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Sonntag, 8. März 2015: Dies und das

Es sind nicht die großen Ereignisse, die unser Leben prägen, sondern die kleinen Dinge, über die man sich freuen kann, oder über die man sich auch noch herrlich aufregen kann. Von beidem gibt es etwas zu erzählen:

Erfreulich und eigentlich unerwartet gut ging eine kleine Aktion mit unserer Stadtverwaltung. Da war durch diverse Straßenarbeiten der Abfluss für das Regenwasser vor unserem Haus in ziemliche Schieflage geraten. Außerdem war der Gehweg beschädigt. Da ich ja nun mal für das Haus zuständig bin, hat Aurora in meinem Namen (wie praktisch!) im Rathaus angerufen und das reklamiert. Das war vor 2 Wochen. Der zuständige Herr versprach Abhilfe, doch ehrlich gesagt: wir haben daran so wenig wie an den Osterhasen geglaubt. Vorgestern nun, so berichtete Malvina, die das alles beobachtet hat, kam ein kleiner Trupp Straßenbauarbeiter und schwuppdiwupp war die Sache erledigt. Kaum zu fassen! Ob ich jetzt auch an den Osterhasen glauben soll?

Der Abfluss vor der Reparatur Der Abfluss nach der Reparatur
Der Abfluss vor der ReparaturDer Abfluss nach der Reparatur

Erfreulich war auch, dass Inha, Auroras Schwester, jetzt wieder mal hier in Bombinhas ist, wo sie schon seit 3 Jahren nicht mehr war. Aurora hat viel mit ihr zu besprechen und sie kommt auch zu uns zum Mittagessen. Das ist richtig so, weil wir, wenn wir in São Paulo sind, auch immer bei ihr essen. Wir versuchen, sie in jeder Weise zu unterstützen, wobei sie eine sehr genügsame Person ist. Aber sie hat uns auch grünes Licht gegeben, dass wir mal bei ihr wohnen dürfen, wenn es sich bei uns mit dem Besuch knäult. Meine kleine Schwester Monika dürfte sogar ganz bei ihr wohnen, wenn es ihr in unserer Gästewohnung nicht gefiele, wovon wir allerdings nicht ausgehen. Monika hat einfach dank ihres Einsatzes für uns einen Sonderstatus hier in Bombinhas, was sie auch verdient hat.

Frauentag am Strand. Rechts Marlete und in der Mitte die BürgermeisterinHeute ist Frauentag. Das ist auch erfreulich, obwohl bei mir eigentlich jeder Tag Frauentag ist, auch wenn ich das natürlich nicht zugebe, sondern behaupte, dass nur heute Frauentag sei und das restliche Jahr aus Männertagen bestünde. Das stimmt nicht ganz, weil ich es so wie jeder Mann halte: immer das tun, was die Frau sagt. Wie dem auch sei, gab es heute früh am Strand schon eine Frauendemo. Marlete und Inha waren dabei und auch unsere Bürgermeisterin Ana Paula. Auf dem Bild ist Inha ganz links und Marlete ganz rechts. Neben Marlete ist Ana Paula. Also mal ehrlich so von Mann zu Mann: Die Bürgermeisterin ist eine Frau - und was für eine!

Heute früh waren wir wieder – wie so oft – am Strand und waren Zeugen eines besonderen Auftritts einer portugiesischen Volkstanzgruppe, die in Trachten an den Strand kam, um sich fotografieren zu lassen. Ein Teil der Leute sang portugiesische Weisen, die in ihrem jammernden, dem Fado ähnlichen Klang für meine Ohren eher gewöhnungsbedürftig waren. Dazu schwangen die jungen Leute ihre Beine – mal rechtes Bein, mal linkes Bein, mal mit beiden gleichzeitig und Aufgabe des Bodenkontaktes. Die Schultertücher schwangen lustig auf und nieder immer wieder und man klatschte sich gegenseitig wiederholt ab. Das war hübsch anzuschauen, so dass sogar eine Krabbe daher kam und sich richtig bunt machte – entsprechend den Trachten der Menschen.

Tanz am Strand Die Musikgruppe der Volkstanztruppe
Tanz am StrandDie Musikgruppe der Volkstanztruppe

Das rechte Bein in die Höhe Das linke Bein in die Höhe
Das rechte Bein in die HöheDas linke Bein in die Höhe

Die Krabbe hat sich schick gemacht Die Fischer müssen weiter arbeiten
Die Krabbe hat sich schick gemachtDie Fischer müssen weiter arbeiten

Nun noch zu den Aufregungen:

Das Gerücht geht, dass die Leopoldo Zarling, unsere Hauptstraße, ab 15. März bis 15. Dezember gesperrt und total neu gebaut werden soll. Das gibt einen ziemlich turbulenten Winter mit viel Dreck und Staub. Möge es am Ende gut werden. Wie die Erfahrungen mit dem Abfluss vor unserem Haus zeigen, gibt es Grund zur Hoffnung. Und wenn man lernt, an den Osterhasen zu glauben, kann man auch lernen, an ein gutes Ende mit diesen uns seit Monaten bewegenden Bauarbeiten zu glauben.

