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Mittwoch, 18. März 2015: Leopoldo Zarling

Heute ist Aurora zusammen mit ihrer Schwester nach São Paulo geflogen. Sie wird dort eine Woche bleiben. Eigentlich wäre morgen der Geburtstag meiner Schwiegermutter, die aber am 24. Dezember letzten Jahres gestorben ist. Der Flug war von Aurora aber schon gebucht, so dass er jetzt dennoch stattfindet. Das ist auch gut so, denn Aurora hat nun eine Menge Termine bei Ärzten, die in dieser Dichte und Ausführlichkeit nur in Bad Homburg (wo viele alte, kranke Menschen mit noch viel mehr Geld leben) oder São Paulo gemacht werden. Um 14.00 Uhr ging der Flug. Um 11 Uhr habe ich sie dann zusammen mit Inha zum Flughafen gebracht. Das Erfreuliche ist, dass es Inha so gut in Bombinhas gefallen hat, dass sie jetzt öfter und länger kommen möchte. Das ist insofern erfreulich, als dass man daran sehen kann, wie belastet sie vorher durch die Pflege der Mutter war und wie frei sie sich jetzt fühlen darf. Sie braucht wirklich kein schlechtes Gewissen bezüglich irgendwelcher Versäumnisse ihrer Mutter gegenüber zu haben und lernt, ihre Freiheit zu genießen. Die beiden Schwestern haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander und helfen sich, wo immer sie können. Und ich unterstütze die beiden in ihrer Freude aneinander.

Gestern Abend waren wir zusammen auf einer Versammlung im Rathaus von Bombinhas, bei der es um die Arbeiten auf unserer Hauptstraße geht. Die Bürgermeisterin hatte dazu eingeladen und wir sind der Einladung gefolgt. Also ich muss zugeben, dass die Frau wirklich ein Profi ist. Die Präsentation und die Planung der Arbeiten waren wirklich in Ordnung. Wir können keine größeren Planungsfehler erkennen.
Zunächst ging es darum, was bisher war. Wie der Leser dieser Beiträge weiß, ist die Leopoldo Zarling, unsere Hauptstraße, in einem sehr desolaten Zustand, über den ich mich schon öfter aufgeregt hatte. Jetzt habe ich erfahren, dass mindestens 8 Mal pro Tag ein Lastwagen die Straße auf und ab gefahren ist, der sie mit Wasser besprengt hat, damit es nicht so staubt. Außerdem wurde der große Straßenhobel in den letzten 3 Monaten 6 Mal herbei geholt, um die Löcher zu stopfen und die Fahrbahn zu ebnen. Sonst wäre die Situation noch viel, viel schlimmer. Jetzt aber ist die Saison vorüber und es kann mit dem Straßenbau erneut beginnen. Das wird noch einmal heftig. Von hinten angefangen wird die gesamte Hauptstraße aufgebuddelt, großen Abwasserrohre verlegt und dann wieder zu gemacht. Diese Arbeit, so die Bürgermeisterin, sei nicht so schlimm wie das, was bereits gemacht worden sei, nämlich die Dränage der Straße mit den Abflüssen für Regenwasser ins Meer zu verlegen. Für die Bauarbeiten werden immer einige Querstraßenzüge in Richtung Stadteingang zwei Wochen lang gesperrt bis man vorne angekommen ist. Und damit man sich nicht verspätet und auch keine Fehler macht, die eine Verzögerung verursachen könnten, hat man eine Überwachungsfirma eingeschaltet, die die Arbeiten kritisch begleitet. Mitte Dezember möchte man mit den Bauarbeiten fertig sein, also genau rechtzeitig zum Saisonanfang. Der Straßenbelag wird kein Asphalt sein, sondern achteckige Pflastersteine, die man in Deutschland eher für Fußweg anwendet. Der Grund dafür ist der, dass sich auf diese Weise die Straße leichter aufbuddeln lässt, wenn etwas an einem der unter der Straßen gelegenen Rohre kaputt sein sollte. Da auch alle Leitungen, die auf der Strandseite der Hauptstraße entlang führen, unterirdisch verlegt werden, ist damit zu rechnen, dass es in nicht allzu unübersehbaren Abständen zu Störungen und damit zum Aufreißen der Straße kommen wird. Die Bürgermeisterin rechnet damit und macht auf diese Weise den Leuten die Pflastersteine schmackhaft. Das Wichtigste ist, dass diese Pflastersteine nicht auf den bloßen Sand verlegt werden, sondern ein gediegenes Fundament erhalten, wie es bereits im vorigen Jahr angelegt worden war.
In der Fragestunde im Anschluss an den Vortrag trugen vor allem die Geschäftsleute ihre Sorgen vor, denn in diesem Sommer hat es teilweise bedeutende Umsatzeinbrüche gegeben. Noch ein solcher Sommer würden manche Betriebe in die Insolvenz treiben. Aber dafür, meinte die Bürgermeisterin, sei ja nun diese Überwachungsfirma eingesetzt, damit aus dem Projekt – übrigens das größte Bauprojekt von Bombinhas überhaupt – keine Elbphilharmonie oder Berliner Flughafen (Beispiele von mir gewählt) wird.
Aber man stelle sich vor, dass da doch jemand fragte, ob es denn auch genügend Quebra-Malas, diese unsäglichen Federbrecher, geben wird. Mir schwoll gleich der Kamm!

