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Samstag, 25. Juli 2015: mehr Gymnastik

So ganz erledigt ist das Thema mit der Gymnastik noch immer nicht, weil diese Tätigkeit, eine mir ganz und gar fremde, unser Leben doch recht in Anspruch nimmt. Ungewohnte Tätigkeiten sind anstrengend! Und so sehen die Stunden mit Luise, der jungen, rehäugigen, … (ihr wisst schon, was ich meine), für Aurora und mich entsprechend aus. Erst wird in der Mitte des Wohnzimmers ein Platz freigeräumt, auf dem dann geturnt wird. Der Couchtisch wird zur Seite geschoben, Luise breitet eine Isomatte auf dem Boden aus, die von Aurora genutzt wird, während ich mich auf dem echten, roten, von Freund Tassildar aus Pakistan auf dem Buckel im Flugzeug herbei geschafftem Afghanenteppich bewähren muss. Luise packt die Folterinstrumente wie Hanteln und Bleimanschetten aus, ich stöhne erstmals auf. Sodann holt sie ihr Notizbuch aus dem Rucksack. Hier hat sie aufgeschrieben, was sie heute mit uns machen will. Sie ist bestens vorbereitet. Ich bin skeptisch. 15 Mal hampeln wie ein Hampelmann, ist Luises erstes Kommando. „Sério – ernsthaft?“ frage ich. „Sim!“ antwortet sie ernst. Ich beginne zu hampeln, Aurora neben mir auch. Sie hat etwas Probleme mit der Koordination von Händen, Beinen, Springen, Klatschen. Luise hilft und tröstet sie. Bei mir geht das wie geschmiert. 15 Mal – kein Problem. „Und jetzt zur Erholung breitbeinig hinstellen und ein Gewicht zwischen den Beinen hoch und runter bewegen, bitte 15 Mal.“ Wir erhalten jeweils ein Gewicht, ich ein schwereres, Aurora ein leichteres. Und los geht es: „Um, dois, três …“ Kein Problem – noch. „Jetzt wieder 15 mal hampeln!“ – So macht sie das insgesamt im Wechsel 3 Mal, bevor die Übung wechselt. Nebenbei bemerkt sie, dass sie schon mit 9 angefangen hat, an einem Olympiatraining teilzunehmen. Man sieht es ihr an. Da ist kein großer Bauchmuskel wie bei mir.
Die nächste Übung ist schwieriger: Ich bekomme zwei Hanteln mit jeweils 5 kg in die Hand, Aurora nur 2,5 kg. Jetzt Arme nach vorne, 15 Mal Hanteln hoch bis an die Stirn und wieder in die Waagerechte. „Und los: um, dois, três …“ Ich beschließe, dass nach 12 die 14 kommt und bin darum etwas eher fertig. Sie meint aber, ich würde falsch zählen. „Ach so! Na ja, dann nächstes Mal.“ Diskutieren ist sinnlos. Beim nächsten Mal ist 13 und 14 nicht für mich bestimmt, sondern nur für Aurora. Bei 15 steige ich wieder ein und bin fröhlich fertig. Luise richtet ihre braunen Rehaugen sorgenvoll auf mich. Ich schäme mich.
Als Ausgleichsübung sozusagen zum Ausruhen dürfen wir uns auf den Boden legen und mit den Beinen in der Luft Rad fahren. Ich bin der festen Meinung, dass unser Herrgott unsere Beine nicht geschaffen hat, um damit in der Luft zu radeln, sondern auf dem Boden zu laufen. Also beginne ich mit Luise eine Diskussion über die göttlichen Absichten bei der Schöpfung meiner Beine. Luise ist so ganz und gar Lehrerin, wenn auch eine schöne, sympathische, rehäugige … (na ja, ihr wisst schon!) und lässt sich auf dieses Thema nicht ein. Ich muss im Himmel strampeln, was meinen Müsli-Bauchmuskeln arg zu schaffen macht. „Donnerschlag, ich hatte das doch noch gekonnt! Warum geht das jetzt so schwer?“ Ich klage, Luise und Aurora haben kein Mitleid. Und so geht es weiter mit Schummelversuchen – ich fühle mich an meine Schulzeit erinnert, wo ich auch lediglich für den Lehrer und nicht für mich lernte –, einigem Lamento, Verhandlungen um Erleichterungen etc. und mit sehr viel Lachen und Fröhlichkeit.
Beim letzten Mal haben wir uns dann noch über die Entstehung großer, schlaffer Bauchmuskeln gesprochen, also über Bier- oder Müslibäuche. Luise gab uns Ernährungstipps und merkte an, dass das Training bei ihr keineswegs das Verschwinden solcher Erscheinungen zur Folge habe, sondern nur regelmäßiges, strammes Laufen am Strand, mindestens 30 Minuten täglich bei erhöhter Geschwindigkeit. Das Nordic Working wäre schon in Ordnung, wobei sie davon keine Ahnung hat, weil ich bestimmt der einzige Mensch auf der Südhalbkugel unserer schönen Erde bin, der sich diesem Sport hingibt. Diese Bemerkung hat immerhin bewirkt, dass ich heute mit meinen Stöcken am Strand war, während Aurora sich bei der Hydrogymnastik verausgabte.
Am Ende der Stunde bin ich immer total erledigt, durchgeschwitzt und reif für die Dusche. Jeden Dienstag und Donnerstag kommt Luise. Montag, Mittwoch und Freitag geht Aurora zur Hydrogymnastik, so dass es ein Schlafen über 7 Uhr hinaus nur am Wochenende gibt. Da wird der Mensch zum Rentner und muss erstmals in seinem Leben jeden Werktag schon um 6 Uhr aufstehen, weil der Sport droht. Ich denke an Monis Rüttel-Trainings-Maschine, zu der sie immer zum Trainieren geht. Wäre es nicht möglich, so eine Rüttelplatte in mein Bett einzubauen. Dann kann ich dort liegen bleiben und während ich schlafe, rüttelt mich das Ding dünn und fit irgendwie.

