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Sonntag, 26. Juli 2015: Freunde

Wir haben nicht nur Freunde in der Gemeinde, sondern auch Leute, die ansonsten hier leben und arbeiten. Da ist zunächst Mari, die wir zwar Freundin nennen und es für sie auch sicherlich sind, die jedoch auch für uns arbeitet. Wir haben sie gestern mal wieder besucht, weil sie erzählt hatte, dass es in ihrem Haus so schrecklich zieht. So war sie auch eine ganze Weile recht erkältet gewesen. Denn was im Sommer eine Wohltat ist, ist im Winter eher ein Fluch. Also sind Aurora und ich ausgerückt, um die Fenster im Haus von Mari abzudichten, so gut es eben geht. Ob es viel nutzt, kann ich nicht sagen, denn das Haus ist eigentlich nur eine Bretterbude mit etlichen Lochern und Spalten in den Wänden. Immerhin habe ich versucht, die Fenster abzudichten, was wegen ihrer Bauart nicht einfach ist. Da hat sich ein brasilianischer Ingenieur viel Mühe gegeben, eine Fensterkonstruktion zu ersinnen, die ein Abdichten nicht zulässt, weil man an die offenen Stellen nicht dran kommt. Gedichtet habe ich also nur den Zugang zu den offenen Stellen, durch die der Wind pfeift, und der Wind pfeift hier sehr oft ziemlich stark. Nebenbei haben wir dann noch Mari, die beiden Kinder Amanda und Wiliam gesehen und haben Hund und Katz gestreichelt.

In Maris Wohnraum Mari als der ruhende Pool
In Maris WohnraumMari als der ruhende Pool

Wiliam Amanda
WiliamAmanda

Am vergangenen Sonntag, also heute vor einer Woche, waren wir auch bei unserem neuen Freund Ceará eingeladen, seines Zeichens Metzger beim Schmit. Er schneidet uns immer die wunderbaren Scheiben Alcatra (so heißt hier das Fleisch für die besten Steaks) ab, meistens sind es 6 Scheiben, die zusammen knapp 2 kg ausmachen. Uns reicht das dann für mehrere Mahlzeiten. Ceará heißt eigentlich Antonio Robelho, aber alle nennen ihn Ceará, weil er aus dem Bundesstaat Ceará  kommt. Dieser Bundesstaat liegt auf Äquatorhöhe ziemlich weit im Nordosten Brasiliens, ist eine sehr arme Gegend mit wenig Arbeitsplätzen. Ceará hatte dort in einer Kleinstadt einst eine eigene Metzgerei, die jedoch Pleite ging. Daraufhin beschloss er – wie viele andere auch – in den reicheren Süden zu gehen. Hier in Bombinhas waren bereits Verwandte von ihm, so dass er hierher kam. Bei Schmit hat er dann eine gute Anstellung gefunden. Der Nachteil ist nur, dass er Montag bis Samstag von 8 – 20 Uhr arbeiten muss. Dafür bekommt er aber auch rund 2.300 Reais (= 650 €, für hier ein guter Lohn). Zusammen mit seiner Frau war er im Mai zu einem Churrasco bei uns gewesen.
Zunächst hatten wir den Gottesdienst besucht und waren danach zu ihm gefahren. Er wohnt ganz in der Nähe unserer Kirche, jedoch in einem ziemlich verborgenen Winkel, den wir erst lange suchen mussten, bis er uns dann auf der Hauptstraße aufgabelte und zu sich brachte. Er wohnt in einem schlichten Häuschen, das jedoch – im Gegensatz zu Maris Haus – ein Steinhaus ist, also schon eine Stufe besser. Erwartet wurden wir von ihm, seine Frau und ihrem Bruder. Gekommen war auch sein Kollege und Freund aus Schmits Metzgerei namens Venicio mit Familie. Venicio hat eine Frau, 3 Töchter, von denen zwei da waren, und einen Nachkömmling als Sohn, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das nicht der Sohn einer der Töchter ist. Venicio ist wohl länger zur Schule gegangen, denn er wusste sogar, dass Deutschland einstmals geteilt war, was hier auf höhere Bildung hinweist. Er hat sogar ein paar Semester Theologie studiert, war wohl auch engagiert in der Assembleia de Deus, einer sehr obskuren Sekte, die aus den USA hierher kam, hier stark vertreten ist und vor allem damit beschäftigt ist, Geld einzusammeln. Jetzt ist er aber nicht mehr dabei. Mit ihm über Theologie zu sprechen, ist nicht möglich, weil religiöse Themen tabu sind. Man könnte zu leicht jemanden verletzen … Wir kamen überhaupt nur darauf, weil Aurora nicht versäumte, meinen Beruf preiszugeben, was allerdings einerseits den Abstand zwischen den Gastgebern und mir auf Grund von Respekt vergrößerte, andererseits aber auch offensichtlich die Ehre, die ihnen nun zuteil geworden ist, indem wir miteinander befreundet sind, vergrößert. In der Regel bin ich sehr zurückhaltend bei der Nennung meines Berufes, weil das immer Folgen für den Umgang miteinander hat.
Ich bewundere Ceará, dass er nach Bombinhas umgezogen ist. Denn seine Kultur ist ziemlich anders als die hier vorherrschende. Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass er hier auf Schwierigkeiten stößt. Denn je weiter man in Brasilien nach Süden kommt, desto größer werden die rassistischen Vorurteile und Vorbehalte. Ihm und seiner Frau sieht man die Abstammung aus dem Nordosten Brasiliens an. Da sagte doch neulich die von uns geliebte Flavia, ein Kind aus dem äußersten Süden Brasiliens: „Letzten Sommer wurde hier viel von Kubanern geklaut!“ Auf Nachfrage musste sie allerdings zugeben, dass sie weder etwas davon gemerkt noch gesehen hatte. Sie hat einfach nur dummes Zeug nachgeplappert. Ich glaube, dass das hier in Südbrasilien ähnlich wie in Sachsen ist, wo es besonders viele Menschen mit rassistischen Vorurteilen und daraus resultierenden Ängsten gibt.
Das Ergebnis unseres Besuches bei Ceará war, dass wir jetzt also auch mit Venicio samt Familie befreundet sind. Demnächst werden sie uns alle zu Kaffee und Kuchen besuchen. Das trifft sich nämlich gut, dass Aurora dann nach Herzenslust Kuchen herstellen kann, wobei wir dann auch viele Esser haben. Denn selber sollten wir auf Grund von Fettleibigkeit eher vorsichtig damit sein.

