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Freitag, 3. Juli 2015: Theologie diskutieren

Ich würde so gerne über Theologie diskutieren, doch gelingt es mir das nicht, Gesprächspartner zu finden. Warum? Es herrscht die sicherlich richtige Meinung, dass Glaube Privatsache sei und dass man den Glauben so stehen lassen sollte, wie ihn der Einzelne hat. Man kann über Glauben so wenig diskutieren wie über den Geschmack. Darum enden Gespräche über theologische Inhalte oft recht abrupt, wenn die Diskussion eigentlich beginnen sollte.

Ein Grund für die Gesprächsverweigerung mag auch sein, dass der Glaube einen Menschen sehr tief berührt und darum eine Diskussion darüber schnell verletzend werden kann. Wenn man über Religion redet, dann bitte nur im Rahmen der Seelsorge. Die aber begrenzt das Gespräch auf bereits vorhandene Glaubensinhalte, auf keinen Fall aber auf ein Hinterfragen dieser Inhalte oder gar eine Diskussion. Man holt eben den Menschen da ab, wo er steht. Wahrscheinlich wollen es die meisten Menschen auch so.

Mit dieser mangelnden Bereitschaft zur Diskussion geht ein Klagen überzeugter Christen darüber einher, dass niemand mehr auf die Frohe Botschaft hören will. Da bemüht man sich sein Leben lang, das Evangelium zu verbreiten, stößt dabei aber oft Zurückweisung oder Desinteresse. Das wiederum trägt wahrscheinlich auch dazu bei, nicht mehr über Religion diskutieren zu wollen, sondern sich nur noch an der Brust Gleichgesinnter auszuweinen.

Ich erinnere mich, dass ich als junger Pfarrer in Schweden ungern im Collarhemd in die U-Bahn gestiegen bin, weil ich ziemlich sicher ziemlich schnell zumeist einen Besoffenen an den Fersen hatte, der mich lautstark als „religiös“ verlachte. Diese Erfahrung macht man einmal, vielleicht zweimal, aber öfters nicht. Da ist es allemal besser, sozusagen inkognito und damit in Ruhe zu bleiben. Hätte ich mich damals mutiger verhalten sollen mit einem freien Bekenntnis? – Ich denke, es wäre für manchen Betrunkenen eine Freude gewesen, mal einen Pfarrer zusammenzuschlagen, denn diese Herren hatten oft eine sehr niedrige Reizschwelle. Wäre ich dann Märtyrer geworden? Vielleicht, jedoch ist das für mich kein Ziel, das ich jemals angestrebt habe, obwohl ich ein gläubiger Christ bin. Märtyrer sind immer Fanatiker.

So betrachtet steht es mit uns Christen wirklich traurig. Denn da kommen im Extrem die islamischen Fundamentalisten und schaffen es, religiös Gleichgültige so zu fangen, dass sie sogar alles für ihren neuen Glauben aufgeben und in den Krieg ziehen. Das ist eine Geisteshaltung, die der Radikalität Jesu durchaus entspricht und im NT belegt ist. Nun wollen wir nicht dem islamischen Fundamentalismus nacheifern, sondern evtl. eher durch gute Taten überzeugen in dem Sinne: nicht über das Gute reden, sondern das Gute tun. Dabei stellen wir aber fest, dass der islamische Fundamentalismus durchaus erfolgreicher ist, obwohl er alles andere als das Gute in unserem Sinne tut. Man muss sich als gutmeinender Christ sogar sagen lassen, dass die Methode des Köpfens weit mehr Erfolg bringt, als das eigene Gutmenschsein. Da gibt es Selbstmordattentäter, die gerne zu Märtyrern werden – im Gegensatz zu mir. Ja sogar schlimmer noch: Im Islamischen Staat wird ganz klar eine nicht diskutierbare Theologie umgesetzt, die auch das Köpfen, Peitschen, Völkermord und alles, was wir menschenverachtend finden, gut heißt. Auf dieser Theologie liegt mehr „Segen“ als auf dem Gutmenschsein der Christen. „Segen“ meint in dem Fall das, was es für die meisten Christen bedeutet: Erfolg. Die Islamisten lachen die christlichen Gutmenschen aus, bevor sie sie köpfen. Beiden gemeinsam ist, dass sie nicht über Theologie reden wollen, wobei die Gründe und Folgen dieser Haltung unterschiedlich sind.

Es wird dringend Zeit, über Theologie wieder diskutieren zu können. Wir brauchen Argumente, die sich kritisch mit dem Glauben befassen. Wir brauchen eine Kultur der kritischen Auseinandersetzung in Glaubensfragen, so dass wir den verführerischen Predigten jedweder Fundamentalisten begegnen können, ihnen nicht auf den Leim zu gehen. Wir brauchen einen Glauben, der es verträgt, hinterfragt zu werden, zur Diskussion zu stehen.

