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Mittwoch, 5. August 2015: Literatur

Zum Lesen habe ich recht viel Zeit. Besonders abends, wenn Aurora schon schläft, lese ich in meinem Kindle oder iPad mit einem Glas Cognac in der Hand bis ich selber so müde werde, dass die Buchstaben vor den Augen verschwimmen und das Sandmännchen seine Arbeit zur eigenen vollsten Zufriedenheit erledigt hat. Dann ist das Glas leer, der Kindle wird zugeklappt und ich drehe mich im Bett um und schlafe sofort ein, voll des guten Cognacs und des Gelesenen. Natürlich lese ich zu dieser Stunde keine Sach- oder Lehrbücher, sondern eher Romane. Dass dabei Tolstoi in den letzten Monaten eine ziemlich große Rolle spielte, hatte ich erwähnt. Nicht erwähnt hatte ich, dass ich davor mal eine Zeit lang richtig viel von Karl May gelesen habe. Der Grund war, nachfühlen zu wollen, was ich damals als Jugendlicher so faszinierend an ihm fand, dass ich ihn so intensiv las, bis ich in der Schule eine Ehrenrunde drehen musste mangels Lernens und Schlafens.

Die Bücher von Karl May sind Trivialliteratur. Das merkt man vor allem daran, dass das Ende bei aller Spannung immer voraussehbar ist: Er ist der große, deutsche Held, voller Edelmut und Menschenfreundlichkeit. Die Feinde sind niedergerungen und alles wird gut – wie bei Nina Ruge damals in „Leute heute“. Da mir heute das Ende klar ist, ist auch viel von der Spannung verloren. Spannung gibt es höchstens noch darin zu erleben, wie Karl May es denn dieses Mal anstellt oder welche „Zufälle“ ihm zur Hilfe kommen, damit alles gut wird. Denn als Schriftsteller hat er es in der Feder, jegliche Zufälle, und seien sie noch so unwahrscheinlich, entstehen zu lassen. Manchmal wird das geradezu grotesk, wenn z.B. der Held nach China reist, um dort einen Verwandten eines chinesischen Freundes zu suchen, von dem niemand weiß, wo er sich befindet. Und schon auf dem Schiff nach China hat er ihn gefunden, wobei der Verwandte natürlich reich und edel ist, womit sich alle Probleme lösen. Zu dieser konstruierten Wirklichkeit gesellt sich ein ebenso gewöhnungsbedürftiges Weltbild von Karl May. Er ist volkstümlich katholisch auf eine sehr kitschige Art. Es trieft aus seiner Frömmigkeit! Außerdem vermittelt er in geradezu peinlicher Weise ein Selbstbild für die Deutschen – er denkt sehr in Nationalitäten – das vor allem ausländischen Leserinnen und Lesern, die (und das hat natürlich Karl May noch nicht gewusst) auch noch das Dritte Reich im Kopf haben, wo diese guten, deutschen Eigenschaften konterkariert worden sind. Wegen dieses nationalistischen Denkens bleiben eine Menge nationaler Vorurteile, die im Werk von Karl May ihren Ausdruck finden: Deutsche sind fleißig, edelmütig, liebenswürdig, menschenfreundlich und fromm. Nicht ein einziger böser Deutscher ist in Mays Werk zu finden. Amerikaner sind geldgeil, Griechen hinterhältig, Armenier noch hinterhältigere Geschäftsleute, denen man besser aus dem Weg geht. Türken sind in der Regel in Ordnung und stehen den Deutschen nahe. Engländer sind schrullig, aber liebenswürdig, Russen sind wilde Naturgesellen usw. Interessant ist, dass Karl May einen Romanzyklus den Jesiden widmet, von denen wir im letzten Jahr so viel gehört haben, weil sie vom IS verfolgt worden sind. „Im Reich des Silbernen Löwen“ ist eine Folge von Romanen, in denen weniger gehandelt als vielmehr gedacht und gesprochen wird. Inhalt ist eine esoterische Philosophie im Sinne von Karl May, die er den Jesiden, den „Teufelsanbetern“, in den Mund bzw. Kopf legt. Diese Bände sind ausgesprochen langweilig, aber sie vermitteln ein sehr positives Bild dieses Volkes mit dieser Religion. Und in ihnen wird quasi der heutige Konflikt beschrieben, wobei – ich gestehe es – sich manche Vorurteile zu bestätigen scheinen, wogegen ich mich dennoch vehement wehre.

