6. Mai, Freitag, Auf dem Rio Preguiças

Heute ging es pünktlich los. Wir hatten schon gefrühstückt und waren dennoch bereits um 8.10 Uhr in der Rezeption, um uns für den heutigen Ausflug abholen zu lassen. Mit uns waren noch 6 weitere Bewohner der Pousada anwesend, die denselben Ausflug gebucht hatten. Es sollte zum Rio Preguiças gehen, einem Fluss, der durch die Lençóis teilweise parallel zum Meer verläuft, um schließlich im Atlantik zu münden. Schifffahren war also angesagt.
Übrigens muss ich noch nachholen zu erzählen, dass Lençóis so viel wie Betttücher heißt. Wir haben daheim ein „lençol“ auf unserem Bett. Da es sich dabei um ein Spannbetttuch handelt, ist es nicht so verknuddelt, sondern immer ganz glatt. Die Lençóis aber sind keine Spannbetttücher, sondern normale Betttücher und darum auch so wellig und verknuddelt. Weiß aber sind alle Betttücher, sofern man nicht farbige gekauft hat, die Aurora aber nicht so sehr schätzt.
Der nette junge Mann, der uns gestern schon begleitet hatte, kam pünktlich an, um uns abzuholen. Draußen standen schon aufgereiht eine Menge jener Autos, die uns gestern schon in die Lençóis gebracht hatten. „Steigen wir hier ein?“ war natürlich unsere Frage. „Nein,“ kam prompt seine Antwort, „wir laufen.“ Das hatten wir nicht gebucht und uns fiel schon was aus dem Gesicht, als er lachend hinzufügte: „bis zum Hafen 5 Minuten“. Na, das ging ja an, trotz aller Hitze, die schon um 8.20 Uhr herrschte. Am Hafen dann wartete schon ein Bootchen auf uns. Der freundliche Fahrer namens Francisco ließ uns einsteigen. Wir wählten die Sitze. Natürlich überließen wir die Plätze mit der besten Aussicht den Damen, die diese Aufmerksamkeit auch gerne in Anspruch nahmen. Als wir dann alle mit einem guten Gefühl saßen, begann Francisco, uns wegen der Balance des Bootes umzusetzen und man stell sich vor: Aus Gewichtsgründen wurde ich auf die vorderste Bank gesetzt auf den besten Platz, und Aurora neben mir. So war das Boot austariert. Die beiden Damen, die vorher dort saßen, kamen auf unsere Plätze. Ein wenig peinlich war es mir schon, aber die beiden nahmen es gelassen.
Los ging die Fahrt. Das Boot hatte einen ziemlichen Speed drauf, was auch nötig war, denn Francisco gab uns unterwegs einige Lektionen in Flora und Fauna rund um den Fluss Rio Preguiças. Palmenkunde gehört in Brasilien zum Allgemeinwissen. Hier gibt es eine Unzahl unterschiedlicher Palmenarten. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich vor allem in der Essbarkeit unterschieden. Von dieser Palme kann man das essen, von jener dieses, von der dritten wiederum etwas anderes, während die vierte ungenießbar ist. Außerdem sehen sie verschieden aus, sind verschieden anwendbar und zumeist attraktiv, was sicher der Wahrheit entspricht.
Sodann lernten wir viel über Mangroven. Die gesamte Uferzone ist von Mangroven bewachsen, so dass man zumeist gar nicht sehen kann, wo das Ufer wirklich ist, weil die Blätter der Mangroven bis auf die Wasseroberfläche reichen. Mangroven wurzeln im Wasser. Da das Wasser mal höher, mal tiefer steht, stehen die Wurzeln der Mangroven oft im Freien. Der Stamm begann vielleicht einen Meter oder gar höher über der Oberfläche. Das macht natürlich die Pflanze ziemlich wackelig, so dass sie weiteren Halt braucht. Den verschafft sie sich dadurch, dass sie Luftwurzeln von ihren Ästen und Zweigen bildet, die runter ins Wasser wachsen, sich dort verwurzeln und dem Baum zusätzlichen Halt geben. Wir staunten nicht schlecht, dass die riesigen Mangrovenbäume teilweise aus 15 m Höhe Luftwurzeln nach unten schickten, um sich auf diese Weise Halt zu verschaffen. Klever gemacht, denke ich.
Noch was Besonderes ist mit den Mangroven. Sie haben wunderschöne Blüten. Die Staubfäden sind farbig und fallen in einem breiten Fächer auseinander. Jede Blüte sieht so aus wie ein Strauß. Francisco holte eine geschlossene Blüte von einer Mangrove runter, schnitt ein wenig daran herum, gab sie dann Reginaldo mit der Anweisung, Maura am anderen Ende ziehen zu lassen. Sie tat es und bekam auf diese Weise einen ganzen Strauß mit farbigen Blütenstängeln in die Hand. Welch eine Freude, die sich zweifellos in Mauras Gesicht spiegelte. Darüber war ich so begeistert, dass ich mir lautstark dasselbe für Aurora wünschte. Und da ich auch gleich ein Gesicht dazu machte, als wenn ich gleich weinen müsste, bekam Aurora den zweiten Stängel und ein ebensolch freudiges Gesicht. Man sehe sich mal die Fotos an, die ich heute gemacht habe. Dann wird man das sehen.
Aber selbst mit dieser Besonderheit ist es nicht getan, denn die Mangroven haben noch mehr Tricks auf Lager. Sie haben lange, schmale Früchte mit einer Spitze unten dran. Die hängen von den Bäumen herunter. Wenn sie reif sind, fallen sie ab und bohren sich durch Wasser und Sand bis in den schlammigen Grund. Manche Früchte aber bleiben schon vorher im Wasser oder Sand stecken. Und da kommen sie auf eine Idee: Sie legen sich waagerecht und beginnen, kurz hinter der Spitze ihr schwammartiges Gewebe mit Wasser zu füllen. Dadurch wird die Spitze immer schwerer, senkt sich mit der Zeit ab und versinkt durch den Sand rein in den Schlamm, wo die Frucht austreiben kann. Nichts geht hier also verloren. Die Mangrove ist echt gut drauf. Und bei ihr sind dann auch noch eine Menge von Tieren, die allesamt rot sind. Da gibt es Vögel, die sich von den Mangroven ernähren und rot sind, aber auch Krabben, die diese Farbe haben. Wir haben auch davon einige gesehen.

