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Sonntag, 1. März 2015: Altersruhestand

Fast hätte ich dieses biographisch wichtige Datum verpasst, weil es in der Tat nicht mehr besonders relevant in meinem Leben ist, wohl aber in meiner früheren Perspektive, weil es schon seit Jahren und Jahrzehnten meines Lebens einen erneuten Lebensabschnittswechsel bedeutet. Denn ab heute bin ich Altersruheständler und nicht mehr Frühpensionär. Im November 2014 wurde ich 65 Jahre alt. Wegen der Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre kamen noch ein paar Monate hinzu, so dass ich bis Ende Februar 2015 hätte arbeiten müssen, um volle Rente zu bekommen. Nun bin ich allerdings schon seit 1. September 2013 Ruheständler, also 18 Monate vor der Zeit. Ich finde, dass solch ein Datum ein Grund zum Innehalten ist, um sich zu fragen, ob die Entscheidung der vorzeitigen Pensionierung vor 18 Monaten richtig gewesen ist, oder ob ich sie vielleicht doch zu vorschnell getroffen habe.

Bis Mai 2012 war ich ja noch der Meinung gewesen, dass ein Pfarrer gar nicht früher in Pension gehen kann. Dann traf ich ausgerechnet vor der Kirche in Rappin auf Rügen, an der mein Urgroßvater Ferdinand Trittelvitz Pastor gewesen war, einen Kollegen aus Friedberg, der eben diesen Schritt gemacht hatte und mich darüber informierte. Der Entschluss war sehr schnell gefasst, dass ich mit meiner Pensionierung nicht mehr bis heute warte, sondern schon früher gehe. Auch das Datum dafür wurde ziemlich schnell klar: Ende August, bevor die Aktivitäten des Herbstes und Winters begonnen werden müssen, würde ein guter Zeitpunkt sein. Gefördert wurde dieser Beschluss auch durch die Tatsache, dass die Ruhestandswohnung in Bombinhas schon seit über einem Jahr bezugsfertig war und uns lediglich monatlich Geld kostet, wobei nach und nach alle Baugarantien verfallen, ohne dass wir überhaupt Fehler feststellen können. Die Wohnung musste dringend bezogen werden. Je früher, desto besser.

Sodann habe ich mir ausrechnen lassen, wie groß die Abschläge vom Ruhegehalt sind. Sie waren nicht so hoch, lediglich 10 € pro Monat, den ich früher in Rente gehe. Also habe ich jetzt brutto 180 € weniger, als wenn ich heute pensioniert würde. Aber hätte ich deswegen länger arbeiten sollen? Dagegen steht, dass das Arbeiten und die privaten Kosten für das Arbeiten höher sind als der Verdienstausfall durch die Verrentung. Zwar habe ich jetzt netto mehr als 20% weniger in der Tasche, jedoch lagen die Kosten für Wohnung, Auto und andere Ausgaben, die mich in Frankfurt bei der Arbeit festhielten, weit über dieser Summe. Der einzige Verlust war lediglich der, dass nun auch Auroras Gehalt weg fiel, denn sie hörte natürlich gleichzeitig mit mir auf zu arbeiten. Geschmerzt hat es uns dennoch nicht, zumal sie nun nach dem Tod ihrer Mutter auch über ihre Rente verfügt, die ungefähr ihrem damaligen Gehalt entspricht. So paradox es klingt, habe ich jetzt zwar weniger in der Tasche, habe aber mehr zur Verfügung. Das hatte ich damals bei meiner Pensionierung vielleicht geahnt, aber nicht gewusst.

