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Samstag, 4. April 2015: Ostern

Die Sonne scheint. Es ist Osterwetter. Morgen brechen wir österlich auf zu einem „Osterspaziergang“ (frei nach Goethe) ins Pantanal und ich möchte gerne Rückblick auf dieses unser zweites Osterfest in Bombinhas halten. Gleich mal vorab: Ich hätte mal vor einer Woche meine Einträge im Erlebnisbuch Nummer 1 von vorigem Jahr lesen sollen. Dann hätte ich meine ziemlich altkluge Bemerkung gelesen, dass ich in diesem Jahr schon etwas klüger sein würde als letztes Jahr in Bezug auf Gestaltung von Ostern. Jedoch hatte ich das nicht getan und war in diesem Jahr genauso überrascht wie letztes Jahr über die Aktivitäten, die sich in der von uns aus gut sichtbaren katholischen Kirche entwickelten und die zu einer gut gefühlten Gestaltung der Karwoche hätten beitragen können. Ich stelle fest, dass ich also nicht klüger geworden bin, genauso überrascht war wie letztes Jahr über die großen Gottesdienste zum Gründonnerstag und die Prozession am Karfreitagabend. Beides haben wir eher nur in Vorbereitung auf die eigene Nacht erlebt, also bereits im Abschalt-Modus – wie letztes Jahr. Nun darf ich hinzu fügen, dass dieses frühe Schlafengehen bei Aurora eine lebenslange Tradition hat. Gestern beim Abendessen, als wir uns über die Prozessionen von Bombinhas unterhielten, meinte sie: „Also ich würde so gerne mal in Spanien dabei sein, wenn die großen Karfreitagsprozessionen stattfinden. Das muss wunderschön sein.“ – „Stimmt! Das wäre sicher interessant.“ – „Da fällt mir ein,“ meint sie daraufhin, „ich war ja schon mal da, sogar in Granada und zu Besuch bei meiner Tante. Da wollte mich meine Cousine um 10 Uhr abends zur Prozession abholen, aber ich lag schon im Bett und hatte schon geschlafen. Meine Tante hat dann zu meiner Cousine gesagt, dass sie mich schlafen lassen sollten. Und ich fand das total in Ordnung.“ – „Das heißt also, dass du schon mal da warst, aber die Prozession, die du unbedingt sehen willst, verpennt hast?“ – „Ja.“ war die kleinlaute Antwort. „Schon als Kind hat meine Mutter abends nicht mit uns (ihrer Schwester Inha und sie) weggehen können, weil wir zwar auf dem Hinweg laufen konnten, aber auf dem Rückweg immer getragen werden mussten, weil wir schliefen.“ – Also bei mir war das biographisch anders, aber ich genieße auch die freien Abende. Nur schlafe ich nicht, sondern bin noch mit Aurora zusammen, bis sie gegen 21.30 Uhr spätestens im Reich der Träume verschwindet. Danach gehe ich noch in mein Zimmer, rauche meine Wasserpfeife, wiederhole portugiesische Vokabeln und höre Musik dabei. Aber das nur nebenbei, denn es geht um Ostern.

Karfreitag an der katholischen Kirche von Bombinhas
Karfreitag an der katholischen Kirche von Bombinhas

In der Tat hatte ich gestern einen richtig schönen, dem Anlass entsprechenden Karfreitag. Zwar war das Wetter eher sommerlich, aber ich habe am Vormittag im Schlafzimmer, wo auch der Laptop mit der Möglichkeit, deutsches Fernsehen zu sehen, steht, die Rollläden halb runter gelassen, eine etwas schummrige Atmosphäre geschaffen und im Fernsehen den Karfreitagsgottesdienst aus Bonn gesehen. Das ist der erste Gottesdienst, dem ich komplett zusehen konnte, seit ich in Bombinhas lebe. Er war wirklich sehr, sehr gut gemacht, ohne seltsame, gekünstelte Einschläge, wie bei jenem 1. Adventsgottesdienst aus dem Knast übertragen, bei dem als erstes „Macht hoch die Tür“ gesungen wurde.
Auch hier gab es gleich zu Beginn Ansätze dazu, als sich – entgegen sonstiger Gottesdienstgewohnheiten – aus den Bänken ein Paar löste, um getragenen Schrittes nach vorne zu laufen. Ich wollte schon abschalten, als die beiden anfingen, im Ausdruckstanz Inhalte von Karfreitag vorzutragen. Das machten sie außerordentlich eindrucksvoll und ich fühlte mich erinnert an unser Christophorus-Tanzprojekt mit meiner alten Freundin Birgit, die uns den Tanz im Gottesdienst nahe bringen konnte. Der gesamte Gottesdienst war sehr inhaltsreich mit guten Texten und einem natürlichen Habitus. Ich genoss ihn sehr und er brachte mir den Karfreitag wieder nahe.
Kaum war er fertig, kamen auch schon Rudi und Marlete, die wir zum Stockfischessen eingeladen hatten. Aurora hatte in São Paulo norwegischen Stockfisch besorgt, eine wahre Delikatesse und dem Tag gestern angemessen. Das Zusammensein mit unseren Gästen war ebenfalls sehr schön, denn Rudi ist nur selten in Bombinhas.0

Ich hatte also in diesem Jahr ein richtig angemessenes Karfreitagsfeiern, was mir auch wichtig ist, denn Ostern wird es als Feiertag bei uns nicht geben. Morgen früh um 8 Uhr werden wir schon abgeholt, um zusammen mit Reginaldo und Maura nach Joinville zu fahren, wo wir den Tag bei ihren Kindern verbringen, um am späteren Nachmittag nach Cuiabá zu fliegen, von wo aus unsere Reise ins Pantanal seinen Ausgang nimmt. Aber wie ich schon oben schrieb: Aufbruch ist ein Teil von Ostern. Insofern sind wir dicht am Ereignis. Es wird neue Eindrücke für uns geben, neue Erlebnisse, neue Erfahrungen. Das Leben hält österlich das Pantanal für uns bereit. Darauf freuen wir uns schon. Bis dahin aber wird noch gepackt und überlegt, was wir für 2 Wochen dort brauchen.

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