6. Oktober, Donnerstag, Morgendämmerung und Besuch bei den Indios

Heute Nacht dachte ich, die Erkältung sei ausgestanden. Jedoch musste ich notgedrungen mit der 4. Klopapierrolle noch vor dem Frühstück beginnen, um mir mit dem seidenweichen Papier meine inzwischen zart gewordene Nase zu schnäuzen. Es ist keineswegs vorbei mit dem Schnupfen! Dennoch standen wir schon um 5 Uhr in der Rezeption, um eine Fahrt in den Sonnenaufgang zu erleben. Sowas hatten wir schon im Pantanal erlebt und es war ein grandioses Schauspiel gewesen. Wir fuhren mit dem Boot los an einen entlegenen Strand, wo wir ausstiegen und erlebten, wie sich in nur wenigen Minuten die Sonne hinter einer der vielen Inseln hervorhob, schnell wuchs und das Wasser in ein glitzerndes Gold verwandelte. Wenn es nicht einfach so Natur wäre, würde man es für kitschig halten, so schön war es. Die Bilder des Tages werden einen Eindruck davon wiedergeben.

Außer dem Morgenausflug standen noch zwei weitere Ausflüge auf dem Tagesprogramm. Ob ich das mit triefender Nase durchhalte? Jedenfalls bereitete ich mich auf den zweiten Tagesausflug vor. Es sollte in eine kleine Dorfgemeinschaft von Menschen am Amazonas gehen. Ehrlich gesagt hatte ich diesen Ausflug etwas gescheut, weil ich finde, dass solche Gemeinschaften keine Ausstellungsstücke sind, die dort lebenden Menschen schon gar nicht. Was würde uns erwarten? Der Guide, unser João, führte uns auf der Bootsfahrt dorthin ein. Er selber sei wie auch der Fahrer einer von den Menschen, die hier in solchen Siedlungen beleben. Sein Ursprung sei indianisch. Er habe auch nur einen Vornamen. Den Nachnamen habe er sich einfach nur ausgedacht und er heiße darum wie viele Brasilianer einfach da Silva. Nun ja, diesen Namen kennen wir von Lula, dem Expräsidenten, gegen den heute wegen Korruption ermittelt wird. Der heißt auch so. Nein, meinte er, man fühle sich nicht als Ausstellungsstück. Das liegt daran, dass das Leben dort ganz normal weiter ginge. Wir würden nicht mit Stammestänzen begrüßt oder so. Stattdessen bekämen wir am Ende die Gelegenheit, dort Handarbeiten der Frauen dieser Gemeinschaft kaufen zu können, womit wir einen Teil ihres relativen Wohlstandes begründen würden. Denn die Menschen hier gehörten nicht zu den Ärmsten der Armen. Das beruhigte wohl dann auch mein Gewissen.
Wir wurden bei der Ankunft von einem Mann, der gerade frisch gefischte Fische ausnahm und säuberte, und einer Frau begrüßt. Beide standen im Rio Negro. Die Frau wusch ihre Wäsche und ihre Tochter. Hinterher sahen wir auch, dass sie sich selber auch noch wusch. Sie wurde namentlich von unserem João begrüßt und hieß uns von ferne willkommen, wobei sie ihrer Tätigkeit weiter nachging. Wir kletterten zur Ansiedlung aus recht schmucken Häusern empor. Schließlich ist Trockenzeit und die Häuser müssen auf einer Höhe stehen, in der sie auch bei Hochwasser nicht überschwemm werden. Vorbei ging es an einem von Webervögeln und Aras besiedelten Baum zu den Häusern und den Gemeinschaftsplatz zwischen den Häusern. An einem großen Gemeinschaftshaus, in dem es später mal für Touristen Restauration geben soll, wurde noch gebaut. Damit waren die Männer beschäftigt. An einem weiteren Wohnhaus wurde ebenso noch gebaut. Eins aber sah schon sehr schmuck aus, weil es von Blumen und Pflanzen umgeben war. Erst auf den zweiten Blick sah man, dass keines der Häuser Fensterscheiben hatte. Die Fenster waren zwar angelegt, aber eben nicht verglast. Braucht man vielleicht