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Mittwoch, 12. August 2015: Katzengeburtstag

Heute hat die Hälfte der Bewohnerschaft von uns Geburtstag: Susi und Chico werden 8 Jahre alt. Ich habe ihnen angeboten, das nötige Katzenfutter für eine rauschende Katzen-Geburtstagsparty zu besorgen, wenn sie dann alle Katzen von Bombinhas, mit denen sie sich im Laufe der letzten 1 ½ Jahre angefreundet haben, einladen wollen. Auf dieses Arrangement haben sich die beiden dann eingelassen. Nur rächt sich eben nun, dass sie beide ausgesprochene Feiglinge sind und sich nicht vor die Wohnungstür trauen, also niemanden hier kennen. Selbst wenn Besucher kommen, suchen sie beide zunächst einmal geschützte Räume und damit das Weite. Manchmal kommt dann einer von ihnen herbei, weil ihn oder sie der Hunger treibt. So war es gestern, als plötzlich während unserer Turnstunde Chico mit seinem nicht ganz unbreiten Po (hat er von mir!) auftauchte und interessiert zusah. Luise fiel auch prompt auf ihn rein – das tun immer alle Frauen, wir Männer sind da gelassener – und pries seine Größe, Stattlichkeit und Schönheit. „Que liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiindo!!!!“ (na ja, wir wissen ja, wie das geht). Sie packte ihr Telefon aus und fotografierte erst einmal Chico von allen Seiten, denn so ein bastantes Vieh hatte sie in Bombinhas noch nicht gesehen. Selber hat sie einen braunen Dobermann von stattlichen 36 kg. Susi war ja früher auch schon mal beim Turnen dabei und hat sich alles angeschaut. Sie aber zog es dieses Mal vor, auf dem Bett zu dösen, wie sie das in der Regel ständig tut, wenn wir uns dort aufhalten. Ihre Heizdecke war ja nicht zugänglich, weil wir dort turnten.
Als wir vorgestern von Ceará und Venicio samt deren Familien Besuch bekamen, zeigte sich ebenfalls Chico einmal kurz, rannte in kauernder Stellung, den Bauch auf dem Boden schleifend wie eine Märklin-Modelleisenbahn (er wollte wohl nicht gesehen werden, was allerdings bei seiner Größe schwierig ist) zwischen den Beinen durch in die Küche, schaute nach dem Futter, fand keins und rannte in gleicher Haltung wieder zurück in sichere Wohnungsbereiche. Alle haben ihn gesehen. Die Frauen und Mädchen fielen fast in Ohnmacht vor Begeisterung und wir Männer verstanden darüber die Welt nicht mehr.
Die Geburtstagsparty wird deswegen ziemlich klein ausfallen und lediglich die beiden Geburtstagskatzen umfassen.

Die Katzen bereiteen sich mental auf den Geburtstag vor Susi
Die Katzen bereiten sich mental auf den Geburtstag vor

Ceará und Venicio, die beiden Metzgerfreunde vom Schmit, waren also bei uns zum Kaffee. Wir hatten zu 15 Uhr eingeladen. Da war der Kaffee fertig und alles vorbereitet. Nur kamen keine Gäste. Um 15.30 Uhr erfolgte ein Anruf von Venicio, dass seine Familie nicht kommen wolle, wenn er nicht dabei sei. Er aber habe noch einen Termin in seiner Kirche und käme erst nach 16 Uhr. Ob den Ceará nicht schon da sei. War er nicht. Immerhin läutete es pünktlich um 16 Uhr an unserer Haustür und Ceara kam mit Gil, seiner Frau. Beide hatten sich richtig schick gemacht. Ich gebe zu, dass ich angesäuert war, jedoch verflog diese Stimmung gleich, nachdem die beiden so freundlichen Menschen durch die Tür kamen und wir gleich vertraut miteinander waren. 30 Minuten später traf dann auch De (ausgesprochen: Dä, eigentlich Antonio), der Bruder von Gil, ein. Er ist von Beruf Maurer oder allgemein Handwerker, noch recht jung und sehr offen und sympathisch. Alle wurden mit Kaffee und Kuchen bedient. Ceará ist noch immer Alleinverdiener im Haus. Gil ist daheim. Das ist möglich, weil Ceará 6 Tage in der Woche 12 Stunden arbeitet. Das ist zwar gesetzlich verboten, aber wir wissen ja, wie Gesetze hier funktionieren. Damit er nicht vor Gericht zieht, wird er dafür gut entlohnt. Seine Frau allerdings bekommt er kaum zu sehen. Ähnliches gilt für Venicio, seinen Kollegen, der mit seiner Familie gegen 17 Uhr eintraf. Dieses Mal hatte er seine jüngste Tochter mitgebracht, die sich vor allem des kleinen Bruders Samuel, des Nachzüglers, annahm. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert, als sich meine ältere Schwester Eva-Maria auch meiner annahm, weil die Mutter beschäftigt war. Samuel ist erst 2 Jahre und 4 Monate alt, sieht aber aus, als wäre er mindestens 3 ½ Jahre alt. Es wurde dann noch ein munterer Nachmittag und Frühabend bei Kaffee und Kuchen. Venicio ist in der Assembleia de Deus, einer Pfingstkirche, engagiert und hat mich am Ende des Besuches dorthin eingeladen. Ich bat ihn um Verständnis, das aus sprachlichen Gründen nicht machen zu müssen. Mir reicht es, wenn ich eine Stunde bei unserem Gottesdienst, von dessen Predigt ich wenig verstehe, dabei bin. Da brauche ich mir nicht 2 – 3 Stunden in einer mir fremden Kirche anzutun. Dafür hatte er dann Verständnis. Es war ein lustiger Nachmittag und ich spürte, wie mich Ceará, der immer wenig redet, die ganze Zeit musterte und mitleidige Augen bekam, weil er verstand, wie wenig ich von dem verstand, was da vor sich ging. Mir macht das eher wenig aus. Dass ich zwar einen ganzen Teil verstehe, jedoch nie sicher sein kann, auch alles richtig mitzubekommen, ist mir inzwischen nicht so wichtig. Wenn ich mal zu Worte komme – was eher selten ist, dann kann ich immerhin meine Sätze formulieren, was allemal einfacher ist, als dem Gesprächsfluss zu folgen. Denn die Leute hier sagen von den Worten und Sätzen immer nur so viel, dass ein Eingeborener es gerade noch versteht. Halbe Worte und Sätze werden unterdrückt, nicht ausgesprochen. Wie lange muss man hier leben, um wirklich mitreden zu können?!?! Hinzu kommt, dass es Aurora versteht, innerhalb weniger Minuten der Mittelpunkt des Gespräches zu werden – so wie ich in Deutschland. Dann kann sie sprechen wie ein Wasserfall. Da bleibt auch keine Zeit, mir vielleicht mal ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Immerhin bekam ich einen Teil des Gesprochenen mit, machte auch hin und wieder eigene Bemerkungen und kümmerte mich ansonsten um das leibliche Wohl der Gäste. Gegen 18.30 Uhr gingen sie dann alle nach Hause.

