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Mittwoch, 20. Mai 2015: Schweigen

Da habe ich mich heute früh mit meiner Schwester Monika, meiner deutschen „Statthalterin“, über Skype unterhalten und sie hat angemerkt, dass es schon länger keinen Eintrag mehr im Erlebnisbuch von mir gegeben hätte. Daraufhin habe ich nachgesehen und festgestellt, dass der Abstand zum letzten Eintrag in der Tat so weit ist, wie er zuvor noch nie in diesem Jahr gewesen ist. Warum?

Ich denke, dass es einmal natürlich daran liegt, dass wir eine relativ erlebnisarme Zeit haben und das derzeit auch genießen. Denn wenn ich mich allein in meiner Familie umsehe und die Aktivitäten meiner Geschwister betrachte, wird man schon beim Lesen ganz unruhig. Da wir umgezogen, dass einem schwindelig wird. Neue Städtenamen werden in Verbindung mit den „alten“ Geschwistern gebracht. Es wird gebaut, gepackt, organisiert und verändert, so dass einem schon vom Zusehen schlecht wird. Da muss doch wenigstens einer ein wenig die Füße still halten – und dieser eine bin dann wohl ich, der ich zuvor für Bewegung im Geschwisterkreis gesorgt hatte.

Sodann muss ich auch gestehen, dass mein Abstand zu Deutschland mit jedem Monat, in dem ich hier glücklich lebe, wächst. Gestern fragte mich meine Portugiesischlehrerin, was denn nun so schön an Bombinhas sei, dass ich mich hier so wohl fühle. Hintergrund dieser Frage ist, dass die Jungendlichen des Ortes so bald als möglich das Weite suchen, weil Bombinhas so ein trauriges Nest sei. Bei Aurora würden diese jungen Leute noch auf Verständnis treffen, aber ich finde es hier wunderbar. Zwar klappt viel nicht und es gibt auch manches, was in Deutschland oder auch in Brasilien an größeren Orten besser wäre, aber ich genieße unsere wunderschöne Wohnung, das zwanglose, terminlose, sehr freie Leben hier, die Natur mit ihrer unglaublichen Schönheit und den Strand, auch wenn ich derzeit nicht so viel dorthin komme. Schön ist die Wärme, was sich sowohl auf das Wetter, als auch auf das zwischenmenschliche Beisammensein bezieht. In der Gemeinde haben wir einen so wundervollen Anschluss gefunden. Aber auch mit anderen Menschen sind wir befreundet. Man liebt uns und wir lieben andere. Da ist es nicht so schlimm, wenn Klos verstopfen, Türen sich nicht schließen lassen, anscheinend legal schwarz gebaut wird und das Wetter ziemlich zu wünschen übrig lässt.

Das Wetter! Noch nie habe ich so viel so schlechtes Wetter erlebt wie in den letzten Wochen. Ich hatte ja schon darüber berichtet. Das Traurige daran ist, dass es wohl in den nächsten Wochen und Monaten nicht besser werden wird. Es regnet jeden Tag. Meistens einmal pro Stunde für 10 Minuten wie aus Eimern. Hatte ich geglaubt, dass Sassenberg, jenes Dorf im Münsterland, in dem ich 4 Jahre meines noch jungen Lebens wohnte, ein Regenloch sei, ist es Bombinhas allemal. So schlimm wie hier war es meiner Erinnerung nach dort nicht. Immerhin ist es dabei nicht kalt und auch der Regen selber ist eher warm. Dennoch …

Sodann hat mich vom Schreiben abgehalten, dass ich derzeit sehr fleißig meine Babbelkurse wiederhole. Das hat mir inzwischen eingebracht, dass ich in der „ewigen Fleißliste“ von Babbel auf Platz 31 vorgerückt bin. Das ist schon mächtig viel, finde ich. Das Wiederholen aber kostet Zeit. Fleiß geht immer auf Kosten von Zeit. Seit etlichen Tagen führe ich die tägliche Fleißliste an. Da kommt man nicht dazu, Erlebnisbuch zu schreiben, denn andere sind auch nicht faul. Da gibt es z.B. zwei Italiener, die sich mächtig anstrengen, Portugiesisch zu lernen. …

