5. Mai, Donnerstag, Zu den Dünen

Wer glaubte, dass wir heute sehr viel länger hätten schlafen können, täuscht sich, was dem trauten Leser ja egal sein kann, uns aber nicht. Schon um 6 Uhr mussten wir aufstehen, um uns noch vor dem Frühstück in der Rezeption einzufinden, wo wir um 6.45 Uhr abgeholt wurden. Wir waren für den Bus, der insgesamt an 7 Stellen 20 Leute abholte, die erste Station und hatten also quasi auf nüchternem Magen eine Stadtrundfahrt von Hotel zu Hotel von einer geschlagenen Stunde vor uns. Immerhin sahen wir so einiges vom Strand und von der Stadt.
Zwei Dinge fallen mir vor allem auf: Da sind zunächst mal die Wohnviertel, die alle äußerst abweisend aussehen. Die Grundstücke sind von hohen Mauern umgeben. So läuft man durch die Gegend lediglich an Mauern vorbei. Wenn dann hinter den Mauern Wohnhochhäuser sind, kann man die bewundern, wobei sie nichts Besonderes sind. Ansonsten grauer Beton, bzw. besprühte oder angemalte Betonwände. Das ist in der Tat nicht besonders schön. Da der Bus etwas höher war, konnten wir aber manchmal über die Mauern schauen und sahen dabei manch ansprechende Hütte in ansprechendem Garten. Aber dennoch: Wir Deutsche haben genug von Mauern, glaube ich.
Das zweite, was auffällt, sind die vielen Kirchen der unterschiedlichsten Konfessionen. Also wenn ich Jesus wäre, würde ich zum Jüngsten Gericht nicht nach Jerusalem, sondern nach Brasilien gehen. In Jerusalem würden die meisten – vor allem Juden und Atheisten – sagen, dass sie die Ankunft Jesu nichts angeht. Die Moslems würden verlangen, dass man erst einen Drahtseilakt über ein Tal machen muss und nur die paar Christen würden dieses Ereignis begrüßen. Das gäbe also zunächst eine ungeheure Überzeugungsarbeit für den Weltenrichter. Hier in Brasilien ginge das ganz anders ab: Jesus kommt, die Leute fragen: „Kommt da Jesus?“ – „Ja, er ist da!“ – „Alles klar!“ Und dann treten die Leute an. Zwar gäbe es auch Streit, weil die Katholiken nach Maria Ausschau halten, die Reformierten nach den Regeln für das Gericht fragen würden, die Zeugen Jehovas erst mal die 144.000 vorschicken (wer sind die bloß?) und nur die Lutheraner wüssten sofort, dass sie sich ganz auf Christus und seine Gnade verlassen können. Nun mögen die frommen Christen einwenden, dass das nicht so zuginge, sondern ganz anders. Dem will ich nicht widersprechen, aber sie ob des Räsonierens wieder auf das Thema des Tages zurück zu führen, von dem ich wegen der vielen Kirchen abgelenkt hatte: Unsere Reise zu den Dünen.
Nachdem wir alle abgeholt hatten, ging es also los. Das Auffällige an der hiesigen Landschaft ist, dass der Boden aus reinem Sand besteht. Nun ist Sand kein fruchtbarer Boden. Dennoch war die Vegetation ausgesprochen üppig. Ein dichtes Pflanzennetz mit Bäumen und frischen, grünen Gräsern säumte die Straße. Zwischendurch wurden dann Sandplacken sichtbar. Dafür, dass man über Land fährt, gab es viele Häuser, meistens alleinstehende, kleine, sehr ärmliche Hütten, gebaut auf Sand, was man zwar laut Jesus eher nicht machen sollte, was zu tun den Menschen hier aber nichts anderes übrig bleibt. Ziemlich genau um 12 Uhr mittags kamen wir dann in unserer Pousada Buriti an. Diese Pousada ist eine wunderschöne Anlage mit einem kleinen Pool. Wir haben die Suite 29 mit einem geräumigen Wohnzimmer und einem ebensolchen Schlafzimmer. Pause bis 14 Uhr.

