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Donnerstag, 26. Februar 2015: Sprachphilosophie

Am 14. Februar hatte ich ja schon einige sprachphilosophische Überlegungen angestellt, die ich in diesem Beitrag fortführen möchte.
Grundsätzlich sei noch einmal bemerkt, dass die Sprache das Instrument des Denkens ist. So, wie ich spreche, denke ich. Die Sprache formuliert den Gedanken, prägt meine Art des Denkens. Es ist natürlich, in seiner Muttersprache Gedanken zu fassen und umgekehrt die Gedanken seiner Muttersprache anzupassen. Das ist ein automatischer Vorgang, der nur dadurch problematisiert werden kann, indem man eine andere Sprache mit seinen Denkmustern kennenlernt und diese andere Sprache sich von der eigenen unterscheidet. Die Ergebnisse dieser Erkenntnisse sind mir wichtig, um sowohl die Denkmuster der eigenen Muttersprache besser erkennen zu können, als auch die der Brasilianer besser zu verstehen. Somit helfen sie mir bei meiner Selbsterkenntnis.

Ein ganz einfaches Beispiel für den Zusammenhang zwischen Denken und Sprache ist das kätzische „Miau!“. Chico sagt „Miau!“ und meint damit ganz deutlich: „Ich bin hier! Es gibt mich!“ Weiter reicht sein Denkvermögen nicht, weil er eben eine durchaus liebenswerte, jedoch dumme Katze ist. Ich als Deutschsprachiger verstehe: „Ich, Chico, tue dir hiermit kund, dass es mich gibt!“ und ich antworte darauf mit Bekundungen, dass ich ihn wahrnehme. Aurora, die Portugiesischsprachige, versteht: „Ich, Chico, möchte sagen, dass ich meine Befindlichkeit kundtun möchte!“ Folglich gibt sie ihm Botschaften, die sein Selbstvertrauen stärken („Du bist wunderschön!“) oder sie gibt ihm zu fressen. Chicos wenig hintergründiges „Miau!“ wird also von uns unterschiedlich verstanden. Ich als Deutscher sehe dahinter das Objekt, die Katze, die ihre Existenz unter Beweis stellen möchte, und Aurora sieht dahinter das Subjekt, die Katze, die sich irgendwie fühlt, weil sie auch nur ein Mensch ist – oder so. Genau das kennzeichnet die Unterschiede in der Denkungsweise: Wir Deutschen denken ausgesprochen objektbezogen, sachlich, zielgerichtet, während die Brasilianer subjektbezogen, sozial und mitfühlend denken. Wohl gemerkt: Es handelt sich dabei um unreflektierte Denkmuster, die durch die Sprache vorgegeben werden, nicht durch einen bewussten Gedanken.

Ein anderes Beispiel von heute früh, als wir am Strand liefen. Aurora erzählt, dass Marie immer Chlor ins Putzwasser gießt und damit die weißen Fugen nach kurzer Zeit gelb verfärbt, was nicht schön aussieht. Meine Reaktion darauf war typisch deutsch: „Dann sag ihr halt, dass sie nicht mit Chlor putzen soll.“ Das aber geht für Aurora gar nicht, denn wie würde sich Marie angesichts dieser Anmerkung fühlen? Schließlich ist sie eine Fachfrau für Sauberkeit und weiß, wie man putzt. Da kann man ihr nicht einfach die Anweisung geben, kein Chlor mehr zu nehmen. Einen Brasilianer würde meine deutsche, objektbezogene Antwort aus den Latschen hauen, denn es geht doch eigentlich nicht um das Chlor, sondern um Marie.

Ein anderes Beispiel – auch heute auf dem Spaziergang erlebt: Ich frage, wieso es hier in Brasilien keine vernünftige Lebensmittelkennzeichnung gibt mit vergleichbaren Angaben. In Deutschland – dem so sachbezogenen Land – werden die Inhaltsstoffe jeweils auf 100 gr. bezogen angegeben, hier auf Portionsgrößen, wobei jeder Herstelle die Portionsgröße selber festlegen kann.
Schon allein dieser Umstand zeigt die unterschiedliche Denkweise: In Deutschland ist sie sachbezogen auf die Inhaltsstoffe, die es anzugeben gilt. In Brasilien ist sie personenbezogen; also auf die Portion, die ein Mensch davon verdrückt oder verdrücken sollte. In Deutschland ist sie objektiv, in Brasilien subjektiv.
Meine typisch deutsche Anmerkung war: „Warum wird nicht ein einfaches Gesetz erlassen, dass alle Lebensmittelhersteller die Inhaltsstoffe auf 100 gr. angeben, denn angegeben werden müssen sie hier sowieso schon!“ Das war wirklich sehr sachbezogen, für uns Deutsche einfach nachzuvollziehen. Auroras Antwort darauf war sehr brasilianisch: „Die meisten Menschen essen sowieso nur Reis mit Bohnen (brasilianisches Nationalgericht und auch wirklich sehr lecker!), weswegen es total egal ist, wie die Inhaltsstoffe angegeben werden.“ Darauf kann ich natürlich antworten: „Es geht mir nicht um die Menschen, die das deklarierte Zeug nicht essen, sondern um eine einfache Änderung der Regelung für die Deklaration von Inhaltsstoffen.“ Darauf sie: „Und mir geht es darum, dass es den Menschen hier egal ist, wie die Stoffe deklariert werden.“ – Kann man die Sache mehr auf den Punkt bringen?

Solche Beispiele gibt es täglich mehrere. Sie sind sehr typisch für unsere unterschiedlichen Muttersprachen und der damit zusammen hängenden Denkweise.

Nun ist es ja nicht so, dass die Denkweise des Einen dem Anderen nicht nachvollziehbar wäre. Auch Deutsche wissen, was Rücksicht, Nächstenliebe, Diplomatie und soziale Verantwortung ist. Nur brauchen wir dazu in unserem Gehirn mehrere Schritte und ein geschultes Bewusstsein, um dorthin zu kommen. Wir müssen das Subjekt zum Objekt der Betrachtung machen. In Brasilien ist es eher umgekehrt: Alle diese sozialen Inhalte werden von Grund auf gedacht und man braucht einige Denkschritte, um zu einer gewissen Sachlichkeit zu finden. Wie kann z.B. Aurora der Marie die für mich simple Sache verdeutlichen, beim Putzen kein Chlor mehr zu nehmen?
Gerade kam Aurora und hat die Lösung gefunden: Das Chor ist zu Ende und es gibt kein Chlor mehr im Haus. Stattdessen haben wir ein anderes Putzmittel gekauft, das Aurora jetzt ausprobiert hat. Es hat bei ihr gut geklappt. Also macht Aurora jetzt eine Anweisung für das geeignete, neue Putzen fertig und erzählt morgen Marie, dass sie es ausprobiert habe und dass es gut klappe. Marie kann und soll das auch mal ausprobieren, um festzustellen, dass es gut ist. So wurde aus meinem einen objektbezogenen Satz deine ganze Aktion, bei der die putzende Marie im Mittelpunkt steht.

Man kann sich vorstellen, welche enormen Auswirkungen die unterschiedlichen sprachlichen Muster auf das Bild des anderen haben. Für die Brasilianer sind wir Deutschen kaltherzig, hart, aber effektiv bis zum Anschlag. Auf gut brasilianische Denkweise bewundert man letzteres. Und für uns Deutsche sind die Brasilianer barock, verschnörkelt, äußerlich und leichtlebig, was ebenso bewundert wird (Wenn die Deutschen wüssten, wie schwierig manchmal das Leben wird, wenn man leichtlebig sein möchte!).

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