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Sonntag, 3. Mai 2015: Tolstoi

Meine letzte Aktivität jeden Abend, nachdem ich bereits im Bett liege, Aurora neben mir fein schläft, die Katze zwischen uns schnurrt, das Licht ausgeschaltet ist, ist das Lesen in meinem Kindle. Dieses Teil hat den Vorteil, dass die Seiten selber leuchten und man gut lesen kann, ohne jemanden zu stören – weder Frau noch Katze. Dann bin ich auch selber ungestört und kann lesen, bis mir die Augen zufallen.
Meine derzeitige Lektüre ist der Roman Ana Karenina von Leo Tolstoi. Drauf gekommen bin ich, weil es dieses Buch gratis bei Amazon für Kindl gab und ich es vor vielen Jahrzehnten ohne nennenswerten Behalt gelesen hatte. Jetzt wollte ich mal sehen, ob dieses Buch wirklich so lesenswert oder einfach – wie der Film – eine Schnulze ist. Nachdem ich das meiste gelesen habe, bin ich total von der literarischen Qualität dieses Buches überzeugt. Es ist wirklich erstaunlich, wie Tolstoi mehrere mich sehr bewegende Dinge erreicht.
Da ist zunächst die Darstellung jeder einzelnen Person in ihrer ganzen Tiefe und Vielfalt. Man kann bei jeder dort beschriebenen Person sozusagen von außen verfolgen, wie sie sich als ein eigenes, kleines Universum entwickelt (hat), das bestimmt wird durch ihre charakterlichen Eigenschaften, ihre Herkunft, ihre Erfahrungen und ihren Intellekt. Jede Person ist in sich schlüssig und in der Gegenwart das vorläufige Endprodukt einer sehr komplexen Entwicklung. Sie entwickelt ihre Gedankenwelt, verarbeitet die Eindrücke auf ihre besondere Weise, reagiert einzigartig auf das, was sie erlebt und entwickelt sich dabei selber weiter in der Zeit und in den Begegnungen mit den von außen an sie dringenden Impulsen. Allen Personen, die beschrieben werden, ist gemeinsam, dass sie zu sich stehen, sozusagen „gut“ sind, nicht weil sie nur Gutes tut, sondern weil sie in sich schlüssig und per se moralisch ist. Alle sind so gut, wie sie angesichts des Lebens gut zu sein verstehen. Das verdient Respekt und Hochachtung. Es gibt in dem Roman keine bösen Menschen. Vermutlich findet Tolstoi wie ich auch, dass es eigentlich keine von Grund auf böse Menschen gibt, sondern nur Menschen als kleine Universen, die weder gut noch böse, sondern lediglich existent sind.
Diese kleinen Universen treffen nun im Laufe der Handlung aufeinander, wirken aufeinander, werden mit ihrer Zeit, ihren Konventionen, ihrer Kultur und dem, was ihre Mitmenschen daraus machen, geprägt, verändern sich dadurch, indem sie sich damit auseinander setzen. Die menschlichen Universen reiben sich aneinander, beeinflussen sich und interagieren, um sich in der Folge zu verändern, zu wachsen. Mal werden die Folgen dieser Reibungen positiv erlebt und gewertet, manchmal negativ. Es kommt auch vor, dass eine Folge von dem Betroffenen selber positiv erlebt, von der Gesellschaft aber negativ gewertet wird. Es gelingt Tolstoi, diese Interaktionen zwischen den Universen samt den Folgen für die einzelnen Universen sauber aufzuzeichnen. Das wiederum macht einen großen Eindruck, denn so wird aufgezeigt, wie leicht Missverständnisse geschehen, indem eine Begegnung zwischen zwei Menschen von dem einen ganz anders aufgefasst wird als vom anderen. Was geht in beiden vor? Wie kommen dadurch Missverständnisse zustande? Welche Auswirkungen hat das auf beide Universen? Wie geht es dann weiter in der Kommunikation? Als Leser stehe ich auf keiner Seite, identifiziere mich mit keiner Person, denn ich bin ja mein eigenes Universum. Dennoch schlüpfe ich in die Haut der Personen und erlebe die Stringenz des Erlebens dieses Menschen, selbst wenn ich mich nicht mit ihr identifiziere. Das ist wirklich beeindruckend.
Ich lebe also mit diesen Menschen, indem ich sie von innen kennenlerne. Dabei stelle ich fest, dass die meisten, wirklich wichtigen Impulse in den Universen die sind, die die Gefühle berühren. Gefühle sind tiefer als die intellektuelle Einsicht. Sie sind aber auch sehr schwer nur zu steuern. Auf mich hat das die Wirkung, dass ich mit Hilfe dieses Buches eine Art Rückschau der Gefühle auf mein Leben halten kann. Denn viele Beschreibungen von Gefühlen, von Berührungen, Abläufen und Verarbeitungsmustern erkenne ich. Immer wieder und bei unterschiedlichen Personen im Roman erlebe ich, wie auch ich diese Gefühle, diese Situationen, diese Verletzungen, Freuden, Erregungen erlebt habe. Ich erinnere mich an die Menschen, mit deren Universen mein Universum konfrontiert war. Dabei lasse ich diese Gefühle, die ich im Buch wiedererkenne als meine Gefühle zu, kann sie anschauen, mit den Personen im Roman – sie sind in der Tat wechselnd – erleben und verarbeiten. Wer sich Gutes tun will und eine Art Gefühlsbiographie erleben, der sollte diesen Roman lesen und auf sich wirken lassen. Er wirkt bis in den Schlaf, die Träume hinein, lässt aber auch zu, dass man Gefühle, die man zwar kennt, aber unangenehm findet, weiter auf die Personen des Buches projizieren kann.

Ich denke, dass so ein richtig gutes Buch sein soll. Darum kann ich nur empfehlen: Ana Karenina von Leo Tolstoi.

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