Als erste Station steuerte nun das Boot eine Bewirtungsstelle an, die am Rande der „kleinen Lençóis“ lag. Gestern waren wir in den „großen Lençóis“. Das Besondere hier war das Vorhandensein von kleinen, ziemlich frechen Affen, putzige Tierchen, uns ähnlich und vor allem schwer hungrig. Hier kauften wir ein wenig Souvenirs ein, tranken eine Kokosnuss und badeten in einem See zwischen den weißen Sanddünen.
Dann ging es weiter zur nächsten, weitesten Station, wo wir zu Mittag aßen. Hier war eine schmale Stelle, die den Fluss vom Meer trennte, so dass wir auf dem Fluss ankamen, aber bis zum Meer gut laufen konnten. Zur Abwechslung gab es hier also ein Schwimmen in Meer. Aber welch ein Unterschied zwischen dem Strand in Bombinhas, zwischen grünen Bergen gelegen, und dem Strand hier. Das Land ist sehr flach. Soweit man sehen kann, gibt es nur Sand. Die Wellen waren recht hoch, so dass ein Schwimmen nicht möglich war. Aber schön war es dennoch.
Das Schönste aber kam danach, denn nach all dem Stress mit dem frühen Aufstehen, den vielen Fahrten und der wenigen Zeit zur Erledigung privater Dinge wie Tagebuchschreiben gab es jetzt eine längere Mittagspause und eine Reihe von Hängematten, die sanft unter einem Palmendach wippten und zum Ruhen einluden. Diese Einladung nahmen Reginaldo und ich gerne an und ich habe geschlafen, bin nur vom eigenen Geschnarche ab und zu aufgewacht. Welch eine Erholung hier in der Hängematte im kühlenden Wind etwas geschaukelt schlafen zu dürfen! Aurora weckt mich dann sanft, als wir fahren sollten.
Noch eine letzte Station gab es nun, den Leuchtturm des Rio Preguiças. Den durften wir uns nicht entgehen lassen, obwohl die Aussicht durch das Erklimmen von mehr als 130 Stufen hart erarbeitet werden musste. Die Mühe habe ich mir gerne gemacht und vor allem den parallelen Verlauf von Meer und Fluss bewundert. Das Wasser des Flusses war tief blau, während das Meer dahinter hellblau glänzte. Dazwischen lag die weiße Sanddüne. Welch eine Pracht. Um den Leuchtturm herum gab es eine kleine Siedlung, sauber und adrett, aber auch sehr ärmlich. Aurora ist nicht mit auf den Turm gestiegen, sondern hat sich ein schattiges Plätzchen unter einem Caju-Baum gesucht, wo ich sie dann fröhlichen Sinnes wiederfand.
Jetzt ging es dann aber richtig zurück zum Hotel, wo wir gegen 16.30 Uhr anlangten. Schnell duschen, um den ganzen klebrigen Sand von der Haut zu bekommen. Dann noch einkaufen, denn das Essen hier im Hotel ist schlecht und sehr teuer. Den Abend beschlossen wir dann gemeinsam vor Reginaldos und Mauras Apartment, wobei wir jedoch auch heute wieder früh schlafen gehen werden.

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