Zur Hauptseite Döring

Donnerstag, 12. März 2015: Kinder fördern

In den letzten Wochen hatten wir Besuch von 3 Kindern: Maris beiden Kinder Amanda und Wilham und dann Tatjana, die Tochter vom Schreiner. Alle drei Kinder machten einen sehr fröhlichen Eindruck, aber alle drei hätten eigentlich einen persönlichen Förderbedarf. Ich bin an dieser Stelle besonders sensibel, weil es bekanntlich einstmals in Frankfurt zu meinen Aufgaben gehörte, für eine Frühförderstelle für Kinder mit Einschränkungen jeglicher Art zuständig zu sein. „Meine“ Frühförderstelle war eine allgemeine Frühförderung. Daneben aber gibt es Förderstellten für blinde und schwer sehbehinderte Kinder und für schwerhörige bis gehörlose Kinder. Sie werden bis zur Einschulung je nach Bedarf und individuell abgestimmt durch Fachpersonal begleitet, um möglichst früh möglichst gut mit den Einschränkungen umgehen zu lernen, so dass sie möglichst wenig behindern. So ist das in Deutschland geregelt, wobei es sicherlich, wie mir Kajsa, meine Cousine und Freundin aus Bamberg, bestätigt hat, Unterschiede in der Qualität der Frühförderung gibt. Aber immerhin: es gibt sie! Hier gibt es keinerlei Frühförderung und so kommt es zu den Einschränkungen, die diese Kinder mit in ihr Leben nehmen.

Die Kleinste, Amanda, ist noch relativ wenig eingeschränkt. Ihre Einschränkung kommt durch die Mutter, Mari, die ich dennoch ausgesprochen tapfer, fleißig und wunderbar finde. Mari macht es so, wie sie es weiß. Unterstützung hat sie nicht. Ihre Schwester wohnt zwar in Bombinhas, nimmt auch ab und zu die Kinder zu sich, aber sie muss auch hart arbeiten. Maris Mutter ist schwere Alkoholikerin, die den Brüdern beigebracht hat, zusammen mit ihr den Tag im Suff zu erleben. Ihren Vater kennt Mari kaum. Dass die beiden Schwestern dennoch ihren guten Weg gefunden haben, liegt daran, dass sie durch ihre Kirchen stabilisiert wurden. Ihr Glaube gibt ihnen Halt und Kraft und ihre Kirche unterstützt sie dabei. Maris Mann, der Vater der beiden Kinder, hat sie verlassen und lebt jetzt mit einer 17-Jährigen bei seinen neuen Schwiegereltern, denn seine neue Frau ist von ihm schwanger. Klingt ausgesprochen verantwortungslos, ist hier aber sehr gewöhnlich. Seine neuen Schwiegereltern sind die Eltern von Tatjana. Man kann also sagen, dass Tatjana die Stieftante von Wilham und Amanda ist.
Mari ist also recht alleine mit den Kindern, muss aber hart arbeiten. Sie hat das so geregelt, dass sie den Kindern beigebracht hat, morgens bis 10 Uhr zu schlafen, damit sie zur Arbeit gehen kann. Dann stehen sie auf, Wilham macht das Frühstück und dann warten die beiden im Haus – rausgehen sollen sie nicht – auf Mari, die mittags kurz heim kommt, den Kindern Mittagessen gibt und sie in den Schulbus setzt, mit dem sie dann in den Nachmittagsunterricht fahren, der gegen 13 Uhr beginnt. Mari eilt derweil zur nächsten Arbeit. Die Kinder kommen gegen 16 Uhr wieder heim und schließen sich in der Wohnung ein. Marie kommt, wenn es gut geht, gegen 17 Uhr, oft aber später. Bis dahin sind die Kinder allein daheim. Sie haben niemanden, der mit ihnen spielt oder gar Hausaufgaben macht. Sie gehen nicht raus und haben Angst entwickelt, draußen zu sein, wenn die Mutter nicht dabei ist. Dafür sind sie ausgesprochen gehorsam. Was die Mutter sagt, wird sofort gemacht. Die Folgen dieser von Mari gut gemeinten Kindererziehung sind klar: Beide haben große Angst vor dem Draußen. Beide sind von Mari sehr abhängig. Sie sind wie die 7 Geißlein, die von der Mutter im Haus eingesperrt werden und auf keinen Fall jemanden rein lassen sollen. Der böse Wolf lauert auch bei Amanda (6 Jahre) und Wilham (8 Jahre) überall. Bei Amanda sind soziale Verhaltensschäden zwar erkennbar, jedoch noch nicht so gravierend. Sie wirkt noch sehr munter und geborgen – na ja, Geborgenheit ist nicht ihr Problem, eher ein Zuviel davon. Bei Wilham, der in die 3. Klasse geht, sieht das schon schlimmer aus, denn er ist auch heute noch nicht in der Lage zu lesen und zu schreiben. Er ist deutlich entwicklungsverzögert – was bei Amanda nur zu vermuten ist und von Fachleuten sicherlich diagnostiziert werden könnte. Vielleicht könnten wir die beiden Kinder unterstützen, indem wir z.B. mit ihnen Hausaufgaben machen, mit ihnen reden oder ihnen ein inspirierendes Umfeld schaffen, doch winkt Mari solche Angebote ab. Dazu hat sie auch ein Recht, finde ich. So müssen wir es aushalten, dass die Kinder sicher keine Akademiker werden und später auch mal ähnliche Tätigkeiten wie Mari machen müssen, um zu überleben. Aber das gilt für sehr viele Kinder hier und es gibt wegen der niedrigen Bezahlung auch enorm viele Jobs für Menschen mit weniger Bildung – und sei es, in einem Supermarkt hinter der Kasse zu stehen, um die Einkäufe in Tüten zu packen.
Tatjana bräuchte auf jeden Fall eine logopädische Unterstützung, denn sie kann wegen ihrer Schwerhörigkeit nur sehr undeutlich sprechen. Ihre Sprache klingt typisch für Schwerhörige. Oft müssen die Eltern „übersetzen“, was Tatjana sagt. Mit einer guten Logopädie wäre da sicher viel zu machen. Aber kein Mensch kommt auf diese Idee. Und so wird es Tatjana wie Amanda und Wilham gehen.

Wenn ich das so sehe, dreht sich mir das Herz um. Wie achtlos man doch mit Menschenkindern umgeht, wenn es anscheinend genug davon gibt wie hier in Brasilien. Es gehört schon ein gewisser Zynismus dazu, das einfach hinnehmen zu können. Für mich bedeutet es vor allem auszuhalten, dass die Eltern mit ihren Kindern selbstbestimmt sind und nach bestem Wissen und Gewissen mit ihnen umgehen. Ich kann mich anbieten, aber ich kann mich nicht aufdrängen. Und das einzusehen, ist auch nicht leicht. Wie gut haben es da die Kinder in Deutschland, um die man sich so sehr viele Gedanken macht, weil sie ein seltenes „Gut“ geworden sind. Ich nehme aber gerne mein Gefühl und meine Einstellung zu Kindern mit hierher, dass sie unsere wertvollsten Geschenke sind, um die man sich liebevoll und sorgfältig kümmern muss – mehr noch, als um Katzen.

Zum Seitenanfang