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Dienstag, 7. Juli 2015: Von Katzen, Kindern und Sport

Nach den theologischen Ergüssen ist es wohl mal wieder Zeit, sich dem Sein, also der sichtbaren Göttlichkeit in Form von Menschen, Tieren, Gegenständen, zuzuwenden. Es handelt sich bei dieser sichtbaren Göttlichkeit zumeist um wundervolles Sein, wie z.B. unsere Natur hier in Bombinhas – ausgenommen dem derzeitigen Wetter, das ostwestfälisch bleigrau mit Regen daher kommt – und die Kreatur wie z.B. unsere Katzen. Es ist schon länger her, dass ich mich über sie geäußert habe, außer den Bemerkungen, wie wichtig sie vor allem für Aurora sind.“Der Dicke“ oder „Chico“ oder „Lindãosão“ (was so viel bedeutet, wie das wunderschönste aller wunderschönsten Lebewesen. Ausdruck von Aurora. Ich bin nur der Lindão, also der Wunderschönste) heißt davon das große Teil Katze, während die kleine Katze sich begnügen muss mit „Chicinha“ (kleine Chico) oder „Susi“ oder „Zicke“. Dabei haben es Frauen bekanntlich in der Beurteilung durch andere Frauen eher schwer. Susi wird zwar auch geliebt, jedoch nicht mit solch überschwänglichen Worten bedacht wie der Kater. Den Katzen ist das total egal, weil sie auf keinen Namen reagieren. Sie machen nach Katzenart genau das, was sie sich gerade in den Kopf gesetzt haben. Über den nächtlichen Terror des Katers hatte ich schon öfter geschrieben. Er möchte halt gerne nachts mit Aurora spielen und gestreichelt werden, Aufmerksamkeit und vielleicht auch Futter bekommen. Nicht ohne Grund ist das Tier so dick und groß geworden.

Die Eigenschaft, immer das zu tun, was ihnen in den Kopf kommt, macht die beiden aber auch zu guten Beobachtungsobjekten. Von Moni habe ich gelernt, dass Hunde – also Anni – kein Zeitempfinden haben. Das ist bei Katzen ganz anders. Die sind, wie viele Leute in Sachsen: Sie haben ihre Vorstellung, wie das Leben zu sein hat und lehnen alles Fremde ab. Mit anderen Worten, Katzen sind sehr kleinkariert. Chico macht jede Nacht seine Spielchen. Das muss so sein! Und er schläft dann am Morgen, wenn wir aufstehen. Gerne begibt er sich dazu in den Schrank. Derzeit aber liegt er lieber auf einer elektrischen Heizdecke, weil es ihm hier viel angenehmer ist. Gegen 11 Uhr beginnt er dann, mich zu terrorisieren. Er maunzt laut herum, will gestreichelt und gekämmt werden und braucht alle Aufmerksamkeit der Welt. Kommt dann das Mittagessen, sitzt er als Erster am Tisch und wartet, was es wohl gibt. Das macht er jeden Mittag gegen 12 Uhr noch bevor die Teller auf dem Tisch stehen. Er hat inzwischen gelernt, dass eine Zeitung auf dem Boden für ihn eine Art Teller ist. Wird sie ausgebreitet, gibt es etwas und er wird sehr nervös. Setze ich mich also an den Tisch und habe noch keine Zeitung geholt, steigt Chico hoch, beißt mir in den Arm, maunzt und macht mir klar, dass ich ihn nicht zu vergessen habe. Stehe ich dann auf und begebe mich in Richtung Zeitungsablage, rennt er hinterher mit zitterndem Schwanz und größtem Eifer. Liegt dann die Zeitung am Tisch auf dem Boden, setzt er sich erst mal drauf und dann davor und wartet maunzend ab. Er liebt Churrasco, mag aber Fisch und Hähnchen nicht so gerne. Susi sieht sich jeden Tag die Prozedur von ferne an und wartet ab. Sie sagt nichts, knibbelt etwas mit den Augen, schaut nur und ist in Habachtstellung. Oft geht sie dann, wenn es Fisch gibt, an die Zeitung und nimmt Chico den Happen weg. Das macht sie galant mit kleinen Bewegungen der Pfote, während Chico hilflos dabei sitzt und sich nichts mehr traut. In der Regel trollt er sich dann und schaut sich Susis Schmaus von ferne an. Da muss schon was sehr Leckeres auf der Zeitung sein, damit er sitzen bleibt. Manchmal traut er sich, eine Pfote nach dem Happen auszustrecken, erntet dafür aber Susis wütendes Fauchen. Und Susi kann fauchen wie ein Löwe – was Chico nicht kann. Er facht niemals. Vor Susis Fauchen aber weicht er ängstlich zurück. Hier setzt ihm Susi deutliche Grenzen.

