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Donnerstag, 26. März 2015: Bürokratie

Es ist schon sehr erfreulich, dass zwischen Deutschland und Griechenland jetzt eine atmosphärische Verbesserung eingetreten ist, obwohl man diese Wortgefechte früherer Wochen und Monate eher unter „Belustigung einer politisch interessierten Öffentlichkeit“, als unter ernster zu nehmenden Verstimmungen abtun konnte. Immerhin haben wir viel über Griechenland erfahren und wissen jetzt, dass die Griechen nichts gegen die Deutschen, sondern nur was gegen die deutsche Regierung haben, was an sich nicht verwundert, da es vielen Deutschen ähnlich geht. Obwohl man dennoch zugeben muss, dass die deutsche Regierung ähnlich wie die griechische Regierung gewählt worden ist – ob es einem passt oder nicht. Aber das nur nebenbei.
Interessant fand ich noch alle Berichte über griechische Bürokratie. Das ist für mich sehr spannend, denn ich könnte mir vorstellen, dass die Griechen ihr Beamtenproblem so lösen, dass sie ihre unnötigen Beamten, die die Regierung Tsipras wieder einstellen möchte, als Bürokratieberater nach Brasilien schicken, insbesondere nach Bombinhas, wo sie weiterhin so arbeiten können, wie sie das anscheinend in Griechenland auch gemacht haben. Hier in Bombinhas gibt es ja nun allerlei neue Funktionen, die mit den beiden neuen Einnahmequellen der Stadtverwaltung zusammen hängen. Da sind die vielen markierten Parkplätze und die Abgabeerhebung am Ortseingang, dem einzigen Ortseingang, den wir in Bombinhas haben. Mit beiden Einnahmequellen werden so viel wie möglich Menschen beschäftigt, die auf diese Weise ihr Gehalt selber einarbeiten und sicherlich auch noch der Stadt einen Batzen Geld bringen.

Kommen wir zunächst zu den Parkplätzen. Bis zu 4 Stunden darf man gegen eine Abgabe auf einem solchen Platz stehen. Danach muss man sein Auto entweder wegfahren oder wieder bezahlen. Dabei hat man das klugerweise so eingerichtet, dass man nicht gleich 2 x 4 Stunden buchen kann. Die Touristen kommen, parken ihre Autos, gehen an den Strand, bleiben dort den ganzen Tag und zahlen dann am Abend das Knöllchen. Die Alternative wäre für sie, dass Papa in der Mittagszeit zum Auto gejagt wird, um eine neue Periode einzukaufen und dass die Familie dann genau nach 4 Stunden wieder weg fährt. Ist möglich, entspricht aber nicht den Gewohnheiten der Touristen, die sich den ganzen Tag am Strand herum lümmeln. Abends haben dann die Familien Gelegenheit, sich über die Knöllchen aufzuregen und zu schimpfen. Das Schimpfen erledigen sie gerne bei den Imobiliarias, den Vermittlern ihrer Ferienwohnung, die inzwischen mehr als andere Brasilianer böse Worte vertragen müssen. Da die Leute in den Imobiliarias darüber sehr betrübt sind, tun sie sich zusammen, um bei der Stadtverwaltung zu fordern, dass man auch längere Perioden als nur für 4 Stunden einen Parkplatz belegen darf. Aber die griechisch instruierten Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben darauf noch nicht reagiert.