Anlage der Pousada BuritiEin kleiner See hinter der Pousada
Anlage der Pousada BuritiEin kleiner See hinter der Pousada

Das Wohnzimmer in der SuiteDieser Leguan wohnt auch hier im Hotel
Das Wohnzimmer in der SuiteDieser Leguan wohnt auch hier im Hotel

Erster Ausflug in mittäglicher Hitze. Empfohlen war Badekleidung und möglichst leichte andere Kleidung. Gut einschmieren mit Sonnencreme! Sonnenbrille (hab ich daheim vergessen), Fotoapparat, Badeschlappen und T-Shirt. So ausstaffiert warteten wir in der Rezeption auf unseren 4-Rad-Toyota, der uns durch den Sand fahren sollte. Doch der kam nicht. Gegen 14.20 Uhr fingen wir an zu reklamieren. Aurora trat von einem Fuß auf den anderen. Es gab tausend Entschuldigungen, aber kein Auto. Die Dame in der Rezeption suchte nun ein anderes Büro und dann schließlich mit 45 Minuten Verspätung – wir glaubten schon, es würde nichts – kam ein Ersatzauto. Eigentlich hätten darin mindestens 4 weitere Leute sitzen sollen. So aber waren wir alleine mit einem Reiseführer, der uns hervorragend begleitete. Start der Tour in die Lençóis. Zunächst durch die kleine Stadt, dann über einen Fluss, an dessen Ufer bereits 3 weitere Fahrzeuge warteten. Da wir nur so wenige waren, hatten wir die verlorene Zeit gut eingeholt und konnten jetzt mit einer abenteuerlichen Fähre über den Fluss setzen. Danach begann so richtig die Sandpiste, die mich sehr stark an ein Fahren im Hochschnee erinnerte. Zu Beginn hatte der Fahrer etwas Luft aus den Reifen gelassen und dann ging es los durch tiefe Rillen in einer Loipe, auf der zuvor schon hunderte Toyotas gefahren waren. Ich fühlte mich wie auf Broncos Rücken. Bronco, so sei dem Uneingeweihten verraten, war früher mein Pferd, mit dem ich gerne auch im Galopp um das Bad-Homburger Autobahnkreuz geritten bin. Durch die auf Bronco erlernte Technik war es mir möglich, ohne Rückenschäden die Holperpiste zu überstehen. Das Auto schlingerte rechts und links, hopste hoch, fiel in tiefe Löcher, fuhr durch Bäche, bis es schließlich am Rande der Lençóis ankamen. Dieser Beginn war vor allem dadurch erkennbar, dass sämtliche Vegetation aufhörte und sich vor uns eine unendlich weite Dünenlandschaft mit blendend weißen Sanddünen auftat. Das war schon ein sehr beeindruckender Anblick. Und als wir dann ausstiegen aus dem Auto, stellten wir fest, dass der Sand durchaus nicht heiß war, sondern angenehm unter den Füßen. Auch war er nicht besonders schwer gängig, sondern durchaus an vielen Stellen fest. Außerdem ging die ganze Zeit ein kühlender Wind, so dass man die Sonne in ihrer Intensität nicht spürte. So stiegen wir nach dem Aussteigen auf den ersten Hügel und sahen unter uns einen blau-grünen See, umgeben von den blendenweißen Dünen. Ich muss sagen, dass ich so etwas Schönes selten gesehen habe. Dieser Anblick muss den Vergleich mit dem Bryce-Canyon im Winter mit Schneekappen auf den Spitzen, oder mit dem Grand Canyon nicht zu scheuen. Das ist einmalig. Nach einer kurzen Einweisung liefen wir zum Wasser, dessen Temperatur wärmer noch als die Lufttemperatur war. Badespaß mit vielen anderen. Als ich aber mitten im See stand, hatte ich doch Sehnsucht danach, diese grandiose Landschaft ohne das typisch brasilianische Geschrei zu erleben und so gingen Aurora, der Führer und ich los durch die Landschaft zu stillen Seen, in denen ich badete. Welch eine verwunschene Landschaft, welch ein spiritueller Ort! Die grünen Seen zwischen den weißen Dünen und darüber der blitzblaue Himmel. Worte helfen hier nicht viel weiter. Das muss man gesehen und gefühlt haben. Die Fotos geben vielleicht einen kleinen Eindruck von dem wieder, was wir erlebt haben.
Am Ende dieses Ausflugs stand dann noch der Sonnenuntergang auf der höchsten Düne, den ich eher andächtig, die Brasilianer eher lautstark erlebten. Immerhin taten sich, als die Sonne den Horizont berührten, die meisten zusammen, fassten sich an den Händen und zitierten irgendeinen Sonnengesang. Sie waren wohl aus derselben spirituellen Gemeinde hierher gekommen, was auch ihren unglaublich vertrauten Lärm erklären würde, denn so brüllen keine Menschen rum, die sich nicht kennen.
Danach ging es auf demselben Weg zurück zum Hotel, wo eine Managerin des Reisebüros, das uns versetzt hatte, auf uns wartete, um weiter Entschuldigungen und Erklärungen los zu werden. Sie übernehmen jetzt den Rest des Programms. Ziemlich erschöpft und voller neuer Eindrücke kamen wir gegen 19.00 Uhr zurück ins Hotel. Abendessen, Tagebuch schreiben, Bilder anschauen und fertig machen und schlafen, denn ich war hundemüde. Schließlich wartet morgen wieder ein voller Tag auf uns.

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