So gehen die Katzen jeden Tag ihrem Lebensrhythmus nach. Abends, wenn Aurora schläft, sitzt Chico bei mir im Zimmer auf dem Bett neben dem PC, an dem ich noch sitze. Gehe ich dann, begibt er sich auch in sein Bett. Susi hingegen hat sich bereits seit Stunden an oder auf Aurora gelegt. Wie kommt aber auch gerne zu mir, wenn ich später im Bett liege, um noch etwas zu lesen. Durch das Licht des Kindle wird sie angelockt. Sie nähert sich unmerklich, streckt den Kopf vor, macht den Hals ganz lang und beginnt laut zu schnurren. Bin ich dann bereit, sie zu empfangen, kuschelt sie sich an mich, legt die beiden Vorderpfoten auf meinen Oberarm und macht sich bereit zum Dauerstreicheln, was inzwischen automatisch läuft. Will ich dann auch schlafen, trollt sie sich in ihr eigenes Bett.

Katzen haben also eine innere Uhr, die ihre Abläufe steuert. Außerdem haben sie ein gutes Gedächtnis, denn das, was ihnen gefällt, merken sie sich sofort. Antrainieren geht nicht, nur überzeugen. Erstaunlich, dass in diesen kleinen Kopf, der nur zum Kraulen geschaffen worden zu sein scheint, so viel Gedächtnisleistung passt.

Moni meinte zu Annis Zeitempfinden, dass Anni einfach traurig ist, wenn Tine ohne sie weg geht und sich freut, wenn Tine zurück kommt. Dazwischen ist die Welt auf ihre Art auch in Ordnung. Bei den Katzen ist das anders. Sie fremdeln oft tagelang mit ihren Herrchen und Frauchen, wenn die mal länger weg sind. Nur unsere beiden ticken da anders, eher wie Hunde. Wahrscheinlich waren sie in ihrem vorigen Leben … Aber das ist eine andere Frage.

Besonders an unseren Katzen ist ihr Ausdruck der Freude. Bekanntlich können Katzen und Hunde nicht lachen. Sie ziehen nicht die Schnauze nach oben und stoßen Laute wie Hahaha aus. Hunde wedeln mit dem Schwanz, wenn sie sich freuen. Katzen schnurren, wenn sie sich wohl fühlen, aber können sie auch Freude ausdrücken? Unsere beiden können das. Wenn man in der Küche ist und eine Dose Katzenfutter öffnet und beide laufen herum voller Vorfreude, beginnen sie, mit der Schwanzwurzel zu zittern wie Espenlaub. Dabei vibrierte nur der untere Teil des Schwanzes, nicht der ganze Schwanz. So sieht bei ihnen also echte Vorfreude aus. So lachen die beiden vor Begeisterung – oder Gier. Gesehen habe ich dieses Verhalten bei noch keiner anderen Katze. Ebenso ungewöhnlich ist bei beiden, dass ihren die Angst vor dem Staubsauger fehlt. Wenn andere Katzen solch einen Staubsauger hören, rennen sie schnell weg und verstecken sich. Nicht so unsere beiden. Sie lieben den Sauger zwar nicht, aber sie rennen vor ihm auch nicht weg. Er stört sie höchstens in ihrer Beschaulichkeit. Wegrennen tun sie aber vor allem, wenn Kinder kommen, die doch so gerne Kontakt mit ihnen hätten. Wahrscheinlich ist genau das der Grund für das Wegrennen. Neulich war mit Ana auch die Enkelin Elisa da. Elisa wollte die Katzen streicheln. Also gingen wir beide ganz vorsichtig ins Schlafzimmer, wo Susi auf Auroras Bett lag. „Du musst ganz leise, langsam und vorsichtig sein!“ sagte ich zu Elisa, der 5-Jährigen. Also schlichen wir dorthin. „Warte mal kurz und sei ganz still! Ich werde Susi erst einmal vorbereiten“ Susi hatte schon große Augen, die schreckerfüllt auf Elisa schauten. Ich setze mich neben Susi und beginne sie zu kraulen. Sie entspannt sich. Dann winke ich vorsichtig Elisa näher. „Weißt du, Elisa, Susi kennt dich noch nicht und hat darum Angst.“ Daraufhin flüstert Elisa, indem sie vor Susi in die Hocke geht und sie anschaut: „Hallo Susi, ich bin die Elisa!“ und zeigt mit dem Fingerchen auf sich. Eigentlich müsste Susi sie jetzt also kennen. Ich nehme Elisas Hand und führe sie vorsichtig und langsam an Susis Kopf. Wonnevoll krault Elisa ihre scheinbar neue Freundin, als diese plötzlich aufspringt und unter das Bett flieht, unter dem bereits der tapfere Chico sitzt. Bevor Elisa sich platt vor das Bett legt, nehme ich sie lieber mit und wir spielen Schach auf Elisas Weise im Wohnzimmer.

