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Mittwoch, 19. August 2015: Merkel

Es ist kurz vor 6 Uhr. Wir müssen gleich aufstehen, weil Aurora wieder in ihre Hydrogymnastik muss und darum das Frühstück schon um 6.30 Uhr auf dem Tisch stehen muss. Bevor ich aufstehe, schaue ich immer noch in meinem iPad nach, was es Neues gibt. Emails werden gelesen und die Nachrichten in ARD und ZDF online ebenfalls. Und da lese ich, dass sich Frau Merkel mit einem Teil des Kabinetts auf den Weg nach Brasilia machen wird, um Dilma zu treffen. Im Gefolge hat die Kanzlerin alle 3 CSU-Minister, also auch den von mir verehrten Herrn Müller, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, aber auch andere wie Frau Hendricks und den Herrn Steinmeier. Vormittags befasst sich die Kanzlerin noch mit Griechenland. Dann steigt sie wohl ins Flugzeug und morgen ist sie dann hier. Das Land, das sie dann antrifft, ist auch nicht viel anders als Griechenland. Wir haben eine ausufernde Bürokratie, eine viel zu große Beamtenschaft, die sich letztlich nur durch Korruption ernähren kann, wozu sie wieder die Bürokratie braucht. Denn je mehr Entscheider es gibt, desto mehr Korruption ist möglich. Gemeinsam mit Griechenland ist uns auch die niedergehende Wirtschaft und dass die Opposition nicht in der Opposition sitzt, sondern im Regierungslager selber. Das Parlament, in dem die Koalitionsparteien zwar die Mehrheit haben, um eine Regierung zu führen, bekämpfen sie sich untereinander und gemeinsam gegen die Präsidentin, wodurch eine Regierungsarbeit zu Gunsten des Landes verhindert wird. Im Gegensatz zu Griechenland aber gibt es hier keine EU, die der Regierung auf den Füßen steht und Ergebnisse und Reformen verlangt. Zwar gehen die Brasilianer derzeit fleißig auf die Straße, um gegen die korrupten Streithähne in der Regierung zu demonstrieren, jedoch wäre sicher, dass sich auch bei einer Auswechslung der Personen im Prinzip nichts ändert, wenn nicht das System von Grund auf erneuert wird. Denn Korruption hat es auch früher gegeben, als andere Menschen aus anderen Parteien das Land regierten. Der Patient Brasilien ist schon im Ansatz, in der Verfassung, krank.

Damit bin ich wieder mal bei Luise, unserer Trainerin. Gestern hat sie uns wieder gezwiebelt, so dass heute im Trizeps und den Oberschenkeln der Muskelkater sitzt. Nebenbei packte sie auch ihr Asthmaspray aus. Ja, sie habe seit ihrer Kindheit Asthma. Und nun bin ich am Sinnen: Ist es nicht mit Luise so wie mit Brasilien? – Beide sind attraktiv und wirklich schön. Beide sehen von außen wunderbar gesund und durchtrainiert aus. Beide aber sind auch seit Geburt krank, haben Gendefekte, Geburtskrankheiten und müssen ständig Medizin nehmen. Wenn man von außen schaut, nimmt man nur die Attraktivität wahr. Wenn man sich dann aber näher auf Luise und/oder Brasilien einlässt, werden sehr schnell die Fehlfunktionen erkennbar. Aber für beide gilt auch die Erfahrung, dass behinderte Kinder besonders geliebt werden. Behinderte Kinder sind Herzenskinder. Meine älteste Schwester Christel kann das sicher bestätigen. Ich kann mir vorstellen, dass auch Luise von allen Menschen, die für sie wichtig waren – ihre Eltern und ihre Familie – sehr geliebt wurde, denn sie strahlt ein durchaus in sich gefestigtes, ruhiges, gesundes Selbstvertrauen ohne Überheblichkeit oder Arroganz aus. Und sie gibt auch viel davon zurück, was ihre Beliebtheit mit Sicherheit noch weiter steigert. Ebenso ist es mit Brasilien, dem überaus attraktiven und doch so behinderten, von allen geliebten Land, von dem unwidersprochen behauptet wird, dass Gott Brasilianer sei. Aurora hat als Brasilianerin in Deutschland einen ganz anderen Stand, als wenn sie Türkin wäre. Dass Brasilien ein gutes Ansehen in der Welt haben, wissen auch die Brasilianer und sind darum durchaus selbstgewusst, ohne den Zwang zur gewaltsamen Selbstbehauptung. Sie lieben Brasilien, ziehen sich gerne in den Landesfarben an, können dann aber auch ebenso gerne ihr Land, von dem sie wissen, dass es nicht richtig funktioniert, hart kritisieren. Die Demonstrationen vom letzten Sonntag zeigten das sehr deutlich.

