8. Oktober, Samstag, Auf dem Amazonas

Es ist heute der letzte Tag und der durfte einfach nicht einem Schnupfen zum Opfer fallen. Also raffte ich mich morgens auf und siehe da, es wurde im Laufe des Tages immer besser. Erstaunlich ist meine Beobachtung, dass der Schnupfen immer nachließ, wenn ich mich in einem Boot auf dem Wasser befand. Und auf einem Boot haben wir uns heute lange aufgehalten.

Der Ausflug begann pünktlich um 8.15 Uhr, als wir hier mit einem Kleinbus abgeholt wurden, um zunächst zu einer zentralen Sammelstelle und dann weiter mit anderen Menschen aus anderen Hotels zum Schiff, das unseren heutigen Tag dominieren sollte, gebracht wurden. Die Reiseleitung lag bei Francisco, einem älteren Herrn mit fröhlichem Gesicht. Wie sich später heraus stellte, studierte er einstmals Theologie an der lutherischen Universität hier in Manaus (dass es sowas gibt, wusste ich nicht einmal!), hat sich dann aber wohl um entschieden und ist heute Reiseleiter, aber immer noch ein lutherischer Reiseleiter. Er konnte auch ein paar Brocken Deutsch. Die Gruppe selber war sehr international. Da gab es etliche Chinesen, aber auch Amerikaner und natürlich auch ein paar Brasilianer. Ich selber war wohl der einzige Deutsche.
Die Fahrt ging los den Rio Negro hinauf. Das war eine ziemlich lange Fahrt, so dass ich zu meiner Genesung beitragen konnte, indem ich einfach einen Teil der Reise verschlief. Kurz vor Erreichen des Zieles war ich dann aber munter und war einer der ersten, die ins Wasser gingen, um mit Delphinen zu schwimmen. Die sollte es nämlich dort geben. Also schwamm ich raus und rief sie: „Delphine! Delphine! Kommt mal her, ich will mit euch schwimmen!“. Und während ich sie noch suchte, hatte sich schon eine Frau der Crew mit einem Fisch ins Wasser begeben und die Delphine waren schon um sie herum – und die anderen Schwimmer ebenfalls. Nur ich suchte noch ganz wo anders. Als ich sie dann erblickte, schwamm ich aber näher und kam sogar in Körperkontakt mit den Tieren, die ein wenig an Chico, unseren Kater, erinnerten. Der hat auch nichts anderes im Kopf als das Fressen. Und so drängten die Delphine die Menschen ab, wenn es um Futter ging. Sie fühlen sich fest und doch samtweich an. Ein Schlag mit ihrer Flosse könnte einem schon weh tun. Aber alles ging gut, Aurora machte Fotos wie eine Weltmeisterin und ich hatte meinen Spaß.
Danach setzten wir die Fahrt fort, einmal quer über den Rio Negro. In der Ferne tauchte schon ein großes Langhaus in natürlichen Materialien erbaut auf. Von ihm wusste ich, dass es dort eine Show geben würde. Auf dem Programm stand der Besuch eine Kommunität. Sowas hatten wir schon im Hotel erlebt, aber dieses war ganz anders. Die Indios hier haben eine Art Veranstaltungshaus an den Strand gebaut, abseits von ihren Hütten. Hier führten sie für Touristen was vor und verkauften im Anschluss indianische Handarbeit. Um Eindruck zu schinden, hatten sie sich angemalt und in ursprüngliche Gewänder gehüllt, bzw. auch nicht, denn die Frauen erschienen oben ohne und niemand sagte oder dachte sich was dabei. Das gehört eben dazu. Zunächst tanzten die Männer. Der Häuptling vorne weg, dann die Männer wohl nach Alter sortiert und zuletzt die Buben. Sie bliesen auf einem langen Baumstamm, stampften dazu mit den Füßen und liefen dabei durch den Raum, in dem wir Touristen rechts und links saßen. Sowas, meinte der Häuptling, machen wir bei den Initiationsriten 24 Stunden hintereinander. Heute waren es vielleicht 5 Minuten. Danach kamen die Frauen und Mädchen dazu. Jede schnappte sich einen männlichen Touristen und führte mit ihm den Tanz durch. Auf mich kam ebenfalls eine Frau zugelaufen, schnappte mich bei der Hand und hielt sie ganz fest, so dass ich mitgehen musste. Sie war ein ganzes Stück kleiner als ich, war im Gesicht hübsch angemalt und etwas schüchtern. Mit Energie hielt sie also meine Hand und ich stolperte hinterher. Welch ein Bild. Aurora wurde vom Häuptling selber abgeholt und mitgeschleift. Und so kamen wir in Bewegung. Zwei Schritt vor, drei zurück – oder umgekehrt – mal schräg, mal