Zuletzt noch eine ganz andere Sache, bei der ich mich wohl nicht mit Ruhm bekleckert habe. In den vergangenen Tagen ist es zweimal passiert, dass wir drei, also Inha, Aurora und ich, spontan zu jemandem gehen sollten. Einmal war es bei Rudi und Marlete. Wir sollten nur ein paar Sachen im Aufzug in die Wohnung bringen und dann zusammen wieder weg gehen. Das andere Mal hatten wir dieses spontane Vorbeischauen mit Reginaldo und Maura, mit denen wir demnächst ins Pantanal fahren, am Strand abgemacht. Beide spontanen, kleinen Treffen uferten aus. Bei Rudi und Marlete kam gleich mal etwas zu trinken und dann eine Mahlzeit auf den Tisch. Wir blieben 3 Stunden. Bei Reginaldo hatte mich Aurora auf eine Stunde festgelegt. Es wurden 5 Stunden inklusive einem opulenten Mahl daraus und ich war ziemlich sauer. Sauer deswegen, weil alle weiteren Pläne dadurch über den Haufen geworfen waren und weil wir entgegen der hiesigen Sitten mit leeren Händen zu dem Spontanbesuch gegangen waren. Ich meinte zu Aurora, dass das nicht abgesprochen sei, dass ich mich überfahren fühle und dass ich jetzt sauer sei. Wenn ich mich nicht auf Absprachen verlassen kann … Wenn ich jetzt acht Jahre alt gewesen wäre, hätte man von einem Böckchen sprechen können.
Na ja, später habe ich dann eingesehen, dass ich hier in Brasilien bin. Da geht es erst mal darum, dass sich der Andere, dem ich begegne, wohl fühlt. Der meint dasselbe von mir. Also reißt man sich – Absprache hin oder her – ein Bein aus, um es dem anderen schön zu machen. Und dann kommt da so ein Deutscher – also ich – und wird sauer. Das geht gar nicht! Und so erlebe ich wieder das, was ich in der Sprache zu entdecken meinte: Wir leben in einer Gesellschaft, die subjektbezogen ist, während wir Deutschen eher objektbezogen sind. Eine Absprache ist ein Objekt. Sie gilt wenig, wenn das Subjekt, also du oder ich, etwas anderes meint.
Rudi hat dazu gemeint, dass er sich als junger Neuling in Brasilien gesagt hatte, dass er jetzt ganz und gar so sein will wie die Brasilianer – was ihm ohne Zweifel sehr gut gelungen ist, denn ich kenne keinen brasilianischeren Brasilianer als ihn. Von dieser Haltung sollte ich mir eine Scheibe abschneiden. Aber glaubt mir: leicht ist das nicht!

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