Zur Hauptseite Döring

Samstag, 25. April 2015: Ü 60

Ich – nein: Aurora – habe – hat – eine wundervolle Entdeckung gemacht: Die Programme für Leute über 60 Jahre. Das sind hier anscheinend noch privilegiertere Menschen als in Deutschland, wobei ich das nicht richtig weiß. Aber es ist schon erstaunlich, wie viele Vorteile man hier hat, nur weil man die Altersgrenze von 60 Jahren erreicht hat. Mir persönlich ist das schon etwas peinlich, denn eigentlich müssten die Alten eher hintan stehen, weil sie ja mehr Zeit und weniger Verpflichtungen haben als die werktätige Bevölkerung, die schließlich für das Bruttosozialprodukt tätig sind. Es tut der Volkswirtschaft nicht gut, wenn die Berufstätigen ihre Zeit in unendlichen Schlagen am Bankschalter vertun, während wir Alten an ihnen vorbei huschen, um zuerst bedient zu werden. Man stell sich das mal an einer Aldi-Kasse vor: Morgens um 8 Uhr, wenn die berufstätigen Mütter wegen günstiger Kinderkleidung hastig zu Aldi rennen, um dann in der Kassenschlange zu erleben, wie ein paar Senioren an ihnen vorbei schlüpfen, um ihren Wocheneinkauf zu bezahlen. Beim ersten Senior wird gemeckert, beim zweiten und dritten gibt es einen lautstarken Ausbruch des Zornes. – Und ich selber denke sogar, dass diese berufstätigen Menschen Recht haben. Da das in Deutschland in der Regel die Senioren wissen, gehen sie an solchen Tagen auch gar nicht erst zu Aldi, sondern nehmen Rücksicht. Genau das aber wird mit der brasilianischen Regelung nicht gefördert. Hier sind wir Senioren die Kings! Zwar sind wir das nicht alleine, denn die gleichen Rechte wie wir haben auch die Schwangeren und Menschen mit Behinderung. Das ist sehr sozial, aber nationalökonomisch nicht besonders sinnvoll. Wie dem auch sei: Hier ist das so!

Dieser privilegierte Zustand gilt für alle Schalter und Kassen, denn das ist Gesetz. In den meisten Bussen dürfen wir gratis fahren, allerdings nur in einem vorderen Bereich im Bus. Von dort aus lachen die Omis und Opis den restlichen, zahlenden Mitfahrenden fröhlich entgegen. Das gilt auch für etliche Überlandreisen auch bei privaten Busgesellschaften, denn Vater Staat kommt für die Verluste auf. Nun ist Vater Staat etwas klamm, weswegen nur per Fahrt ein Seniorenplatz vorhanden ist. Der muss, um ihn zu erhalten, beizeiten gebucht werden. Hat man ihn aber ergattert, kann man gratis bis São Paulo und weiter fahren.

Vergünstigungen haben wir Krüstchen auch in Flugzeugen, denn auf Wunsch wird uns in der Sardinenklasse, also in der Economy-Klasse, ein Platz an den Notausgängen zur Verfügung gestellt, damit wir die Beine besser ausstrecken können. Diese Plätze lassen sich nicht reservieren und stehen den Privilegierten zur Verfügung. Und so sitzt also die ausgeruhte Oma, 1,60 m groß, auf dem Weg zu ihren Enkeln vorne, während sich hinter ihr der 2 m lange Mitarbeiter einer Firma, der sich gerade aus dem Büro hierher begeben hat, um endlich eine Woche Urlaub zu machen, im Sitz faltet und knäult.

Das alles haben wir schon vorher gewusst. Heute nun haben wir erfahren, dass Senioren auch in SESC-Hotels, also auch in dem vom Pantanal, werktags nur die Hälfte zahlen müssen. Ich habe 260 Reais pro Tag bezahlt, hätte aber nur 130 Reais bezahlen müssen. Nur wurde ich nicht darauf hingewiesen und man hat gerne mein Geld genommen, wobei ich nicht weiß, ob man die staatlichen Zuschüsse nicht noch zusätzlich einfordert. Das aber ist Spekulation. Das nächste Mal wissen wir Bescheid.

Staatlich geplant, aber wegen Ebbe im Portemonnaie noch nicht umgesetzt, sind Vergünstigungen beim Automieten und bei Flugreisen. Möge sich der Geldbeutel des brasilianischen Staates bald füllen.

Zwar gibt es auch in Deutschland etliche Seniorenfahrten, jedoch nehmen an ihnen vor allem höher Betagte teil, die dann mal – wie z.B. von Frankfurt angeboten – in Bad Kissingen für 2 Wochen der Langeweile frönen. Solche Angebote gibt es auch hier, wobei wir das noch nicht wahrgenommen haben. Der Unterschied zu Deutschland wird sicherlich sein, dass hier weit weniger Senioren verreisen, weil sie das so nicht kennen. Die meisten von ihnen sind in ihren Familien stramm eingebunden beim Kinderhüten oder auch noch beim Arbeiten. Alleinlebende Senioren, die Zeit haben, gibt es kaum.

Inzwischen haben wir einige Internetportale für das sogen. 3. Alter gefunden, durch die wir diverse Angebote bekommen. Das ist gut so. Jetzt muss nur noch eins passieren: Aurora muss auch 60 Jahre alt werden. Sie fiebert geradezu diesem Termin entgegen. Er ist am 4. Februar 2016, also in nicht allzu weiter Ferne. Dann wird ordentlich gefeiert und danach auf Seniorenreise gegangen.

Zum Seitenanfang