9. Mai, Montag, São José de Ribamar

Als ich heute früh nach dem Frühstück aufbruchsbereit war, muss ich gestehen, dass ich keine Ahnung hatte, wohin uns der heutige Ausflug bringen würde. Die Namen sagten mir gar nichts. Mit einiger Verspätung kam der Bus und dazu ein netter Guide. Wir stiegen ein und die Fahrt begann. Es ging durch die Außenbezirke von São Luís und dann aufs flache Land. Ich saß vorne, die Klimaanlage machte eine angenehme Kühle und unser Guide hielt einen ausführlichen, sehr spannenden Vortrag über was auch immer. Meine Augenlider wurden schwerer und schwerer und fielen schließlich zu. Da erhielt ich einen Stoß meines neben mir sitzenden Weibes in die Rippen, der mich sofort aus dem Reich der Träume riss. Etwas zärtlicher hätte es ruhig sein dürfen. Der Bus aber hatte gehalten und ich sah aus dem Fenster, dass er neben einer größeren Kirche parkte. Alle waren zum Aussteigen eingeladen. Wo waren wir? – Ich las, dass es sich hierbei um den Ort São José de Ribamar mit der dazu gehörigen Kirche handelt. Das sagte mir eher wenig, aber ich begriff, als ich in die Kirche kam, dass es sich um eine größere Wallfahrtseinrichtung handelt. Da lagen nämlich vorne im rechten Flügel eine Menge von Wachsgliedern, -kindern, -köpfen usw. Das kannte ich von Fatima in Portugal, wo es auch haufenweise solcher Seltsamkeiten gab. Jede Wachsfigur aber ist ein Dankgebet für widerfahrene Heilung oder Kinderwunsch oder was auch immer.
Der Ort ist dem Vater von Jesus gewidmet. São José ist also Sankt Josef. In der Kirche gibt es eine Figur vom heiligen Josef, die Wunder wirkt. Sie war einmal hier am Strand gefunden worden, wobei es sich dabei nicht um eine ganze Figur, sondern nur den unteren Teil eines Mannes in Stiefeln handelte. Die Deutung ist heilige Eingebung, die jedoch gut funktioniert. Ich nehme an, dass sie ein Seemann irgendwann entsorgt hatte, weil sie kaputt war, indem er sie über Bord warf. Das Beten zu dieser Figur hat sichtbaren Erfolg. Unser Guide erzählte, dass seine Mutter, die bereits unter großen Schmerzen eine Tochter geboren hatte, bei der erneuten Schwangerschaft täglich hierher kam und am Ende ihren Sohn, also unseren Guide, ohne Schmerz gebar. Als Dank wollte sie ihn hier anmelden, jedoch machte der Vater hinter ihrem Rücken eine andere Anmeldung, was wiederum die Mutter so in Zorn geraten ließ, dass sie Vater und Sohn zwang, von daheim aus die 32 km Weg zu Fuß zu machen, um um Verzeihung zu bitten. Das mag nicht schlimm klingen, denn es gibt längere Pilgerwege. Aber bei der hier herrschenden Hitze, die wir auch zu spüren bekamen, ist das schon eine Herausforderung. Unser Guide war damals 13 Jahre alt. Seitdem aber ist sein Leben mit diesem Heiligtum verbunden. Übrigens wirkt es auf verschiedene Arten, wie unser Guide bestätigte. Da hat er z.B. eine Tante, die acht Mal durch die Führerscheinprüfung gefallen war. Das neunte Mal fuhr sie unterhalb des Heiligtums und bestand. St. Josef hat geholfen, auch beim Führerschein. Gott sei Dank nutzt diese Tante ihre neuen Kenntnisse ebenso intensiv wie Aurora, so dass niemandem große Gefahr ihrerseits droht. Ja, ja, und so konnte er noch mehr Geschichten erzählen, z.B. von der milchkaffeebraunen Cousine, die sich ohne Papiere in Frankfurt aufhielt und als Sambatänzerin arbeitete. Die Polizei war ihr schon auf den Fersen, als die familiären Gebete erhört wurden und Stefan sich in sie verliebte und sie heiratete. Die Cousine hat dann, als sie einmal zurück nach Brasilien kam, ihre Brüste verkleinern lassen, was wiederum Stefan so erboste, dass er sie für ein ganzes Jahr verstieß. – Man merkt also ganz deutlich, wie eng verbunden diese Familie dem heiligen Josef und diesem Wallfahrtsort ist.