Ana PaulaAm Samstag übrigens war wieder ein kleines Mädchen bei uns zu Besuch: Ana Paula. Sie heißt wie unsere Bürgermeisterin, ist aber erst 7 Jahre alt und die Tochter von Paolo, dem Handwerker, der bei uns einige Arbeiten zu machen hatte. Es war Samstag und Paulo hatte seine Tochter, die sonst bei der Mutter wohnt, zu Besuch. Paulo liebt Ana Paula sehr und trauert der Mutter, die ihn vor 4 Monaten verlassen hat, noch immer nach. Umso stärker ist seine Liebe zu dem Kind. Ana Paula wurde erst zu Aurora gebracht, die gerade nähte. Also bekam Ana Paula eine Nähnadel, etwas Stoff, Garn usw. und nähte zusammen mit Aurora. Ich fand, dass sich das aus dem Nebenzimmer, in dem ich am PC saß, fröhlich anhörte. Aurora aber meinte, Ana Paula wäre nicht ganz bei der Sache gewesen. Und als sie sah, dass man mit dem PC puzzeln kann, kam sie zu mir, um mit mir zu puzzeln. Mit sicherem Gespür hatte sie in kürzester Zeit ein System heraus gefunden, wie man die Puzzelteile finden und aneinander fügen kann. So saß sie auf meinem Schoß und gab die Kommandos: „Das – dahin! Ja!“ oder manchmal auch ein enttäuschtes „Não! Aber das dahin! Ja!” Puzzeln am PC lag ihr näher als das Nähen. Mit den Katzen hatte Ana Paula keinen Kontakt, denn die hatten sich in die Abstellkammer in die hinterste Ecke verflüchtigt und waren nirgends zu finden. Susi hatte wohl noch an der Bekanntschaft mit Elisa zu knabbern. Aber sobald die Wohnungstür hinter Paulo und Ana Paula zu ging, kamen die beiden Mistviecher hervor und gingen unberührt ihren Beschäftigungen nach.

 

Nachtrag: Kaum hatte ich den obigen Bericht fertig gestellt, läutet es an unserer Tür und Luise kommt herein. Luise ist ungefähr 25 Jahre alt, Sportlehrerin, gut durchtrainiert und verdammt hübsch. Sie ist also das Gegenteil von mir und damit sozusagen auch gleich das Vorbild für das, was aus einem werden könnte, wenn man fleißig trainiert. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich werde niemals in meinem Leben zu einer 25-jährige Sportlehrerin mutieren und wohl kaum noch „verdammt hübsch“. Aber ich könnte bei genügend Zeit und Anstrengung noch durchtrainiert werden wie meine kleine Schwester Moni. Luise hat uns gleich eine ganze Stunde ran genommen und ich bin total fertig und erledigt. Puh! Das gibt übermorgen, wenn sie wiederkommt, einen schweren Muskelkater! In Zukunft wird sie zweimal wöchentlich hier auflaufen und mit uns jeweils eine Stunde trainieren. Wir geben ihr dafür monatlich 480 Reais = rund 140 Euro. Das ist nicht viel und bringt uns hoffentlich auf Vordermann. Da ich selber fotografiere, kann man mein dummes Gesicht angesichts körperlicher Erschöpfung nicht sehen, sondern nur Aurora. Aber vermutlich werde ich noch viel „angestrengter“ ausgesehen haben als sie.

Luise mit Aurora beim Training Aurora am Rande des Zusammenbruchs
Luise mit Aurora beim TrainingAurora am Rande des Zusammenbruchs

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