8. Mai, Sonntag, Ruhetag

Endlich einmal durchatmen und Ruhe haben, ohne Programm, jedoch mit Überraschungen. Denn langweilig soll es ja auch nicht werden. Und ganz der Ruhe und dem Frieden war der Tag auch nicht geweiht, denn es war heute Reisetag. Die Fahrt ging von Barreirinhas nach São Luís. Von uns war das recht gut organisiert, denn diese Rückfahrt sollte nicht in der Gruppe, sondern mit einem Taxi geschehen. Das kostet zwar eine Kleinigkeit mehr, jedoch wirklich nur eine Kleinigkeit. Dafür würden wir uns in São Luís das Abklappern der Hotels ersparen, um alle anderen dort abzuliefern, und gleich richtig ankommen. Als Abfahrtszeit war 8.30 Uhr angesagt. Wir waren pünktlich da, aber kein Taxi. Das komme erst um 9 Uhr, früher ginge es nicht, hieß es. Aber sei es drum. Wir haben ja nichts weiter vor. Kurz vor neun war das Taxi da. Der Fahrer sagte nicht guten Morgen, sprach überhaupt kein Wort mit uns, schnappte sich das Gepäck, lud es hinten ein. Wir stiegen ein, der Fahrer machte das Radio an und telefonierte, während er aus Barreirinhas heraus fuhr. Das Auto wollte, dass er sich anschnallt und läutete nachhaltig. Keine Wirkung. Es wurde von ihm ignoriert und besiegt. Das Klingen schwieg nach einer Weile. Er telefonierte noch immer, während er tankte. Kein Wort fiel zwischen uns. Ich glaube, der Mann hieß TAM, weil er uns wie Störenfriede behandelte. Dann war er mit Telefonieren fertig und schaltete seine Musik ein: Jimmi Hendrix, Deep Purple usw. Reginaldo und Maura litten Pein, ich weniger. Reginaldo versuchte es dann mit einem schüchternen Bom Dia. Jetzt sprach er einige Sätze mit uns, während er massiv an seinen Fingernägeln kaute, soweit die überhaupt noch da waren. Behäbig lehnte er sich kauend zurück, um seinem Bauch die erforderliche Geltung zu verschaffen. Mir, der ich vorne saß, wurde derweilen kalt von der auf niedrigste Temperatur eingestellten Klimaanlage. Ich bat ihn, die Anlage zu drosseln. Er tat es sogar. Nach 1,5 Stunden hielt er an einer Raststelle an. Jetzt sollen wir aufs Klo gehen und vielleicht was essen und trinken. Er jedenfalls brauchte das. Von nichts kommt nichts. Wir standen derweilen herum und stellten fest, dass das Auto keine Nummernschilder hatte. Als ich ihn später fragte, ob man hier keine Nummernschilder brauche, wurde er kurz verlegen, aber nur kurz. Die Musik wurde lauter gestellt, die Klimaanlage auf die früheren Werte gestellt und die Telefoniererei nahm zu. Und dann passierte noch etwas Unerwartetes. Wir kamen in São Luís gegen 12.30 Uhr an und standen bis gegen 14.00 Uhr im Stau. Da waren wir am Mittwoch gegen 18 Uhr gekommen und waren glatt vom Flughafen bis zum Hotel durchgefahren. Die Rushhour lag wohl nicht da, sondern ist sonntags um 12 Uhr. Eine Erklärung dafür habe ich nicht.
Dann aber waren wir im Sesc-Hotel, das wir vor einigen Tagen verlassen hatten. Doch welch ein Unterschied zu vergangenem Mittwoch! Uns quoll ein enormer Lärm entgegen. Es war, als ob gleichzeitig an einem Hochsommertag das Schwimmbad geöffnet und dazu noch eine Discothek zugange wäre. Man verstand vor Lärm sein eigenes Wort nicht. Wir erfuhren später, dass jeden Sonntag hier Kindertag ist, wo alle Kinder von Sesc-Mitgliedern kommen und schwimmen dürfen. Ein großer, voller Teller mit Essen kostet dann nur 3 Reais, also 0,75 €, und es herrscht ein entsprechendes Leben. Für uns kam das überraschend, aber eigentlich ist das eine richtig gute Sache. Außerdem haben die Eltern noch die Gelegenheit, ihren Blutdruck und den ihrer Kinder messen zu lassen und Gesundheits- und Ernährungstipps entgegen zu nehmen, denn auch das ist an diesem Sonntag ein Angebot von Sesc.
Um das zu schätzen, muss man wissen, was Sesc ist. Es handelt sich dabei um eine gemeinnützige Einrichtung, die von vielen Firmen getragen wird und dazu ergänzende Steuergelder erhält. Menschen, die in einer Firma, die dem Sesc angeschlossen ist, arbeiten, haben ihr Leben lang Anspruch auf die Angebote dieser und ähnlicher Organisationen. Die aber machen all das, was früher z.B. die Hoechst AG an sozialem Engagement auf sich genommen hat, und noch viel mehr.  Eine einzelne Firma kann ein solches soziales Angebot gar nicht stemmen. Aber die Summe der vielen Firmen, die dem angeschlossen sind, bringt Enormes zustande. Da sind die Hotels und die Einrichtungen um die Hotels. Wir waren schon vor einem Jahr in einem Sesc-Hotel im Pantanal. Hier in São Luís kommen also die Mitarbeiter dieser Firmen mit ihren Kindern hierher, um hier sonntags einen Familientag zu gestalten. Ich finde das großartig und geradezu vorbildhaft. Dazu hat Sesc und andere, ebenso organisierte, nur andere Branchen betreffende Organisationen wie Senac und Senai, die aber organisatorisch miteinander verbunden sind und sich ergänzend anerkennen, noch viele Kursangebote, Kinderbetreuung nach der Schule, Sportangebote, sogar Universitäten usw. Hier arbeiten Sozialarbeiter, Lehrer, Betreuer, Fachleute und es herrscht überall ein sehr guter Umgangston miteinander. Ich finde nicht viel in Brasilien, was vorbildhaft für uns sein könnte. Aber diese Einrichtungen von Sesc, Senac und Senai finde ich großartig und durchaus nachahmenswert. An Auroras 60. Geburtstag waren wir zum Büro von Sesc in Tijucas gefahren, um uns einen Seniorenausweis machen zu lassen. Wir haben vorgenommen, uns nach Möglichkeit bei Sesc herumzutreiben.
Nach dem Mittagessen in einem vollen Restaurant mit viel Leben und fröhlichem Kindergeschrei verordneten wir uns dann die Ruhe. Die kam auch überraschenderweise, denn um 14.30 Uhr verstummte die Musik und nach und nach werden die Leute heraus komplimentiert. Danach kehrt eben himmlische Ruhe ein, denn jetzt kann niemand mehr das Schwimmbecken nutzen, weil das Wasser gründlich mit Chlor und anderen Chemikalien gereinigt werden muss. Das kenne ich auch von meinem kleinen Pool, mit dem ich dasselbe auch ab und zu machen muss.

Hotel Sesc Olho d'aguaBetrieb am Pool
Hotel Sesc Olho d'aguaBetrieb am Pool

Planschen im WasserGesundheitsstation
Planschen im WasserGesundheitsstation

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