Wie wichtig das ist, sehe ich in der Biographie Martin Luthers. Er war Mönch in Erfurt geworden und geradezu obsessiv mit der Frage beschäftigt, wie er einen gnädigen Gott erhält. Seltsamerweise ist diese Frage, auf die Luther seine revolutionäre Antwort bei Paulus fand, noch immer in der lutherischen Kirche relevant bis heute. Darin enthalten ist vor allem die Auffassung, dass Gottes Gnade vom Verhalten des Menschen abhängt. Heute würde man sagen: Gott braucht den Menschen, um sein Reich aufzurichten. Der junge Mönch Martin Luther macht nun Bußübungen, um Gott gnädig zu stimmen. Zur Seite stand ihm sein Glaube und seine Seelsorge, die ihn eben dort abholte, wo er stand. Geholfen hat ihm das wenig. Erst als er Paulus las und verstand, wurde das anders. Er begriff: „Sola gratia!“ (aus dem Römerbrief). Allein Gottes Gnade ist es, die für uns heil macht. Nichts sonst. Und weiter: „Sola fide!“ Allein im Glauben, also nicht durch gute Taten, kann ich begreifen, dass Gott souverän ist und mir mein Heil allein aus Gnade gewährt. Der Glaube ist ein Wahrnehmungsmittel etwa so wie das Auge, durch das der Mensch die Welt sehen kann. Für die Existenz der Welt ist es recht egal, ob sie der Mensch nun sieht oder nicht. Für den Menschen ist es aber keineswegs egal, ob er mit seinen Augen die Welt sehen kann, oder ob er blind ist. Ich weiß aus meiner Blindenarbeit, dass man die Welt sicherlich auch als blinder Mensch erleben kann. Jedoch ist die Erlebnisqualität eine andere als die sehender Menschen, weil eben etliches nicht erfahrbar ist und kompensiert werden muss. Genauso verhält es sich mit dem Glauben: Natürlich kann man ohne Gott oder ohne Transzendenz leben. Man muss dieses Defizit aber irgendwie kompensieren. Der Transzendenz oder der Majestät Gottes aber tut es keinen Abbruch, ob sie vom Menschen gesehen wird oder nicht.

In dieser Erkenntnis ist die bahnbrechende Entdeckung enthalten, dass Gott nicht abhängig vom Menschen und dessen Tatkraft ist, sondern dass Gott souverän ist und so wirkt, wie Gott es eben für richtig hält, selbst wenn wir es nicht verstehen und der Karren ganz anders läuft, als wir das im Namen Gottes meinen würden. Die Verhältnisse werden von Luther also wieder auf die Füße gestellt. Hatte er zuvor geglaubt, dass er arbeiten müsse, um Gott gnädig zu stimmen, weiß er jetzt, dass Gott bereits gnädig ist und ich das auch erfahre, wenn ich mit den Augen des Glaubens hinschaue. Im Anschluss an diese Erkenntnis hat Luther ein durchaus fröhliches, säkulares Leben geführt trotz aller Bedrohungen. Er ist damit wohl auch der Theologe, der unsere säkularisierte Zeit theologisch am besten begründen kann. Denn wenn es Gott gefällt, dass die Menschen heute lieber spirituell blind durch ihr Leben laufen, kann ich mich darüber aufregen, mich ärgern, mir ein Monogramm in den Bauch beißen, jedoch wird alles nichts nützen. Jesus hat das bereits seinen Jüngern vermittelt, die frustriert über die Menschen, die sich nicht missionieren lassen wollten, zurück kamen. „Schüttele den Staub von deinen Füßen und geh weiter“ war seine Anweisung. Drin enthalten ist auch, sich nicht weiter darüber aufzuregen, sondern den Kopf für andere Dinge frei zu bekommen. Jesus hält an Gottes Souveränität fest und nimmt dem Menschen die Verantwortung für die Errichtung seines Reiches von den Schultern, auf die sie sich der Mensch selber gepackt hat.

Rede ich denn nicht nun den Fundamentalisten und Fanatikern das Wort? Im IS wird Gott – anscheinend – alle Ehre gegeben. Allahs Wort steht über allem. Ihm streben die Kämpfer des IS nach. Genau diese Behauptung aber ist immer falsch, weil sie einem Denkfehler entspringt, der genau die heilende Erkenntnis Luthers wieder aufhebt. Denn was ich als Allahs oder Gottes Wort über allem stehen lasse, ist immer nur die Erkenntnis dessen, was ich darüber zu wissen meine. Nicht das Original, sondern mein in mir gewachsenes, durch mein Verständnis verzerrtes Abbild wird zum Gott erhoben. Damit wird dieser Gott meinem Denken, meiner Erkenntnis unterworfen. Ich also bin entscheidend für das Sein Gottes. Ich bestimme, was göttlich ist und was nicht. Nicht Gott ist also Gott, auch wenn ich das so sage, sondern ich selber bin Gott, weil ich Gott so mache, wie ich ihn haben will. Fundamentalisten sind dieser Gefahr besonders ausgesetzt, weil sie ihr Verständnis ihrer Heiligen Schrift für normativ halten. Immerhin haben inzwischen viele Christen begriffen, dass es sich bei ihrer Erkenntnis Gottes um ein Gottesbild handelt und nicht um Gott selber. Damit aber haben sie sich der Säkularisierung ausgesetzt, der sie dann allerdings gelassen begegnen können.

Ich selber bin Christ, weiß mich von Gott geliebt und lebe nun putzmunter mein Leben, das von vielen säkularen Dingen bestimmt wird. Dabei führe ich den Namen Gottes kaum auf den Lippen, brauche auch nicht mehr Pfarrer zu sein und fühle mich als Rentner und Mitmensch ganz wohl. In mir vertrauten Ritualen fühle ich mich zwar geborgen, brauche sie aber nicht – weder für meinen Glauben, noch für mein Wohlbefinden. Nur bräuchte ich wirklich Menschen, die mit mir Argumente austauschen, über Theologie reden, mit mir diskutieren. Auch ich möchte in meiner Erkenntnis weiter kommen dürfen und nicht immer nur im eigenen Saft schmoren müssen. Mein buddhistischer Bruder ist da meine einzige Rettung – wenigstens wenn er sich nach Laos zurückgezogen hat, denn sonst fehlt ihm die Zeit dazu. Warum nur bekomme ich keinen Mitchristen zu fassen?

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