Heute also besucht das halbe Kabinett unter der Bundeskanzlerin dieses Land. Leider hat sie keine Möglichkeit und sicherlich auch keinen Willen, bei der Reformation des Landes ähnlich wie in Griechenland mitzuhelfen. Schade! So wird es hier so bleiben, wie es bisher auch war: ein krankes, behindertes Land von großer Schönheit und Attraktivität, das zugleich geliebt und kritisiert wird – bis zum Exzess.

Wieder haben wir neue Leute kennen- und lieben gelernt. Darunter ein pensioniertes Pfarrersehepaar, das akzentfrei Deutsch spricht, wobei beide Brasilianer sind. Mit ihnen werden wir sicherlich guten Kontakt behalten. Ebenso haben wir Besuch bekommen von jenem Ehepaar aus Balneário Camboriú, unserer nächstgrößeren Nachbarstadt, das wir auf dem Bahnhof in Mannheim kennengelernt hatte, als wir im Juni dort auf dem Weg nach Stockholm unseren Zug verpassten. Er ist Architekt und beide sind sehr feinsinnige Menschen. Auch mit ihnen werden wir sicherlich guten Kontakt halten.

So füllt sich unser Terminkalender, so dass es mir jetzt schon fast zu viel wird. Kein Tag vergeht ohne eine Menge Termine. Gestern waren wir wegen Aurora bei einem Orthopäden in Balneário Camboriú. Die Anreise dauert 1 Stunde, die Rückreise ebenso. Der Doc hat Aurora dann in eine nahe gelegene Poliklinik überwiesen, wo diverse Untersuchungen stattfinden sollen. Dort wurde uns mitgeteilt, dass sie 12 Stunden nichts gegessen haben darf und dazu noch ein Abführmittel genommen haben soll. Also werden wir nach Einhaltung dieses Programmes demnächst wieder dorthin fahren, die Untersuchungen machen lassen, dann wieder einen Arzttermin vereinbaren usw. Alles dauert sehr lange und ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Da hatten wir es in Deutschland viel leichter, wo die Ärzte die Apparate in ihren Praxen haben oder in der orthopädischen Ambulanz im Nordwestkrankenhaus von Frankfurt, das von unserem Haus aus in 5 Minuten mit dem Auto zu erreichen war, alles innerhalb von 2 Stunden erledigt war.

Gerade kommt Aurora von der Hydrogymnastik und meldet, dass Reginaldo und Maura für nächstes Jahr zusammen mit uns eine 5-tägige Reise nach Maranhão plant. Maranhão ist ein Bundesland Brasiliens, das auf Äquatorhöhe am Meer liegt, also im hohen Norden. Dort befindet sich eine einzigartige Landschaft, nämlich dem Nationalpark Lençóis Maranhenses, einer Sanddünenlandschaft mit hohen Bergen und Süßwasserseen dazwischen. Die Hauptstadt von Maranhão ist São Luís, das bei uns im vorigen Jahr einmal in der Überlegung zum Übersiedeln stand, als wir so sehr unter dem Lärm von Bombinhas litten. Hier gibt es ein SESC-Hotel, ähnlich dem, das wir im Pantanal besuchten. Die Innenstadt von São Luís ist Weltkulturerbe der UNESCO mit einer afrikanisch-kreolischen Kultur. Es leben dort doch 1 Millionen Menschen. Vor den Toren von São Luís liegt Brasiliens Weltraumbahnhof, auf dem es allerdings vor 2 Jahren eine schwere Explosion gab, die etlichen Menschen das Leben kostete und wohl auch das Ende der brasilianischen Weltraumpläne bedeutete.

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