Schwer fiel mir der Abschied von vielen Menschen in Frankfurt, die ich gerne mag. Dieser Schmerz allerdings wurde dadurch gemildert, dass ich gleich von Anfang an dafür gesorgt habe, dass uns alle Kommunikationsmöglichkeiten offen stehen, soweit sich das in Bombinhas verwirklichen lässt. Auf diese Weise konnte ich viele Kontakte eher intensivieren, auch wenn man sich nicht mehr so oft persönlich begegnet. Viele Freunde aus Frankfurt rufen an. Ich bin dort noch präsent, so wie Frankfurt für mich präsent ist. Täglich wandern Emails hin und her. Auch viele Briefe erreichen mich und ich schreibe selber fleißig. Dazu habe ich ja nun auch Zeit. Waren meine Freunde in Frankfurt früher eher eine Selbstverständlichkeit, haben sie nun einen höheren Stellenwert in meinem Leben, was uns allen gut tut, Was für die Frankfurter gilt, gilt auch für meine Verwandtschaft, besonders meine Geschwister. Wäre ich nicht Rentner in Brasilien, hätten meine kleine Schwester Monika und ich sicherlich noch immer ein eher abwartendes Verhältnis. Jetzt aber hat es eine nie zuvor erreichte Qualität, die ich nicht mehr missen möchte. Ich möchte ihr sagen: „Moni, nach Aurora bist du die zweitwichtigste Frau in meinem Leben geworden!“ und das dank der Pensionierung und des Umzugs in die Ferne, wodurch sie meine Statthalterin in Deutschland geworden ist. Dieses „Amt“ führt sie mit viel Engagement und Liebe aus. Das hatte ich in diesem Ausmaß nicht erwartet und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Aber auch zu den anderen Geschwistern hat sich das Verhältnis intensiviert, weil ich mehr Zeit dafür habe. Inzwischen kann ich mit allen Geschwistern skypen, so dass ich sie heute sehr viel öfter sehe als zu meiner Frankfurter Zeit.

Vermisse ich den Beruf? Eher nicht, denn ich denke, dass ich noch andere Interessen habe als die Arbeit als Pfarrer. Ich war gerne Pfarrer. Auch habe ich weiterhin meinen Glauben, aber so richtig brauche ich dafür weder meinen Beruf, noch eine Gemeinde. Der Glauben ist eine Herzens- und Vertrauenssache, die tief in mir ruht, auch wenn mir dafür die Referenzgruppe fehlt. Insofern brauche ich nicht, dass ich Vertretungen bekomme, auf Kanzeln steige, mich vor Altäre stelle oder hinter Särgen her gehe. Zwar gehöre ich auch in Bombinhas einer Gemeinde an, aber die Gemeinde ist nicht mein Leben, so wie das früher der Fall war. Meine jetzige Arbeit ist das Lernen von Portugiesisch. Das mache ich gerne und das fordert mich und mein Gehirn. Darüber hinaus ist bereits das Leben in einem fremden Kulturkreis eine geistige Herausforderung, die einen Menschen in Anspruch nimmt. Insofern ist Bombinhas für mich Gabe und Aufgabe zugleich. Die beiden Erlebnisbücher sind gute Zeugen dafür.

Ich genieße die Gänge am Strand und das Lernen von Vokabeln und ich freue mich schon auf die Zeit, wenn ich anfange kann, das Programmieren zu lernen. Die dafür nötige Literatur habe ich schon.

Es wird sicher niemanden überraschen, der dieses Erlebnisbuch liest, dass ich nichts, aber auch gar nichts bereue. „Heimweh“ nach Deutschland ist mir fremd, eher Heimweh nach Bombinhas, wenn ich in Deutschland bin. Noch immer habe ich das Gefühl, die glücklichste Zeit meines Lebens zu erleben, die mir wie ein unverdientes Geschenk vorkommt. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Bleibt noch der Rückblick auf ziemlich genau 40 Jahre Berufstätigkeit als Pfarrer. Ich erinnere mich, dass ich Anfang Dezember 1975 im Dom von Stockholm geweiht worden bin. Kurz war ich dann nördlich von Stockholm in Kårsta eingesetzt, dann aber vor allem in Botkykra Församling, einer Vorortsgemeinde von Stockholm mit einem riesigen, sozialen Brennpunkt. Im September 1979 zog ich dann nach Frankfurt-Höchst um und war dort in der Christophorus-Gemeinde tätig bis 1995, als ich übergemeindlicher Pfarrer für Menschen mit Behinderung wurde. Da diese Stelle geteilt wurde, war ich auf einer halben Pfarrstelle von 2006 zunächst für etwas länger als ein Jahr in der Festeburg-Gemeinde in Preungesheim und dann bis zu meiner Pensionierung in der Andreasgemeinde in Eschersheim tätig. Soweit meine biographischen Daten.