zur Mitte hin, egal. Ich wurde mitgeschleift. Am Ende des Tanzes verschwand meine Partnerin ganz schnell, um nach ihrem Kind zu sehen. Aber ich habe sie gefunden, habe mich noch ganz herzlich bei ihr bedankt und ihr gesagt, dass sie as gut gemacht habe und sie war glücklich. Später hat sie mir sogar noch hinterher gewinkt. Aber bevor wir gingen, kauften wir noch etwas ein. Die Arbeiten sind zwar zu nix gut, aber hübsch und nehmen kaum Platz. Und dann sahen wir noch ein junges Mädchen mit einem Faultier auf dem Arm. Ein solches Tier hatte ich noch nie gestreichelt. Ich durfte es kurz streicheln und das Mädchen mit dem Tier fotografieren. Beide waren sie allerliebst. Und die Kinder … etwas frech, denn zunächst schmissen sie mit Steinchen nach uns – aber unglaublich süß und fröhlich. Sie hatten bei dem Tanz engagiert mitgemacht und mancher gestandene Mann wurde von einer Göre von 5 Jahren mitgeschleppt, so wie ich von meiner Tanzpartnerin.
Ob das nun viel mit den Indios hier zu tun hat, weiß ich nicht, aber lustig war es allemal. Und so stiegen wir fröhlich wieder ins Boot und stachen in See – nein, in den Fluss. Nach kurzer Zeit stoppte der Motor. Panne. Reparatur und dabei eine so unglaubliche Schaukelei der Bootes, dass Aurora mir fast in den Hals gebrochen hätte. 15 Minuten später ging es weiter, aber nur wenig hundert Meter, dann wieder Stopp und Reparatur. Na, das kann ja heiter werden! Wir wurden doch zum Mittagessen erwartet. Selber angeln? Die Fische sind viel zu tief im Wasser, weil das Oberflächenwasser sehr warm war. Also machte ich den Vorschlag, meine gebrauchten Taschentücher ins Wasser zu werfen. Die sinken dann runter, die Fische stecken sich an, bekommen Schnupfen und keine Luft mehr und müssen darum an die Oberfläche, wo wir sie abfangen können, damit wir was zu essen haben. Das wurde zwar erwogen, jedoch würde man richtiges Essen vorziehen. Ich übrigens auch. Die zweite Reparatur zeigte aber offenbar Wirkung, so dass wir den Rest der Reise ohne Probleme überstanden. Dafür kamen wir erst gegen 14 Uhr zum Restaurant, wo man mit dem Essen auf uns gewartet hatte. Schnell schlucken, dann noch einen kleinen Ausflug aufs Land zu hohen Bäumen. Erstmals sahen wir auch einen Kautschukbaum, der Manaus den unglaublichen Reichtum eingebracht hatte. Dann ging es weiter den Rio Negro hinunter bis zur Mündung des Rio Salimões, wo die schwarzen, warmen Wasser des Rio Negro auf das ockerfarbige, kühlere und schneller fließende Wasser des Salimões trafen. Beide Flüsse fließen hier eine ganze Weile lang unvermischt nebeneinander und sind deutlich zu unterscheiden. Ich hatte das sogar einmal vom Flugzeug aus gesehen. So entsteht hier der brasilianische Amazonas, der beide sehr breite Flüsse vereint und dadurch selber zum breitesten Strom der Welt wird. Ich hatte ja einen Traum, einmal von Manaus nach Belem, wo die Mündung des Amazonas in den Atlantik ist, mit dem Schiff zu fahren. Aber das ist, wie wir hier erfuhren, eine sehr langweilige Fahrt, denn die Schiffe fahren meist in der Mitte des Amazonas, so dass man die Ufer nicht erkennen kann. Auf keinen Fall ist es möglich, an einer Stelle des Amazonas in Ufernähe zu fahren, um zum anderen Ufer herüber zu sehen. Mehr als das, was wir jetzt schon gesehen haben, gibt es auf der langen, 1.700 km weiten Schiffsreise auch nicht zu sehen. Darum ist diese Strecke auch touristisch nicht erschlossen. Wieder was gelernt!
Mit Volldampf ging es nun zurück nach Manaus, in die Kleinbusse und dann ins Hotel. Gegen 17 Uhr waren wir zurück und ziemlich kaputt. Aber der Ausflug hat sich gelohnt und wird noch eine Weile in uns nachklingen. Ich freue mich, dass ich ihn so gut geschafft habe. Mit Hilfe mancher Klopapierrolle ging es ganz gut und heute Abend ist der Schnupfen fast ganz weg. Das sollte er auch, denn nach einer kurzen Nacht müssen wir morgen sehr früh raus und zum Flughafen. Das Flugzeug geht schon um kurz nach 6 Uhr.

Die Bilder des heutigen Tages aber sind in der Fotogalerie und durchaus sehenswert.

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