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Donnerstag, 5. März 2015: Arbeiten

Es ist 9.30 Uhr und ich bin schon total erledigt, fertig, ausgelaugt und müde. Wie kann es dazu kommen?

Die Nacht war eigentlich normal. Wir schliefen für unsere Verhältnisse gut – so gut man eben schlafen kann, wenn im Schlafzimmer 30° herrschen. Immerhin ist die Terrassentür die ganze Nacht auf und der Deckenventilator schnurr leise vor sich hin. Ich habe mich heute Nacht irgendwo in der Nähe der Ukraine befunden – weiß der Himmel, wieso – und habe mich dort darum bemüht, Ukrainisch zu lernen. Man kann sich also vorstellen, dass ich nicht ungern um 5.30 Uhr aufwachte und den neuen Morgen begrüßte. Ukrainisch ist noch schwieriger als Portugiesisch, ging es mir durch den Kopf. Gut, dass ich NUR Portugiesisch lernen muss.
Ich hole mir – wie jeden Morgen – das iPad hervor und lade erst mal, was wir so für den Tag brauchen: Aurora bekommt ihre Online-Zeitung, die „Estadão“, ich den Babbelkurs, dann die diversen Nachrichtenseiten der ARD, des ZDF, Dagens Nyheter, Facebook und „Krautreporter“. Die Emails der Nacht sind meistens Spams und werden gleich gelöscht. Gegen 6 Uhr regte sich auch in Aurora Leben, denn Chico begann zu maunzen. Ich stand auf, ging in die Waschküche, um erst mal das Katzenklo zu reinigen. Das ist nämlich meine Arbeit jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen. Ebenso bereite ich jeden Morgen das Frühstück vor, koche Kaffee, toaste unser Brot, bereite die Papaya vor, die es allmorgendlich gibt. Das alles ist Routine, wird von mir innerhalb von 10 Minuten erledigt, wobei das Toasten die meiste Zeit braucht. Wir frühstücken gegen 6.30 Uhr. Frühstück ist immer die gemütlichste Mahlzeit des Tages und wir genießen die Stille, die etwas kühlere Luft des Morgens, die durch die geöffneten Terrassentüren kommt. Ich muss daran denken, dass es im Portugiesischen keinen Ausdruck für „Es zieht!“ gibt. Aurora macht sich darüber immer lustig, wenn bei einem geöffneten Fenster eine beträchtliche Anzahl der Deutschen schreit: „Es zieht!“. Bei uns in Brasilien zieht es ständig und man genießt es. Stehende Luft ist unerträglich. Klar gibt es dann auch manchmal Erkältungen, aber die werden hier nicht so schlimm erlebt. Krank ist man dann nicht.

Luciano und AuroraHeute gab es keinen Strandgang, denn um 8 Uhr sollten wir Luciano treffen. Luciano ist ein junger Handwerker, der sehr schnell sprechen und arbeiten kann. Er hatte unseren Heißwasserboiler installiert und war uns angenehm aufgefallen. Heute sollte er nichts bei uns, sondern in Inhas Wohnung machen. Inha wird am Samstag erstmals seit 3 Jahren aus São Paulo hierher kommen, um ein wenige Urlaub in ihrer Wohnung zu machen, in der seither nur Aurora und ich gewohnt hatten. Inha musste bekanntlich die an Weihnachten verstorbene Mutter pflegen. Sie weiß kaum noch, wie es in ihrer eigenen Wohnung in Bombinhas aussieht. Es ist klar, dass sich Aurora nun verpflichtet fühlt, die Wohnung in einen hervorragenden Zustand zu bringen. Dazu gehören auch Arbeiten, die Luciano erledigen muss. Eigentlich wäre ich gar nicht mitgegangen, doch meinte Aurora, ich könne ja in der Zeit in unserer Suite, in der wir die ersten Wochen in Bombinhas gelebt hatten und die inzwischen renoviert und ummöbliert wurde, die weißen Betten, die bis zu unserem Umzug im Gästezimmer des Hauses in Frankfurt standen, aufzubauen. Klar, würde ich das tun, keine Frage! Ich sammele mir Werkzeug zusammen, von dem ich annahm, dass es dabei guten Nutzen tun würde, und wir brachen gegen 7.45 Uhr auf. Um 8 Uhr sollte Luciano kommen. Er war pünktlich. Dieser Mann ist ein Phänomen an Lebendigkeit. Er ist dünn, drahtig und agil. Wenn ich schwitze wie ein Pferd, ist er noch trocken und locker. Er erledigte in der Wohnung munter seine Arbeit, während ich nach oben in unsere Suite stieg und die Teile des Bettes zusammenfügte. Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein. Ich hatte die Wahl zwischen stehender Luft und warm oder offener Tür mit Zug, dafür aber sehr warm. Ich entschied mich für letzteres. Und als die Teile vom ersten Bett zusammengefügt vor mir standen, war schon auf dem Fußboden eine Pfütze von Schweiß. Ich schnaufte, trocknete mir das Gesicht mit dem T-Shirt, suchte nach dem Werkzeug und stellte fest, dass ich das falsche eingepackt hatte. Mein Gefühl darüber war nicht etwa Ärger oder Enttäuschung, sondern eher Erleichterung, denn wenn einem der Schweiß die Augen zu tropft, braucht man eigentlich kein Werkzeug, sondern lediglich trocknende Tücher und eine Ausruhmöglichkeit. Schnell suchte ich mir das zusammen, was ich für den Aufbau wirklich brauche, um später die richtigen Werkzeuge mitzunehmen und setzte mich auf einen der abgedeckten Sessel in Inhas Wohnzimmer. Aurora ist eine verständnisvolle Person und sagte nichts über meinen Zustand. Luciano huschte mehrfach an mir vorbei. Ihm macht das alles nichts aus. Es war 8.30 Uhr und ich fertig mit dem Leben und der Arbeit. Zehn Minuten später wechselte ich auf das Sofa. Aurora kommt und fühlt den Sesselüberzug: „Oh, da muss Feuchtigkeit durch die Wand gekommen sein, denn der Überzug ist ganz nass. Den muss ich dringend waschen!“ Ich klärte sie auf, dass es sich um meinen Schweiß handele, was sie nicht besonders appetitlich fand. Dem stimme ich grundsätzlich zu, jedoch zeigt es auch, wie anstrengend es ist, morgens früh um 8.30 Uhr bei mehr als 30° arbeiten zu müssen. Das ist nichts für Deutsche. Ich bin Deutscher.

Heute Nachmittag werde ich das begonnene Werk des Bettenaufbaus fortsetzen. Dann scheint auch nicht mehr die Sonne in das Zimmer und ich habe das richtige Werkzeug bei mir. Jetzt aber muss ich erst mal von der morgendlichen Arbeitstortur ausruhen.

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