9. Oktober, Sonntag, Nach Hause

Man könnte meinen, ich hätte den Abreisetag in meinem Tagebuch vergessen. Ganz so ist es nicht, aber ich habe das Schreiben darüber erst einmal hinten an gestellt, um gesund zu werden. Denn der Rückflug war noch einmal eine ziemliche Strapaze für meine Nase, die es vorzog, weiter zu laufen bis vorgestern Nachmittag, als sie endlich damit aufhörte, still stehen blieb und sich seitdem erlaubt, etwas abzuheilen.

Es gibt auch nicht viel zu erzählen von der Rückfahrt. Wir standen sehr früh auf, gegen 3 Uhr nachts. Um 4 Uhr nahmen wir schon das Taxi zum Flughafen. Das Flugzeug ging kurz nach 6 Uhr und flog uns direkt nach Guarulhos in São Paulo, wo auch schon eine Stunde später der Anschlussflug nach Navegantes nur wenig Flugsteige weiter abging. Es gab also kaum Wartezeiten und alles lief sehr glatt. Kurz nach 13 Uhr waren wir schon in Navegantes, holten dort unser Auto ab, fuhren los, kauften noch unterwegs ein und waren dann gegen 15 Uhr daheim. Chico schaute skeptisch um die Ecke, wer da wohl kommt. Susi ließ sich nicht beeindrucken und war dann auch gleich zur Stelle, als wir uns dann nach einer Verschnaufpause hinlegten. Alles war wieder gut. Die Katzen waren glücklich, nicht mehr alleine daheim zu sein. Wir waren glücklich, wieder daheim zu sein und ich war besonders glücklich, weil ich jetzt endlich Zeit hatte, meine Erkältung auszukurieren.

Was bleibt an Erfahrung von dieser Woche?
Die wichtigste Erfahrung ist einer Erfahrungserneuerung: Ich will einfach nicht mehr nach Manaus. Denn um sich einfach so draußen aufhalten zu können, ist es immer zu heiß. Die Temperaturen sinken nicht unter 28° nachts. Besonders mit Erkältungen aber ist das Leiden umso größer, je heißer die Temperaturen draußen sind und je krasser die Sonne auf einen herab brennt. Mit triefender Nase in der äquatorialen Sonne zu sitzen, ist ein Vorgeschmack zur Hölle. Das hatte ich einstmals in Indien so erfahren. Das war auch bei meinem ersten Manausbesuch der Fall und jetzt erst recht. Wenn man sich dann aber mit seiner triefenden Nase in klimatisierte Räume zurückzieht, wird die Nase nicht geheilt, weil der ständige, kalte Luftzug die Entstehung neuer Viren stark fördert. Ich weiß nicht, wie die Bewohner von Manaus mit Erkältungen und Grippe umgehen und wie sie sowas wieder los bekommen. Mir ist es jetzt zweimal nicht gelungen und darum Schluss mit Besuchen von Manaus.
Die zweite Erfahrung ist die, dass sich die teuren Urwaldhotels so nicht lohnen. Die Unterbringung ist zwar komfortabel, das Essen auch sehr gut gekocht, wenn auch nicht besonders variantenreich und die persönliche Betreuung dank des vielen Personals richtig gut. Aber die Ausflüge waren inhaltlich recht schmal ausgefüllt. Kein Ausflug war länger als 2 Stunden. Dabei gab es viele Wiederholungen, weil es wirklich Neues nicht zu sehen gab. Tiere waren trotz Regenzeit eher selten zu sehen. So blieb der Dschungel und die Natur des Rio Negro. Beides aber haben wir am letzten Tag auch bei dem eintägigen Ausflug von Manaus aus hinreichend mitbekommen.
Und die dritte Erfahrung war die, dass man seine Stadtbesichtigungen auf keinen Fall an einem Montag machen sollte, weil da wirklich alles, was sehenswert ist, geschlossen hat. Die Museen sind zu, die Kulturgebäude ebenso. Die Touristenausflüge sind sehr begrenzt und man kann eigentlich nur einen Bruchteil dessen machen, was man hatte machen wollen. Wir hatten für die Stadtbesichtigung von Manaus den Montag eingeplant und mussten folglich auf das meiste verzichten. Schade – besonders angesichts meines Ergebnisses aus der ersten hier beschriebenen Erfahrung.
Schließlich hatte ich noch ein Aha-Erlebnis in Bezug auf die hier lebenden Indios. Mir war bei meinem ersten Besuch bei den Indios in Manaus aufgefallen, dass die Menschen und die Kinder immer so ernst schauten und führte das auf den Mangel und die Armut der Menschen zurück. Es hat mir damals das Herz umgedreht, erinnere ich mich. Auch bei unserem jetzigen Besuch bei den Indios machte ich dieselbe Erfahrung. Alle, besonders die Kinder, schauten immer sehr ernst in die Kamera. Man musste sie richtig dazu auffordern zu lächeln, was ihnen deutlich schwer fiel. Man sieht es den Bildern auch an, wenn man es weiß. Dabei leiden diese Indios, bei denen wir waren, mit Sicherheit weder an Hunger noch an Armut. Es geht ihnen gut und sie leben mit wenig Arbeit das Leben, das sie sich wünschen. Ihre „Arena“ stand außerhalb des Dorfes am Strand. Kein Tourist gelangt ins Dorf. Dort leben die Menschen so, wie es ihnen gefällt. Nur zu den kurzen Touristenvorstellungen kommen sie an den Strand, ziehen sich merkwürdige Dinge an, machen ein paar Tänzchen, verkaufen ihre Handarbeiten und nach einer Stunde ist alles vorbei und sie gehen wieder zurück in ihr vor Einsicht geschütztes Dorf auf der hinter dem Strand liegenden Hochebene. Mit Sicherheit haben sie dabei mehr als 1.000 Reais verdient, was hier eine große Summe Geld bedeutet. Es gibt keinen Grund, ernst zu schauen. Und dennoch machen sie es. Ich vermute, dass ihre Kultur ihnen sagt, dass der passende Gesichtsausdruck vor einer Kamera ernst zu sein hat, wie wir meinen, wir müssten ständig vor der Kamera lächeln. Sogar wenn sie anfangs lächeln, machen sie vor der Kamera schnell ein ernstes Gesicht, das somit also nicht Ausdruck großen Leidens ist, sondern einfach nur dem entspricht, was diese Menschen vor der Kamera gerne zeigen möchten. Bei uns ist es bekanntlich umgekehrt: Selbst wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt, grinsen wir doch immer, wenn eine Kamera auf uns gerichtet ist. Gibt das nicht auch zu denken?

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