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Dienstag, 4. August 2015: Alltag

Da beginne ich gerne mit der besten Nachricht: Wider Erwarten hat São Paulo gemeldet, dass man die Unterlagen über den Führerschein von Aurora in den Tiefen des Archives gefunden hat und sie nun nach Bombinhas weiter geleitet hat. Denn von der Fahrschule hier kam diese erfreuliche Nachricht gekoppelt mit der Anweisung, die Erneuerung bitte innerhalb von 80 Tagen erledigt zu haben, weil sonst die Berechtigung dazu ihre Gültigkeit verliert. Das wird für uns knapp, denn Aurora will in den nächsten 3 Monaten noch zweimal nach São Paulo fliegen, weil es dort Verpflichtungen gibt. Sodann bekommen wir Besuch aus Deutschland und fliegen schließlich selber nach Südafrika. Also wird Aurora gleich anfangen. Am 14. August muss sie nun zunächst zur Augenuntersuchung. Das ist wie bei mir jener Ausflug zur psycho-technischen Untersuchung (siehe Erlebnisbuch, 10. Februar 2014). Allerdings braucht sie den ganzen Rest, den ich zu absolvieren hatte, nicht mehr zu machen, was ich etwas ungerecht finde. Wenn ihre Augen in Ordnung sind, dann beginnen für sie Auffrischungsfahrstunden in der Theorie. Inhalt dieser Unterweisung sind die Neuerungen in der hiesigen Straßenverkehrsordnung. Ich nehme an, dass man möchte, dass die Leute diese Neuerungen wenigstens mal gehört haben, weil hier sowieso niemand nach der Straßenverkehrsordnung fährt, sondern so, wie man es für richtig hält. Nach diesem Unterricht wird sie dann ihren Führerschein erhalten und kann dann mit den Auffrischungsfahrstunden, die vor allem psychische Abhärtung gegenüber Auto und Straßenverkehr bedeuten, beginnen. Irgendwie muss Aurora das Gefühl überwinden, nur dann Auto fahren zu wollen, wenn sich absolut niemand auf der Straße befindet und die Straße breit wie ganz Brasilien ist. Möge es ihr gelingen. Gerne würde ich sie dabei unterstützen, jedoch wird das vor allem darin bestehen, mich mit dem Führerschein zufrieden zu geben, ihr das Fahren nicht zuzumuten und ansonsten die Klappe zu halten.

Wir haben eine schöne Woche hinter uns. Luise hatte Urlaub und wir darum keine Gymnastik. Außerdem fiel eine Hydrogymnastik für Aurora wegen kaputter Pumpe aus, so dass wir sogar einmal unerwartet länger schlafen durften. Das war schön. Gestern nun war die Pumpe wieder heil, heute kommt Luise mit neuem Schwung und aus ist es mit Ruhe, Behäbigkeit und lange Schlafen.

Am vergangenen Dienstag hatte Maura ihren 65. Geburtstag. Da Maura Schülerin meines Deutschkurses ist, hatte ich mit den Leuten vorher das deutsche Geburtstagslied „Wie schön, dass du geboren bist“ ausgesucht und einstudiert. Es gab sogar eine grobe Übersetzung. Das haben wir zunächst zum Besten gegeben. Danach aber führte ich ein Interview mit Maura auf Deutsch, um den Leuten zu zeigen, wie gut Maura schon Deutsch kann. Nach einer Einführung durch mich auf Portugiesisch (meine erste öffentliche, dazu noch improvisierte Rede in dieser Sprache!) stellte ich also die Fragen und Maura antwortete.
„Maura, hast du heute Geburtstag?“ – „Ja!“ – „Freust du dich?“ – „Ja!“ – „Hast du alle deine Freunde eingeladen?“ – „Ja!“ – „und die haben dir alle gratuliert?“ – „Ja!“ – „Hat dir das deutsche Geburtstagslied gefallen?“ – „Ja!“ – na ja, und so weiter. Die Menschen waren begeistert und tobten auf den Stühlen, denn mit diesen fundierten Deutschkenntnissen nach so kurzer Zeit hatten sie nicht gerechnet. Ich selber bewundere Maura wegen ihres Vertrauens, von mir nicht in einen Hinterhalt gelockt zu werden.
Getroffen haben wir bei dieser Gelegenheit auch andere Freunde, wie das Pfarrersehepaar Krieger, also Gustavo und Ilonca, sodann das Ehepaar Edemar und Suzana Brose und einige alten Damen deutscher Herkunft. Das Schöne bei solchen Festen ist, dass sie nicht allzu lange dauern. Wir trafen uns gegen 19 Uhr und gegen 22 Uhr gingen alle heim. Ob das am Alter liegt, weiß ich nicht. Jedenfalls finde ich das gut und darum erträglicher, als wenn es endlos dauert und mit nichts anderem als Geschwätz gefüllt wird. Und das Essen war natürlich auch sehr gut, nicht übertrieben fein, sondern eher Hausmannskost und einfach in der Zubereitung. Ich denke, wenn Aurora im Februar 60 Jahre alt wird, dann haben wir jetzt eine Idee, wie wir feiern können. Die Kirche wird uns dazu sicherlich auch überlassen – wie für Maura.