Zeit kostet auch der Deutschunterricht, den ich derzeit in der Gemeinde erteile. Ich habe keine Ahnung, wie man das macht, aber ich mache es. Deutsch allerdings werden meine Schüler nie lernen, denn sie selber haben keine Zeit, Hausaufgaben zu machen. Und bei einer Stunde pro Woche ohne Lernen daheim kann man wenig erreichen. Aber es sind nette Stunden, in denen ich sehr viel Portugiesisch spreche. Mir also nützt das am meisten. Man stell sich vor: Ich unterrichte Deutsch auf Portugiesisch. In die Wiege wurde mir diese Tätigkeit nicht gelegt!

Beim Unterricht aber merke ich, welche enormen Wissenslücken hier die Menschen haben. Das wiederum animiert mich, auch andere Kurse anbieten zu wollen. Wahrscheinlich werde ich vor allem mit dem 8-jährigen Mädchen namens Mabily, Musik lernen. Neulich hatte ich den Kanon „Herr, gib uns deinen Frieden“ in den Unterricht mitgebracht. Wir haben erst den Text analysiert und dann habe ich die schlichte Melodie vorgesungen. Als dann alle mitsingen sollten, setzte jeder in einem anderen Ton an, wobei es niemand an Selbstbewusstsein und Lautstärke mangeln ließ. Welch ein Konzert! Keiner, selbst die Musikalischen, war in der Lage, die Melodie zu hören, zu verstehen und nachzusingen. Alle grölten auf wenigen Tönen das, was sie für die Melodie hielten. Ich erinnere mich, wie ich bei meinem ersten Gottesdienst hier erschrak, als alle in den unterschiedlichsten Tönen „Halleluja“ grölten. Die Musikalischen halten sich die Ohren zu, aber unser Herrgott hört das Herz, welches aufrichtig singt. Ich werde mir also Mabily vorknöpfen und ihr sowohl Noten, als auch das Tonabnehmen beibringen. Ich könnte mir vorstellen, dass das bei ihr geht.

Ja, ja, Brasilien ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Dennoch kann ich es gar nicht leiden, wenn man Brasilien in Grund und Boden kritisiert. Da hat meine liebe Schwester Monika einen Doktor, zu dem sie geht, zitiert, der bei der Fußball-WM hier war und jetzt „aus eigener Erfahrung“ über Brasilien sehr herablassend spricht. Ich selber kann ja auch in ironischem und manchmal kopfschüttelndem Ton über dieses Land reden, aber ich lebe hier und lebe gerne hier trotz aller Unzulänglichkeiten. Wer erwartet, dass es hier genauso wie in Deutschland ist, wird enttäuscht. Aber niemand wandert aus Deutschland aus, weil er das erwartet. Hinzu kommt, dass man in Deutschland wirklich nicht glücklicher zu sein scheint als die Menschen hier in Brasilien. Ich kann inzwischen verstehen, woran das liegt. So nehme ich mir selber das Recht, Brasilien und die Verhältnisse hier zu kritisieren, aber ich gestehe es einem anderen, der hier gerade mal seinen Urlaub verbracht hat, in dieser grundsätzlichen, aburteilenden, vernichtenden Art nicht zu. Die Brasilianer selber kritisieren auch ihr Land und sehen die Fehler, aber sie lieben es gleichzeitig, denn es ist IHR Land, das von niemandem herabgewürdigt werden darf. Kein Brasilianer würde das mit einem anderen Land machen. So! Das musste mal gesagt werden! Und in diesem Sinne noch ein Zitat aus Anna Karenina: „Es gibt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen könnte; besonders wenn er sieht, dass alle, die ihn umgeben, ebenso leben.“ (Nur als Anmerkung: Danach folgt eine sehr einfühlsame, humorvolle Schilderung der Leiden eines werdenden Vaters während der Geburt seines ersten Sohnes. Wunderbar!!!)

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