War ich gerne Pfarrer? – Ja und nein. Im Rückblick kann ich es schon bejahen, jedoch habe ich auch Einschränkungen. Mit einigen Umständen kam ich nur sehr schwer zurecht. Strukturen in der Kirche und um das kirchliche Leben herum fand ich oft problematisch. In der Tat fühle ich mich eher einer postkirchlichen Gesellschaft zugehörig, als ausgerechnet ein Vertreter dieser Institution, die auch noch mein Gehalt bezahlt, zu sein. Ich war immer zu einem Spagat zwischen meinem Sein als Mensch und meiner Funktion als Kirchenbeamter gezwungen. Dass das nicht immer gelang, war Ursache zu manchmal schweren Fehlern, die anderen das Leben mit mir schwer machten. Meine einzige Entschuldigung ist, dass ich es nicht besser gewusst habe oder besser verstand. In Selbstfindungsprozessen hätte ich sehr viel mehr Freiheit und Toleranz gebraucht, als vor allem eine Gemeinde das zugesteht. Ist das nun deren Schuld, dass ich privat erst ziemlich spät in die Spur gekommen bin, oder war es meine Schuld, dass ich den Einwirkungen von außen zu bereitwillig nachgab? Wie dem auch sei, ist es jetzt dann doch noch so geworden, wie ich es von Anfang an gebraucht hätte.

Wenn ich also an das Einbringen meines Ichs in den Beruf denke, dann hätte ich mir einen Beruf gewünscht, in dem ich nicht „mit Haut und Haaren“ vereinnahmt werde, in dem sich das Berufsleben und das Privatleben klar trennen lassen. Andererseits aber gab mir der Beruf eine Freiheit, die es sonst nicht gibt: Ich hatte Zeit, mit Menschen auf eine Art und in einer Tiefe zusammen zu sein, die mir sonst nicht gewährt worden wäre. Mal Seelsorger, mal Sozialarbeiter, mal Lehrer, mal Chef, mal Teamplayer, mal Alleinunterhalter, mal nachdenklich, mal locker und fröhlich, mal mit Kindern und Jugendlichen, oft mit alten Menschen. Die Freiräume waren groß, aber nicht unendlich.

Theologisch habe ich seit ich 15 bin gearbeitet und tue es auch heute noch. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Die Verkündigung hat diesen Prozess in mir sicher gefördert, weil ich mich mit Glaubensdingen befassen musste. Jedoch habe ich diesbezüglich fast nur von gelehrten Theologen gelernt und nicht von Gemeindegliedern. Mit letzteren verbindet mich eher Herzlichkeit und Innerlichkeit als das Nachdenken über Gott – übrigens ist das auch eine Folge meiner Überzeugung, in einer nachkirchlichen Zeit zu leben. Selbst in den Bibelkreisen, die ich geleitet habe, war mein theologisches Denken den anderen eher fremd, glaube ich. Dass sie dennoch kamen, war wohl eher ihrer Liebe zu mir gedankt.

Zusammenfassend kann ich sagen: Es war gut, Pfarrer gewesen zu sein, jedoch wäre auch ein anderer Beruf gut für mich gewesen. Zwar bereue ich meine Berufswahl nicht, jedoch sehe ich im Rückblick, dass es auch ein anderer Beruf hätte sein können. Dieser Rückblick aber ist eher die weise Erkenntnis des Alters, denn als junger Mensch war der Pfarrberuf für mich der einzige vorstellbare. Und ich glaube, dass es gute und schlechte Zeiten oder Umstände in allen Berufen gibt. Am Ende aber bin ich hier in Bombinhas und lebe einen sorglosen Ruhestand unter gehobenen Bedingungen. Mein Klagen ist auf höchstem Niveau („Wie bekomme ich das Wasser im Pool kühler?“) und ich fühle mich in jeder Weise privilegiert. Möge es noch lange so gehen.

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