4. Oktober, Dienstag, Zur Urwaldlodge

Die verlängerte Nachtruhe hat uns gut getan, denn Aurora ist ziemlich erkältet. Sie schlief schon um 19.30 Uhr ein und kam erst am nächsten Morgen wieder in ihren normalen Wachzustand zurück. Ich selber schlief auch noch vor 22 Uhr ein mit demselben Ergebnis. Auroras Erkältung ist jetzt ziemlich weg, dafür hat mich der Schnupfen gepackt und ich tue auch gar manchen tiefen Schluck aus der Nase – sozusagen notgedrungen, weil ich nicht so viele Taschentücher zugänglich hatte. Erst die Frau, dann der Mann. Bei uns ist das die übliche Reihenfolge bei Erkältungen und triefenden Nasen.

Um 6 Uhr waren wir schon munter, denn heute sollte es in das Urwaldhotel gehen. Frühstücken und packen, dann auschecken und warten auf den Transport. Der kam auch pünktlich und nahm uns auf die 160 km weite Reise zum Hotel. Mit uns fuhr ein Ehepaar aus Österreich, das aber einen Tag länger hier bleiben wird. Sie sind auch schon viel in Brasilien herum gekommen und haben uns von ihrer Pantanal-Reise erzählt, bei der sie durch die nur in der Trockenzeit offenen Straße durch das ganze Pantanal gefahren sind, um an verschiedenen Stellen zwei Tage zu verbringen. Erstaunlich ist, dass die Straßen hier in Amazonien viel besser sind als bei uns in Santa Catarina. In all den Tagen bin ich über noch keine einzige Quebra-Mala (Federbrecher – ziemlich gemeine und hohe Schwellen quer über die Straße, die den Verkehr beruhigen sollen) gefahren. Bei uns in Santa Catarina, besonders in Bombinhas und Umgebung ist das undenkbar. Von uns in Bombinhas bis zur Autobahn, der BR 101, geht es unweigerlich über 19 dieser abenteuerlichen Autozerstörer. Hier war eine gut geteerte Landstraße, die uns bis zum Ziel brachte. Lediglich die letzten Kilometer, die schon auf dem Gelände der Lodge waren, wurde der Weg zu einem schmalen Waldweg.
Kurz vor 12 Uhr waren wir dann an der Lodge und wurden gleich freundlich begrüßt. Um das Gepäck mussten wir uns nicht kümmern. Wir fanden es später in unseren Zimmern wieder. Stattdessen wurden wir mit einem einheimischen Saft begrüßt und es wurden uns die Räumlichkeiten der Anlage erklärt. Jeder erhielt einen Tagesplan mit den Exkursionen der jeweiligen Tage. Das verspricht, spannend zu werden. Gleich heute Nachmittag sollte es eine Angeltour zum Piranha-Angeln geben. Angeln mag ich nicht, aber mitfahren wollten wir dennoch.
Bis dahin aber gab es zunächst Mittagessen. Das bestand aus einem Fischgericht mit einem aus dem Rio Negro geholten Fisch. Ich habe diese Art von Fischen noch nie gegessen und fand ihn ausgesprochen schmackhaft. Noch spannender waren die hiesigen Ananas, die ebenfalls etwas anders schmeckten als die, die ich sonst kenne. Wir waren also hoch zufrieden mit diesem Mittagessen.
Nach dem Mittagessen gingen wir in unser Chalet, in dem Inha auf der einen Seite und wir auf der anderen Seite wohnen sollten. Die Zimmer sind groß und sehr sauber. Dazu gehört ein großes Bad. Zum Wald hin ist eine kleine Terrasse mit einer Hängematte. Gleich dahinter beginnt der Wald. Das Zimmer ist klimatisiert und macht einen sehr schönen, gemütlichen Eindruck. Hier sollten wir also die nächsten Tage verbringen und machten zunächst eine ausführliche Siesta. Das Angeln war nämlich erst für 15.30 Uhr angesetzt. So begannen wir die Tour mit dem Guide João. Mit uns war außer dem österreichischen Paar noch ein spanisches Ehepaar. Mit einem kleinen Motorboot ging es los auf den Rio Negro. Der Rio Negro heißt so, weil er schwarz gefärbt ist. Das liegt nicht an Dreck, sondern an einer besonderen Zusammensetzung von Algen, Mikroben und sonstigem Zeug. So ist das Wasser blitzsauber trotz seiner Farbe. Und dass er deswegen nicht Rio Preto, also Schwarzfluss, heißt, ist nicht meinem Rassismus geschuldet, sondern eher dem eines anderen, wenn überhaupt. Er heißt einfach so. An der Stelle, an der das Hotel liegt, hat der Rio Negro seine größte Breite von 23 km. Nur kann man das vom Ufer aus nicht sehen, weil es in der Mitte des Flusses viele sehr lange, sehr schmale Inseln gibt, die die Sicht versperren. Lediglich aus der Luft lässt sich die Breite ahnen. So tuckerten wir also zunächst den Rio Negro aufwärts bis zu einer Einmündung eines kleinen Nebenflusses. Hier bogen wir ab und kamen an die erste Angelstelle. Angeln der einfachen Bauart wurden verteilt. Dazu gab es kleine Fleischbrocken und alle hielten wir die Angel in das Wasser, nachdem wir erfahren hatten, dass die Fische nach dem Angeln wieder zurück ins Wasser befördert werden. Wir lockten die Piranhas, riefen sie beim Namen, aber keiner kam. Dann überlegten wir, dass es wohl daran lag, dass es kein Bier gibt wie beim Angeln üblich – wobei der Spanier von Wein sprach. Schließlich fragten wir den Guide, ob es hier wirklich Fische gäbe, was er heftig bejahte, nur dass sie sich eben um diese Jahreszeit, die Trockenzeit, in ziemlicher Tiefe aufhalten, wohin unsere Angeln nicht kämen. Schließlich wechselten wir noch einmal den Angelort und dann – hurra! – zog wenigstens der Guide und der Bootsführer jeweils einen Piranha aus dem Wasser. Wir konnten ihn ausführlich bestaunen und fotografieren. Ich habe dann noch meinem Reiseziel des Pantanals nachgehen können, indem ich den Piranhas etwas über Zwischenfischlichkeit und über Frieden, Versöhnung usw. predigte. Nachdem das geschehen war, wurden die beiden Kerle wieder ins Wasser befördert. Sie tauchten auch gleich ab und wahrscheinlich gehen sie jetzt dort unten einem guten Werk nach und predigen ihrerseits den dort befindlichen Piranhas. Wenn wir in ein paar Jahren hierher zurück kommen, wird es hier sicherlich nur noch friedliche Exemplare von Piranhas geben, die nicht mehr so rücksichtslos alles fressen, was ihnen an beschädigtem Leben vors Maul gespült wird.
Während des Abendessens beschloss ich, den Abendausflug nicht mit zu machen. Der Grund ist nicht etwa Desinteresse, sondern eine stark laufende Nase, die mir jegliche Lust auf etwas anderes als das Schlafen nahm. Aurora aber und Inha sind mit gefahren. Es ging mit dem Boot raus auf den Rio Negro, um sich das dortige Konzert der Tiere anzuhören. Gerne wäre ich dabei gewesen, aber es ging einfach nicht. Mein Niesen hätte die Tiere bestimmt zum Verstummen gebracht und ich hätte die Gruppe gestört mit dem Schniefen und Rotzen. Möge es morgen besser werden.

Die Bilder aber des heutigen Tagen sind in der Fotogalerie zu finden.

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