „Du solltest bezahlen“. Eine kleine Verbform und die Welt wird freundlicher. Oft wird das Konditional im Deutschen mit dem Konjunktiv übersetzt, wobei das nicht ganz richtig ist. Hätten mir damals Ende der 60er Jahre die alten Nazis nicht erklärt, man müsse mich an die Wand stellen und abknallen, sondern man sollte mich (vielleicht) an die Wand stellen, wäre ich (vielleicht) nicht nach Schweden ausgewandert.
Zuletzt gibt es dann noch den brasilianischen Konjunktiv, den man überhaupt nicht ins Deutsche übersetzen kann. Er kommt nur in Wunschsätzen mit dem „dass“ vor. „Ich wünsche mir, dass du isst!“ würde mit dem Konjunktiv zu übersetzen sein. Auch hier sieht man wieder, wie freundlich und höflich eine Sprache sein kann, dass man dafür sogar eigene Verbformen hat. Einem Deutschen würde das niemals in den Sinn kommen. Aber man stell sich vor: da haben die eigenen Wünsche und Vorstellungen, Urteile und Beurteilungen sogar zwei eigene Zeitformen! So wichtig ist der Mensch, dass man ihm das sprachlich einräumt. Der Mensch ist eben das Zentrum seines Sprechens - und damit auch seines Denkens. Kann man es da übel nehmen, wenn sich ein Politiker Julius Cesar nennen lässt? In der Politik ist diese Egozentrizität allerdings verheerend, während es uns Kleinen gut tut.

War das jetzt ein ermüdender Ausflug in die portugiesische Sprachwelt? Na ja, man könnte ihn ja auch nicht gelesen haben (gemerkt? Das ist das Konditional!). Jetzt aber kann man verstehen, warum ich Sindico hier im Haus sein kann: Ich kann den Leuten klaren Bescheid geben mit einfachen Aussagesätzen. Sie finden das zwar ungehörig, schieben es aber auch mangelnde Sprachkenntnisse und verzeihen alles. Denn wer weiß schon nach so kurzer Zeit, was ein Konditional ist?!?! Hier ist man eben vorsichtig miteinander und plaudert erst mal über sich, seine Kinder, seine Familie überhaupt, bevor man das Geschäftliche erläutert. Auch wenn das Geschäft wichtig ist, ist das, was den Menschen ausmacht, wichtiger. Der Mensch steht eben im Mittelpunkt.

Zuletzt noch ein Zwischenstand meiner Studien:
Babbel-Wortschatz: 6.222 Ausdrücke
Fleißpunkte: 228.916. Damit bin ich in der „ewigen Fleißliste von Babbel“ an Position 63.
Abgeschlossene Kurse: 48 von 53. Die 5 nicht abgeschlossene Kurse sind Schreibkurse, in denen man was schreibt, was andere Kursteilnehmer dann korrigieren sollen. Das brauche ich nicht, zumal mein Niveau inzwischen weit über das Verlangte hinaus ist, worauf ich selbstverständlich mächtig stolz bin.

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