Am Kaffeetisch Die Geschwister mit der Bilderbibel
Am KaffeetischDie Geschwister mit der Bilderbibel

In Erstaunen versetzt mich derzeit auch unsere finanzielle Situation. Das ist ein eigentlich seltsames Ding, dass wir finanziell immer besser da stehen. Ich habe mal nachgesehen, wie der Kurs des Real zum Euro stand, als wir unseren letzten Bombinhas-Urlaub gemacht haben. Das war im Februar 2013, also vor reichlich zwei Jahren. Damals wechselten wir 800 Reais für 350 Euro. Heute müssen wir für diese 800 Reais nur noch 205 Euro bezahlen. Die Inflation in dieser Zeit war höchstens 5%. Sie zieht erst jetzt, nachdem der Real so dramatisch an Wert verlor an. Für die Preise von Importware ist diese Entwicklung natürlich verheerend. Aber das meiste, was hier konsumiert wird, ist brasilianisch und die Preise brasilianischer Produkte auf dem Weltmarkt sinken. Der Grund für diese Geldentwertung ist vor allem, dass die Verschuldung Brasiliens in den letzten Monaten stark zugenommen hat, auch wenn viele Sozialleistungen gestrichen oder gekürzt worden sind und der Staat spart. Zum Ausgleich wird die Notenpresse angeworfen und mehr Geld gedruckt, was die Kurse purzeln lässt. Es wird nicht mehr lange dauern, dass wir für einen Euro ganze 4 Reais erhalten, was für uns gut ist, weil ja mein Ruhestandsgehalt in Euro ausgezahlt wird. Auroras brasilianische Rente allerdings bleibt dieselbe, wird nur jährlich inflationsbereinigt. Gestern nun habe ich z.B. 2.5 kg Rindfleisch für Gulasch eingekauft und dafür 32 Reais bezahlt. Das wären im März 2013 noch 15 Euro gewesen. Jetzt sind es noch 8 Euro. Bei dieser Preisentwicklung ist es inzwischen erheblich billiger geworden, hier zu leben als in Deutschland, selbst bei einer Versorgung durch Aldi oder Lidl. Wenn wir also noch etwas aus Deutschland brauchen, dann nur wegen der Qualität wie z.B. Schokolade oder weil es das hier überhaupt nicht gibt wie Gelatine zum Marmeladekochen. Hier werden die armen Früchte noch immer stundenlang mit viel Zucker gekocht, bis sich das Wasser verflüchtigt und ein „Schmier“ entstanden ist. Es schmeckt auch so, wie es heißt: „Schmier“, eine süße Masse ohne Fruchtaroma.

Noch eine Frage zum Schluss: Wer ist eigentlich jener alte Herr, der mich jeden Tag aus dem Spiegel in unserem Bad anschaut? Ich kenne ihn nicht, obwohl er sich genauso anzieht wie ich. Aber mal ehrlich: In diesem Lebensabschnitt ist der Verfall des Leibes die einzig verbleibende, biologische Aufgabe des Menschen. Nur hinkt die Selbstwahrnehmung diesem Prozess weit hinterher. Ich werde wohl öfters meinen Mut zusammen nehmen und in den Spiegel schauen, damit ich verstehen und einschätzen lerne, was andere Menschen von mir zu sehen bekommen.

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