Um dieses Kapitel zu beenden, muss es noch einen etwas traurigen Nachschlag zu Luise, die von unserem Schöpfer mit so vielen guten Eigenschaften ausgestattet wurde, geben. Sie hat nämlich einen genetischen Fehler, durch den ihre Niere sehr geschädigt ist. Das hat zur Folge, dass sie immer ein kränkliches Kind war und auch jetzt noch oft kränkelt und sehr auf ihre Gesundheit aufpassen muss. Also auch ihr wachsen die Bäume nicht in den Himmel und es kann passieren – wie letzten Donnerstag – dass sie nicht kommen kann, weil sie zum Arzt muss.

In Bezug auf Auroras Führerschein hat sich auch etwas getan, etwas sehr brasilianisches. Denn die Fahrschule, bei der Aurora den Verlust des Führerscheins gemeldet hatte und die dann von São Paulo eine Bestätigung, dass dort die Unterlagen vorhanden seien, angefordert hatten, hat sich bei uns gemeldet, dass von diesem Vorgang in São Paulo nichts bekannt sei. Damals gab es noch keinen PC und man hätte in ein Archiv – wenn es überhaupt sowas gibt – klettern müssen … Kurz: Wahrscheinlich muss Aurora noch mal ganz von vorne mit dem Führerschein beginnen. Ob sie das machen wird?

Angemerkt sei noch etwas über die Veränderung unserer Lebensbedingungen. Hier in Brasilien steigen die Preise ziemlich schnell. Wir rechnen mit einer Inflation von rund 10% in diesem Jahr. An und für sich ist das eine schlechte Nachricht, wenn nicht gleichzeitig auf Grund wenig staatstragenden Verhaltens der Präsidentin und des Parlamentes, die sich gegenseitig das Leben schwer machen, der Real noch schneller an Wert verlöre. Gerade vor zwei Tagen wurden wieder so schlimme Entscheidungen getroffen, dass der Real zum Euro 5%, zum Dollar fast 10% an Wert verlor. So wird das Leben trotz Inflation für uns billiger. Heute kaufte ich 1,4 kg bestes Rindfleisch zum Grillen, 0,8 kg Geflügelbratwurst und Kopfsalat für umgerechnet 14 Euro. Bei Ana ist der Preis für ein Mittagessen seit unserer Ankunft vor 1 ¾ Jahr von 14,50 Reais auf 16,50 Reais gestiegen. Dennoch bezahlen wir jetzt in Euro umgerechnet weniger als am Anfang. Für uns ist das sehr gut, aber für die Menschen in Brasilien ist das sehr, sehr schlecht. Die Armut nimmt zu.
Die Machtkämpfe zwischen Parlament und Präsidentin werden auf sozialem Gebiet ausgetragen, denn das Parlament unter Leitung ihres inzwischen wegen Korruption angeklagten Präsidenten erlässt laufend Sozialgesetze, deren Umsetzung sehr teuer ist. Die Präsidentin, die ja selber Sozialistin ist, jedoch eine Art Schäuble als Finanzminister hat, legt dann ihr Veto ein, um diese Ausgaben zu verhindern, obwohl sie vor der Wahl dem Volk anderes versprochen hatte. Es herrschen hier also griechische Verhältnisse. Vor 2 Tagen aber hat sie nicht auf ihren „Schäuble“ gehört, sondern die Maßnahme des Parlamentes unterzeichnet, also eine Menge Geld ausgegeben, das keine Deckung hat. Daraufhin sackte der Real ab. So ungefähr wäre es auch für Griechenland, wenn es nicht den Euro hätte.

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