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Donnerstag, 7. Mai 2015: Gedanken

Bevor ich fortfahre mit meinen Gedanken über Theologie, möchte ich gerne noch einen kleinen Nachtrag zum gestrigen Eintrag machen. Denn diese Art von Schlitzohrigkeit, wie wir sie bei Herrn Schmit finden, ist hier auch unter den weniger Betuchten ziemlich weit verbreitet. Beispiel: Es gibt hier eine staatliche Arbeitslosenversicherung, die bei Arbeitslosigkeit den letzten Lohn für 5 Monate zu 100% auszahlt. Danach muss man mindestens wieder 6 Monate arbeiten, um sich dann wieder bei vollen Bezügen arbeitslos zu melden. Die Ausgaben des Staates für dieses Programm sind so groß, dass es jetzt insofern eingeschränkt wird, als dass man die Versicherung erst wieder nach 1 Jahr Arbeit in Anspruch nehmen darf. Leider müssen wir zugeben, dass das daher kommt, weil sehr viele Brasilianer auf die Idee gekommen sind, die Laufzeiten voll in Anspruch zu nehmen. Das heißt, sie arbeiten in 11 Monaten nur 6 Monate bei vollen Bezügen. In Deutschland nennen wir sowas Sozialbetrug. Hier ist das Kultur und eine Strömung der Schlitzohrigkeit, die von ganz oben bis ganz unten reicht. Auroras Kommentar dazu: „Die Brasilianer sind alle Spitzbuben.“ Meine Erwiderung darauf: „Aber nette Spitzbuben!“ – „Stimmt! Sie haben aber auch keinen Grund, nicht nett zu sein!“ Auch das stimmt.

Nun zu meinen theologischen Gedanken. Der Hintergrund ist der, dass ich in meiner theologischen Ausbildung viel über Entmythologisierung gelernt habe und dass es in der Bultmannschule viele Theologen gab, die sich auf die Suche nach dem historischen Jesus begaben und darum allerlei Jesus-Bücher geschrieben haben, die ziemlich unterschiedliche Jesus-Darstellungen präsentierten. Es gab, um zu einem Ergebnis der Jesus-Forschung zu kommen, historisch-kritische Kriterien, die an die Texte angelegt wurden, um hinter der Verkündigung, dem Kerygma, den historischen Kern, den historischen Jesus zu finden. Diese Epoche der Jesusforschung ist wahrscheinlich schon beendet mit unbefriedigendem Ergebnis. Womit sich die neutestamentliche Exegese derzeit befasst, weiß ich nicht.
Mein Ansatz aber wird sicherlich vielen Christen nicht gefallen, aber ich möchte ihn dennoch zur Diskussion stellen. Denn etwas haben die Studien gezeigt, dass nämlich der historische Jesus nur sehr schwer zu erfassen ist. Meine Frage ist nun, ob es denn wirklich für das Christentum wichtig ist, eben diesem historischen Jesus auf die Spur zu kommen. Paulus hat ein Christentum entwickelt, das für unseren Glauben sehr wichtig ist und das ohne diesen historischen Jesus auskam. Mit keinem Wort erwähnt er Episoden aus dem Leben Jesu, außer Tod und Auferstehung. Diese „Ereignisse“ aber sind für ihn, der ja nun ein Zeitgenosse Jesu war, nicht historisch wichtig, sondern vor allem in ihrer Aussage über Gottes Liebe zum Menschen. Nicht das leere Grab war ihm wichtig, sondern die Hingabe Jesu für den Menschen im Auftrag Gottes. In der Folge, so führt er aus, sind wir nun nicht mehr Knechte Gottes, also Diener, kündbar und untergeordnet, sondern Kinder Gottes, nämlich sozusagen aus seinem Blut, mit Kindesrechten, Erbrechten, Selbständigkeiten und einer festen, unkündbaren Beziehung. So ist das Bild des Paulus für die neue, christliche Beziehung zwischen Gott und Mensch. Diese Beziehung führt nun Paulus auf die Kraft des Erlösungsaktes von Tod und Auferstehung Jesu zurück. Und er meint dann weiter, dass eben dieser Jesus recht bald zurückkehren wird, um alle zu sich zu holen. Johannes in seiner Offenbarung sieht in Jesus nun den Pantokrator, den Weltenrichter und Herrscher im Reich Gottes. Aber auch diese Vorstellung ist vor allem Theologie und weniger Historie.
Das Leben Jesu liegt nun 2.000 Jahre zurück. Es ist in seiner historischen Qualität kaum noch zu erfassen. Auch erscheinen mir die Ereignisse um Jesus herum nicht mehr so einzigartig zu sein, wie wir sie gerne darstellen. Andere Menschen haben auch schwer gelitten, haben sich für andere aufgeopfert, sind große Lehrer für Moral und Nächstenliebe geworden. Wir brauchen Jesus als Vorreiter und Vorbild für moralisches Leben heute nicht mehr. Da gibt es andere in unserer Zeit, die uns näher stehen – wobei ich Jesus damit nicht abwerten will, sondern nur auf die so gänzlich anderen Lebensbedingungen damals und heute hinweisen, die ihn uns fremd machen.
Mein Ansatz wäre nun, im Evangelium nicht mehr nach dem historischen Jesus zu forschen, sondern umgekehrt: Wir sollten das Kerygma, die Verkündigung, den Sinn dieser ganzen Geschichten vom historischen Ballast befreien und die Theologie dahinter erkennen. Die Erkenntnis über den theologischen Wert des Christentums ist uns wichtig, nicht das Leben jenes Menschen von vor 2.000 Jahren. Es ist wichtig, dass es die Erkenntnis gab, dass der Mensch nicht Knecht Gottes, sondern Kind Gottes ist. Für mich ist das die Erkenntnis, dass Gott und Mensch verwandt sind, unauflöslich zusammen gehören und quasi eins sind. Ich bin Christ, weil Gott sich mir als mit mir eins offenbart hat.
Kann es also ein Christentum ohne den historischen Jesus geben? – Was für Paulus noch undenkbar war, ist für mich, der ich 2.000 Jahre später lebe, unabdingbar. Ich möchte das Evangelium enthistorisieren und nur noch das, was ich über Gott und die Welt und den Menschen erfahre, heraus arbeiten. Denn das interessiert mich, das ist für meine religiöse Sinnsuche wichtig. Ob nun der historische Jesus am Kreuz starb, wie die Evangelien verkünden, oder ob er ausgetauscht wurde, wie die Moslems meinen, ist dann gleichgültig. Denn allein die Erkenntnis über die Theologie hinter Tod und Auferstehung ist wichtig. Ob das Grab vor 2.000 Jahren leer war oder besetzt, ob es vielleicht in Indien oder Ägypten oder auf dem Mond zu finden ist, ist mir absolut egal, wenn ich nur weiß, wie es Gott mit mir meint.
Befinde ich mich damit im Gegensatz zur Bibel? – Ich denke nicht, denn wir wissen, dass auch den biblischen Berichten über Jesus nicht der Mensch, sondern die Verkündigung das Wichtigste war. Selbst historische Gegebenheiten wurden so erzählt, dass sie dem theologischen Sinn entsprachen. Genau das ist ja auch das Problem der historischen Forschung.

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