hier nicht, wo es immer gleich war ist und man eher um eine gute Belüftung besorgt sein muss. Die Frauen sind für die Bepflanzung zuständig. Um die Häuser herum wachsen viele medizinische Pflanzen, mit denen die Frauen für die Gesundheit der Gemeinschaft sorgen. Ob sie auch was für Erkältungen und triefenden Nasen haben? Wohl nicht. Da hilft wohl nur Zeit, die ich hier nicht habe. Nachdem wir uns das angeschaut hatten und erfuhren, dass auch die Kinder von hier mindestens 8 Jahre in die Schule gehen und wie die Familien hier überleben, gingen wir hinter die Häuser und besuchten den Platz, an dem der Maniok verarbeitet wird. Maniok ist eine Wurzelknolle. Sie ist eigentlich sehr giftig und muss darum in einem sehr langwierigen und arbeitsreichen Prozess verarbeitet und genießbar gemacht werden. Die Arbeitsschritte wurden uns von João vorgeführt. Erst geschält, dann geraspelt, dann ausgepresst, bis der giftige Saft draußen ist. Dann wird die trockene Masse gesiebt und zu Maniokmehl verarbeitet. Auch der Bodensatz des ausgepressten Manioksaftes ist noch genießbar. Aus ihm werden Tapiocas, kleine, runde, weiße Maniokfladen, hergestellt, die ich derzeit jeden Morgen esse. Und irgendwie wird noch aus irgendwas ein alkoholhaltiges Getränk hergestellt, dass man sich aus Lebensqualitätsgründen hinter die Binde gießt. Wie das alles näher gemacht wird, weiß ich jetzt nicht, denn ich saß etwas abseits und war sehr damit beschäftigt, die neue Klopapierrolle mit Schnupfen zu verbrauchen. Ehrlich gesagt konnte ich kaum aus den Augen schauen. So schlimm wie heute war es in den vergangenen Tagen nicht gewesen.
Zuletzt gingen wir dann noch in den Laden, trafen dort auch einige der Frauen und zwei Mädchen, von denen die kleinere Isis hieß. Ich selber kaufte eins der berüchtigten Blasrohre, die ich schon als früherer Karl May Fan bewunderte. João machte uns vor, wie das funktioniert. Ich selber habe es noch nicht ausprobiert, weil meine Nase keine Beschäftigung mit weiteren Dingen zu ließ. Aurora kaufte noch ein Armband aus Asaí-Kernen und für die kleine Mabily kaufte ich noch einen Mini-Traumfänger, weil sie im Gegensatz zu mir nie träumt, bzw. nicht daran erinnert. Mit die Traumfänger wird ihr das vielleicht gelingen.
Danach ging es heim. Das war besonders gut für mich, denn ich war total erledigt. Und als ich dann in unserem Zimmer ankam, schlief ich so verschwitzt, wie ich war, auf dem Bette sofort ein. Einmal weckte mich noch Aurora, die das Mittagessen auf einem Tablett herbei gebracht hatte. Nachdem ich das gegessen hatte – ich glaube, ich habe es gegessen, denn so richtig erinnere ich mich nicht mehr – schlief ich weiter. Als ich aufwachte, war Aurora schon weg zum Nachmittagsausflug, den ich also ausfallen ließ. So hatten wir es auf der Rückfahrt heute von der Ansiedlung besprochen. Denn am Nachmittag solle es ein Ausflug zu den Delfinen geben, zu denen ich sehr gerne fahren würde. Aber Aurora meinte, dass wir die Delfine noch am Samstag bei dem Ausflug in Manaus träfen und ich also nichts verpasse. Noch einen Grund gab es, das Ausfallen des Ausfluges nicht allzu sehr zu bedauern, denn gegen 15 Uhr gab es ein sehr heftiges Gewitter mit starkem Regen. Ich weiß nicht, wie ich das mit meiner Rotznase überstanden hätte. So blieb ich also schlafend im Hotel, duschte mich dann und schreibe jetzt mein Tagebuch, bei dem der Tag also gegen 16 Uhr schon endet – jedenfalls für mich.

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