Eine weitere Besonderheit dieser Kirche ist, dass sie sich ausgesprochen tolerant gegenüber jeglichem Synkretismus gibt. Hier hat nicht nur die katholische Kirche ein Gotteshaus, sondern auch Umbanda, die afrikanische Mischreligion mit ihren Heiligen und seltsamen Bräuchen. Also wenn das der alte Benedikt der 16. gewusst hätte ...
Aurora erklärte dem Guide, Marcelo heißt er, dass ich Deutscher sei und wir auch in Frankfurt gelebt hätten. Damit entschuldigte sie sich auch für mein Einschlafen bei seinem spannenden Vortrag im Bus. Denn, so versicherte mir Aurora, der Vortrag war wirklich interessant und sie hat ihn gerne gehört. Marcelo nahm es gelassen und erzählte, dass ihm dieses Phänomen wohl bekannt sei. Da sei neulich der Bus voller Kinder mit ihren Eltern gewesen. Sie waren zu Beginn sehr munter, jedoch schliefen die Kinder nach 5 Minuten seines Vortrages alle ein. Die Väter hätten ihn daraufhin gebeten, ihnen eine Tonaufzeichnung seiner Stimme zu geben, denn so schnell schliefen die Kinder daheim nicht ein. Ich verstehe die Kinder, denn wenn eine schöne, sanfte Stimme wie ein Wasserfall über einen kommt, dann ist das wie Valium.
Zurück zum heiligen Josef. Der Kirchvorplatz war gepflastert und von Grünanlagen mit darin befindlichen Statuen mit Szenen aus dem Leben Josefs umsäumt. Am Ende des Platzes der Kirche gegenüber war eine Art riesiger Hörmuschel. Hier steht wohl ein Altar, wenn es einen Freiluftgottesdienst an bestimmten Festtagen gibt. Links neben dieser Muschel aber stand eine riesige Statue von Josef mit dem kleinen Jesus an der Hand. Die Statue war sicherlich 15 – 20 m hoch und stand zudem auf einem hohen Sockel. Wenn man auf diesem Sockel steht, überblickt man den kleinen Ort, der von drei Seiten von Wasser umgeben ist. Er gehört nämlich zu der Insel, auf der auch São Luís liegt. Da lag auch die Straße, auf der Marcelos Tante endlich die Führerscheinprüfung bestanden hatte. Wir waren alle sehr ergriffen und ergriffen darum – zumal es sehr heiß war – eine Trinkkokosnuss, um uns zu erfrischen, bevor die Reise wieder zurück zum Hotel ging, wobei wir noch an diversen Stränden von São Luís vorbeifuhren. Die Strände sind wirklich schön und für Deutsche traumhaft, weil hier kein Mensch ist. Allerdings, so erklärte Marcelo, läge das daran, dass man hier nicht ins Meer gehen könne, weil das Wasser von den Abwässern der Stadt zu stark kontaminiert sei. Manchmal löst sich Romantik einfach in Luft auf…
Wieder im Hotel gingen wir ins Restaurant zum Mittagessen. Und als wir das Restaurant verließen, regnete es. So blieb uns gar nichts anderes übrig, als uns im Hotel ins Bett zu legen und einen ausführlichen Mittagsschlaf zu absolvieren. Gemacht wurde danach ebenso wenig wie gestern Nachmittag. Aber das tut uns gut, denn unsere Köpfe und Augen sind inzwischen fast übervoll von Eindrücken und Erlebnissen.

Die Wallfahrtskirche São José de RibamarDie Kirche von innen
Die Wallfahrtskirche São José de RibamarDie Kirche von innen

Der AltarWachsglieder
Der AltarWachsglieder

Der KirchvorplatzDie Geburt Jesu
Der KirchvorplatzDie Geburt Jesu

Die riesige JosefsstatueDer Strand vor der Kirche
Die riesige JosefsstatueDer Strand vor der Kirche

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