Genug von Karl May. Derzeit beschäftigt mich ein moderner, schwedischer Verfasser namens Jan Guillou, den ich noch aus meinen schwedischen Zeiten als Enthüllungsjournalist kenne. Er hatte damals heraus gefunden, dass Schweden einen eigenen Geheimdienst hatte, den zu haben die Regierung immer bestritt. So war er mir im Gedächtnis geblieben als strammer Marxist voller Wut gegen das Establishment. Heute nun ist er einer der bedeutendsten, schwedischen Romanciers, wobei er nicht nur viel Karl May gelesen hat (sagt er selber und zitiert Karl May auch ab und zu!), sondern auch sein sozialistisch-kommunistisches Welt- und Menschenbild in die Figuren seiner Romane überträgt. Ich lese die Bücher auf Schwedisch und genieße diese wirklich schöne Sprache. Das allein ist mir eine große Wonne! Was den Inhalt angeht, so vermute ich zwei Traditionen, die ihm zu Grunde liegen. Da ist zunächst Karl May in seiner oben beschriebenen Trivialität bis hin zum Kitsch. Da ist dann aber auch die Gattung der schwedischen Arbeiterliteratur, die einige hervorragende Schriftsteller hervorgebracht hat. Die vornehmsten Vertreter dieser Erzähltradition sind die beiden Literatur-Nobelpreisträger Eywind Johnson und Harry Martinson (1974). Darin werden einfache Arbeiter und Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten in ihren Lebensbedingungen, in denen sie sich zu behaupten haben, beschrieben. Das Milieu prägt den Menschen und umgekehrt. Das ist das Thema dieser Literatur. Freudsche Seelenanalysen spielen dagegen keine Rolle, auch keine Bewältigung von Traumatas oder Neurosen. Das wiederum weckt bei mir den Eindruck der Oberflächlichkeit. Jan Guillou z.B. beschreibt in einem Kapitel, wie die Hauptperson bei der Elefantenjagd den Tod eines Jägers durch einen Elefanten erlebt. Er beschreibt, dass der Tote ziemlich zermatscht aussah. Die Hauptperson findet das traurig, lässt ihn beerdigen und geht zur Tagesordnung über. Wenn ich da an meine eigene Reaktion denke, als ich bei einem Notfallseelsorgeeinsatz zwei vom Kran gefallene Arbeiter zu Gesicht bekam und was das in mir anrichtete, muss ich mich fragen, ob nicht Jan Gouillou ebenso trivial wie Karl May erzählt. Denn auch bei ihm in seinem Buch „Brobyggarna“ – „Die Brückenbauer“ sind die drei Hauptpersonen edel, gut sozialistisch (fromm), hoch intelligent, menschenfreundlich, stammen standesgemäß aus einer armen Fischerfamilie und sind Norweger, also – natürlich – keine Deutsche. Ihnen gelingt alles, sie machen alles immer richtig, haben wunderschöne, intelligente Frauen, die auch immer alles richtig machen, und bleiben gut und sozialistisch auch, nachdem sie stinkreich geworden sind, ein Reichtum, der ihnen geradezu in den Schoß fällt, weil sie so begabt und gut sind. Spannend daran ist höchstens, dass ein ganzer Teil der Handlung in Deutsch-Ostafrika um 1909 spielt, dem Geburtsjahr meines Vaters eben dort. Dennoch wirkt der Roman auf mich eher wie ein typischer Karl May: die Guten sind gut, wobei es kaum böse Menschen gibt – immerhin unterscheidet sich Guillou darin von Karl May. Dass es gut ausgeht, weiß man schon vorneweg, wobei die Hauptpersonen so sehr jenseits der von mir empfundenen Wirklichkeit stehen, dass sie geradezu unwirklich werden. Wie anders sind da doch die Bücher von Lew Tolstoi, in dessen Buch „Krieg und Frieden“ die Hauptperson Peter als ein Mensch in der ganzen Tiefe seiner fehlerhaften Menschlichkeit dargestellt wird, ein echter Antiheld und sehr sympathisch und lebensnah, selbst wenn er unsympathisch auftritt.

Jan Guillou hat auf der Grundlage dieses Buches weitere Folgebücher geschrieben, in denen die 3 norwegischen Brüder sich im 20. Jahrhundert bewähren müssen. Mit diesen Büchern will Guillou wahrscheinlich die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts auf- und durcharbeiten. Das kann man jetzt schon erkennen, denn ein Bruder bleibt in Norwegen, heiratet aber eine deutsche, adlige Feministin und ist dort edel und gut, einer ist in Afrika, wo er eine Schwarze Königstochter heiratet, und ist dort edel und gut. Der dritte Bruder schließlich ist schwul, heiratet einen englischen Lord, übernimmt nach dessen Tod Titel und Würden und ist dabei auch edel und gut.

Ich freue mich schon auf den nächsten Roman von Lew Tolstoi.

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