Aufregung hat es auch gegeben, denn am vergangenen Donnerstag kam einer unserer Haus-Mitbewohner nachts gegen 2.30 Uhr von einer Party heim, krakelte in seiner Wohnung rum, packte die Klampfe aus, schlug etliche falsche Akkorde an und freute sich mit seinen Gästen lautstark über sich selber, das Leben und die Gemeinschaft. Aurora fuhr gleich aus dem Schlaf hoch, ich etwas später. Und da bekam ich einen Adrenalinstoß, denn diese Rücksichtslosigkeit war nicht die erste, die sich dieser ansonsten auf Stille sehr bedachte Mitbewohner leistete. Ich fahre raus aus dem Bett, renne aus der Wohnungstür, eine Treppe runter, donnere an die Wohnungstür des Nachbarn, brülle auf Portugiesisch (trotz der fortgeschrittenen Stunde!), dass er den Krach einstellen soll, wobei ich ihn gerne weiter beschimpft hätte, wenn mir die richtigen Vokabeln eingefallen wären. Klar wurde es danach recht schnell recht still. Nach 30 Minuten – ich konnte nicht mehr schlafen, weil zu viel Adrenalin im Blut kreiste – hörte man die Wohnungstür leise zugehen, der Besuch hatte sich verabschiedet. Und es herrschte danach wunderbare Stille. Der Nachbar vermied jegliche Begegnung mi t mir, verhielt sich aber erstmals rücksichtsvoll leise. Gestern später war er dann auch verschwunden. Selber war ich am anderen Tag recht unausgeschlafen, habe meine schlechte Laune aber nur ganz kurz ganz wenig an Aurora ausgelassen, die dafür aber Verständnis hatte. Eine Ehekrise wurde also nicht ausgelöst.

Ana Paula beim Puzzeln Ana Paula war auch wieder mal da. Sie kam mit ihrem Papa Paolo, der Sachen bei uns zu tun hatte. Ana Paula spielte zuerst am PC Puzzeln. Davon hatte sie bald genug, zog mich bei den Fingern und forderte mich auf: „Komm, Alemäo! Wir spielen jetzt was anderes!“ Ich wurde um Pferd und sie wollte auf mir reiten. Das machte ihr viel Spaß, besonders wenn ihr Pferd sie über Kopf abwarf. Dann lachte sie so richtig aus ganzem Herzen aus der Tiefe ihres kleinen Bauches. Jetzt weiß ich, wie sich mein ältester Bruder Frank fühlt, wenn er mit seinen Enkeln spielt. Das ist wunderschön, aber auch anstrengend für so ein altes Pferd wie mich.

Neue Reisepläne sind auch inzwischen aufgetaucht. Edemar Brose zeigt sich vor allem daran sehr interessiert. Ziel: Santiago de Chile. Er wäre dorthin geflogen, ich würde lieber wenigstens eine Fahrt mit dem Bus durch die Anden machen. Das muss der Mensch doch wohl mal gesehen haben, oder nicht? Es geht von Florianópolis aus ein Bus nach Santiago. Der fährt alle zwei Wochen und braucht 42 Stunden. Es geht um 0.30 los und man ist am nächsten Tag um 19 Uhr in Santiago. Da die Busse hier relativ komfortabel sind, kann man das vielleicht aushalten und wird mit herrlichen Aussichten belohnt. Die Kosten für eine Fahrt betragen knapp 120 Euro. Vielleicht wäre das eine Reise für den Januar. Doch müsste ich davon erst noch Aurora überzeugen, die allzu gerne daheim bei den Katzen ist.

Zuletzt sei noch wettertechnisch angemerkt, dass in den letzten Tagen viel die Sonne geschienen hat und die Temperaturen auf knapp 30° anstiegen. Ich pflege ja viel über das schlechte Wetter zu klagen und möchte darum auch mal anmerken, dass es nicht immer nur Bindfäden regnet. Bei einem Skype-Telefonat mit meinen Schwestern Ruthild und Monika wurde mir vermittelt, dass eben dieser für das Wetter von Bombinhas wenig schmeichelhafter Eindruck wegen meiner Klagerei entstanden sei.

Luise hat uns heute unter dem Kreuz wieder gezwiebelt!Luise
Luise hat uns heute unter dem Kreuz wieder gezwiebelt! (... hat die eine Figur ...)

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