Verursacht dieser Umstand schon schlechte Laune bei den Touristen, ist der andere Einfall der Stadtverwaltung noch viel ertragreicher in Bezug auf Ärger und Geld – also Ärger für die Touristen und Geld für die Stadt. Das ist die „Abgabe für die Umwelt“, die die Stadt seit diesem Jahr erhebt. Zwar zerstört niemand sonst die Natur so schnell, effektiv und nachhaltig, wie die Stadtverwaltung (siehe Strandweg in Bombas!), aber schließlich kann man dafür die ahnungslos anreisenden Touristen zur Kasse bitten. Dazu wurden also Sperren auf des Passes Höhe zwischen Porto Belo und Bombinhas eingerichtet. Hier oben stehen sicherlich 10 – 15 Angestellte, die den Verkehr beobachten, Opfer raus fischen, kassieren usw. Mit meinem hier gemeldeten Auto passiere ich diese Sperren ohne Probleme. Alle anderen aber werden angehalten. Das verursacht manches Mal lange Staus den Berg hinauf, jedoch muss man für die Stadt und deren scheinheiligen Geldbedarf schon mal Verständnis haben. Wer also keine Dauergenehmigung zum Aufenthalt in Bombinhas hat, zahlt 25 Reais beim Eintritt. Dafür bekommt er eine Quittung, die ihn berechtigt, innerhalb von 24 Stunden beliebig oft ein- und auszufahren. Wer dann klug ist, stellt sein Auto in Bombinhas ab und bleibt im Ort. Manchen ist das Recht, wenn auch mangels jeglichen Nachtlebens so manchen die Langeweile am Abend einholt, zumal das Laufen in Bombas dank der außerordentlichen Straßenverhältnisse nicht geboten, sogar gefährlich, auf jeden Fall außerordentlich dreckig ist. Freude kommt da wenig auf. Nun sind besonders die Argentinier ein Völkchen, das sich gerne umschaut. Von Bombinhas aus machen sie Ausflüge in die Umgebung. Und jeden Tag, an dem sie Bombinhas verlassen, zahlen sie erneut 25 Reais bei der Rückkehr. Das geht ins Geld und lässt das argentinische Mütchen steigen.
Damit man die Abgabe leichter zahlen kann, hat man auch die Bezahlmöglichkeit über Kreditkarten eingeführt. Damit das aber auch nicht so leicht wird, kann man nur einmal pro Tag und Auto mit einer Kreditkarte zahlen. Danach ist die Karte „erschöpft“ und kann an dem Tag nicht wieder gebraucht werden. Das hat man sich hier bei dem griechisch beratenden Banksystem so ausgedacht, damit es den Kreditkartenbesitzern nicht zu gut geht. Nun erzählte mir meine Portugiesischlehrerin Silvia, die vor allem Spanisch sprechende Touristen begleitet, dass zu ihr eine Großfamilie aus Paraguay mit 3 Autos angereist sei. Sie waren müde nach der langen Fahrt, hatten das Ziel vor Augen und kamen nach einer Nachtfahrt an die Sperre. Brasilianisches Geld hatten sie noch keins. Aber Vater hat ja eine Kreditkarte … rund 3 Stunden später waren sie dann am Ziel. Die Frauen weinten, die Männer schimpften, die Verantwortlichen schwuren, nie wieder einen Fuß in diese Stadt zu setzen, zumal die Strände in anderen Orten auch schön seien. Die arme Silvia war ganz mitgenommen von all den bösen Worten, die sie zu hören bekam. Sie meinte, dass viele der Argentinier, die in diesem Jahr hierher kamen, sicher nicht wieder kommen werden. Ich habe darüber Gisela befragt, die ja auch eine Imobiliaria hat. Die meinte zwar, dass sich alle darüber aufregen, dass sie aber sicherlich dennoch wieder kämen. Brasilianer sind hart im Nehmen und sind auch gewohnt, von der Obrigkeit wie Dreck behandelt zu werden.
Nun, es wäre sicherlich sinnvoll, auch die Möglichkeit für Touristen zu schaffen, länger als 24 Stunden hier zu bleiben, indem man z.B. Wochenkarten oder 10-Tages-Karten anbietet. Entsprechende Eingaben bei der Stadtverwaltung gibt es von den Imobiliarias. Mal sehen, wie das nächstes Jahr gehandhabt wird.

 

Nachdem ich das alles jetzt noch einmal gelesen habe, höre ich in mir die Frage klingen: „Wieso schreibe ich das alles über Bombinhas und Brasilien, wo es in Deutschland sowieso niemanden wirklich interessiert. Schließlich hat man dort auch seine Probleme!“ –
„Stimmt!“ antworte ich mir selber. „Aber es macht das Herz leichter.“
„Du hast dir schließlich selber ausgesucht, wo du leben willst. Wenn dir das nicht passt, geh doch zurück nach Deutschland.“ Ich bin ziemlich hart zu mir.
„Na, dann schau dich doch mal um.“ So meine Antwort „Dann siehst du, warum du hier und nicht in Deutschland lebst.“

Resümee: Man kann nicht alles haben, was einem das Leben versüßt, ohne mit Abstrichen zu leben. Dann braucht man jemanden, dem man was vorklagen kann – und sei es, einem selber. Gut ist dann, wenn man trotzdem lacht.

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