Das Häuschen von Ceará Ceará und seine Frau
Das Häuschen von CearáCeará und seine Frau

In der Küche Venicio am Grill
In der KücheVenicio am Grill

Die beiden Freunde aus der Metzgerei zufriedene Gäste
Die beiden Freunde aus der Metzgereizufriedene Gäste

Zuletzt sei noch erwähnt, dass ich jetzt meine Deutschstunden in unserem Wohnzimmer halte, wo es wärmer und gemütlicher ist als in der Kirche. Außerdem kommt man hierher auf gepflastertem Weg und nicht über aufgeweichte Schlammpfade. In der letzten Stunde haben wir das Geburtstagslied: „Wie schön, dass du geboren bist!“ gesungen und gelernt. Ich singe vor und die Gruppe singt dann mit. Dann singt die Gruppe alleine. Dabei habe ich wieder festgestellt, dass das Mitsingen mit mir ziemlich schräg klingt. Als sie dann alleine sangen, habe ich den Grund dafür gemerkt: Sie sangen die Melodie zwar richtig, jedoch zwischen einer Quart und einer Quint tiefer. Als ich mich dann dieser Tonart angepasst hatte, klang es auch besser. Maura hat demnächst Geburtstag, und dann wollen wir ihr das Geburtstagslied singen.
Edemar war allerdings dieses Mal nicht dabei, weil er in Rio Grande do Sul war. Dafür aber kam die Enkelin von Maura aus Joinville dazu. Sie konnte zwar kein Deutsch, kann jedoch bedeutend leichter lesen als Maura, die wohl intelligent, jedoch mit nur geringer Schulbildung Probleme mit dem Lesen hat – wie viele ihrer / meiner Generation hier in Südbrasilien.

Deutschunterricht im Wohnzimmer
Deutschunterricht im Wohnzimmer

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