Für uns weniger berührend, jedoch für das Land wichtig sind die neuesten Entwicklungen an der Korruptionsfront in Brasilia. Da wurde also gestern die Liste der Politiker veröffentlicht, die in die Affäre um Petrobras, die große Ölfirma Brasiliens, verwickelt sind. Diese Namen wurden von Menschen, die selber auch darin verwickelt sind, jedoch auf Strafmilderung hoffen, indem sie andere denunzieren, genannt. Danach wurde die Liste von der Staatsanwaltschaft überprüft und erste Ermittlungen vorgenommen. Veröffentlicht wurde sie, nachdem sich ein Anfangsverdacht durch diverse Dokumente erhärtet hat. Angeführt wird die Liste von den beiden Präsidenten der beiden Kammern. Beide scheinen gut mitverdient zu haben, streiten aber natürlich alles ab. Wann und wie es zur Anklage kommen wird, wird man sehen. Jedenfalls genießen alle Politiker wie bei uns Immunität, jedoch gibt es einen Sondergerichtshof für Politiker, so dass nicht die anderen darüber befinden müssen, ob die Immunität aufgehoben wird oder nicht, wie es in Deutschland der Fall ist. Gut so, denn hier hackt keine Krähe der anderen ein Auge aus.

Auch bezüglich Dilma gibt es Entwicklungen. Abgesehen davon, dass sie schwer abgenommen hat, ist sie hier wegen ihres etwas launischen Temperaments und ihr mangelndes Fingerspitzengefühl bekannt. Sie führt eine Koalition mit einer anderen Partei, wobei die Partnerpartei größer ist als die Partei Dilmas. Und jetzt hat sie beiden Parteien auf den Fuß getreten: Die eigene Partei hat sich beklagt, dass sie zu wenig Ministerämter erhalten hat. Das kann man verstehen, denn warum sollte es nicht 45 Minister geben, wenn es jetzt bereits 34 davon gibt. Da kommt es auf ein paar mehr oder weniger nicht an. Und arbeiten müssen die Herren – es handelt sich fast ausschließlich um solche – auch eher nicht, nur entscheiden. Das machen sie gerne – so ist zu vermuten – indem sie dem Meistbietenden den Zuschlag geben. Man hat ja so seine Verpflichtungen seiner Sippe gegenüber. Weil sich nun die eigenen Leute über Dilma geärgert haben, hat sie eine Ministersitzung mit ihnen einberufen, was nun wiederum die Koalitionspartei Schlimmes ahnen lässt und auf die Barrikaden bringt. Da sich nun alle über sie ärgern, hat Dilma kaum noch Rückhalt im Parlament und es droht ein Amtsenthebungsverfahren. Das allerding gab es in der Geschichte Brasiliens öfters, ist also insofern nichts Besonderes. Sicher werden sie es sich aber noch überlegen, denn bei einer Neuwahl würden diese Parteien wahrscheinlich ziemlich abgestraft werden, da die staatlichen Subventionen z.B. auf Benzin abgebaut wurden und werden. Wir rechnen in diesem Jahr mit einer 8%igen Inflation. Es ist also ein wenig so wie in Venezuela: Erst ist man reich und verteilt das Geld an die Armen, die es gut zum Leben brauchen, die es aber leider nicht dazu nutzen, sich eine Lebensgrundlage zu schaffen durch z.B. eine Ausbildung. Dann ist das Geld weg und die Subventionen werden gestrichen. Am Ende zahlen die Armen selber die Zeche, denn in ihrem Geldbeutel merkt man das am meisten.
Man möge mir glauben, dass ich ein Herz für Arme habe. Es ist auch nicht deren Fehler, wenn es so oft mit linken Regimes so schwierig wird. Hier in Brasilien kann man sehen, warum das so ist: Es ist populär und bringt viele Wählerstimmen, wenn man den Armen täglich was zu essen gibt. Diese Armen werden immer die Hand wählen, die sie füttert. Dazu ist aber wichtig (so das zynische Kalkül), dass diese Armen auch immer arm bleiben und damit dankbar gegen diese barmherzigen Hände. Ausbildung ist also der Feind jeder Partei der Armen. Also wird das Bildungswesen eher vernachlässigt. Dumm gehaltene, arme Leute sind die besten Wähler der Partei, der auch die Präsidentin angehört. Wie man jetzt sieht, hat das für die Politiker einen weiteren Vorteil: Die dumm gehaltenen Armen lesen keine Zeitungen, schauen im Fernsehen nur ihre Novelas und nehmen gar nicht wahr, dass die gewählten Politiker sich die eigenen Taschen hemmungslos vollstopfen. Das ist sehr praktisch für diese Politiker. Solange das Geld reicht, haben sie die Guten ins Kröpfchen und die Schlechten ins Töpfchen getan, aber für den, der gar nichts hat, sind die Schlechten immer noch besser als nichts. Das aber ging nur, als noch Geld genug vorhanden war. Jetzt aber spüren vor allem die Armen die schnell steigenden Preise. Insofern könnte das den derzeit staatstragenden Parteien schaden. Mal abwarten.
Jedenfalls lebt das System davon, dass es so viele, einfache, sprachliche Möglichkeiten gibt, seine Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen auszudrücken. Die Politiker profitieren davon durch volle Taschen und die Armen profitieren davon, indem man ihnen das gibt, was ihren Hunger nach Brot stillt. Bezahlt wird das alles vom Steuerzahler, der bekanntlich die Mittelschicht ausmacht. Die aber kämpft, um in der Mittelschicht zu bleiben und nicht abzurutschen, was sowohl für sie persönlich, als auch für den Staat schlecht wäre. Unterstützung erhalten sie vom Staat nicht, denn der vertraut darauf, dass man in der Mittelschicht schon dafür sorgen wird, dass man nicht abrutscht.
So also funktioniert am extremsten Venezuela, so funktioniert aber auch Argentinien und zunehmend auch Brasilien.

Genug aufgeregt! Heute ist Sonntag, das Wetter ist schön, nicht zu heiß und wir bekommen gleich Besuch von Inha.

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