19. Juli, Mittwoch, Pampulha

Eigentlich sollte man eine Reise eher in Ruhe anfangen, sich von allen gebührend verabschieden, um dann geruhsam aufzubrechen, um rechtzeitig ans Ziel zu kommen. Eigentlich …

Also um 4 Uhr morgens läutete der Wecker. Aufstehen, Frühstück bereiten und frühstücken und von den Katzen wegschleichen, denn Aurora meint, die Katzen wissen jetzt genau, dass wir weg wollen und fangen schon an, kläglichst zu maunzen. Also machen wir uns heimlich fort. Wenigstens geht es dadurch Aurora besser. Kalt war es draußen, vielleicht 6 oder 7 Grad, also eine der kältesten Nächte in diesem Winter. Gut, dass wir im Auto auch eine Heizung haben. Kein Mensch auf der Straße. Wir kommen wirklich gut durch, obwohl die Nacht stockfinster ist. In 15 Minuten waren wir durch Porto Belo durch, dann auf die Autobahn in Richtung Navegantes, vorbei an Itapema, dann an Balneário Camboriú weiter nach Itajaí. Aurora erzählt noch von den neusten Entwicklungen bei unseren Rotariern, vorbei an Itajaí und wieder weiter nach … „Also, Querida, hilf mit aufzupassen, wann wir abfahren müssen!“ Aurora verstummt jäh. Penha ist ausgeschrieben. Kennen wir nicht. Vorbeigefahren? Vorbeigefahren! – schon, als ich Aurora unterbracht mit meinem Hinweis. Also weiterfahren bis zur nächsten Abfahrt, wo man wenden kann. Wie konnte das passieren? Die Nacht war so dunkel, dass wir schlicht den hohen Berg, der sich gleich hinter der Abfahrt nach Navegantes auftürmt, nicht gesehen haben und darum fröhlich daran vorbei gefahren sind. Sicher lag die Ausfahrt schon 10 km hinter uns, bis wir endlich umdrehen konnten. Diesmal vorsichtig. Wieder haben wir die falsche Ausfahrt erwischt und wären fast in Blumenau gelandet. Aber durch einen verwegenen Schwenk gelang es mit, unter Gehupe des entgegenkommenden Verkehrs in die richtige Straße einzubiegen. Da wir ja so schnell unterwegs waren, kamen wir dennoch nicht zu spät und mussten nur nicht ganz so lange auf dem Flughafen warten, was für mich gut war, denn auf diesem Flughafen stinkt es noch immer impertinent nach Käse. Pfui!

Der Flug ging pünktlich ab und kam pünktlich an in São Paulo, Congonhas, dem Stadtflughafen. Hier wurden wir schon von Inha erwartet, denn Inha fährt auch dieses Mal mit. Ein Wunder geschah und der Flug ging wirklich von dort ab, wo er geplant war. Das habe ich so in Congonhas noch nie erlebt. Man macht sich! Der Flug nach Belo Horizonte dauerte unwesentlich länger als der von Navegantes nach Congonhas. So waren wir gegen 10.40 Uhr angekommen. Gleich nach uns kam auch das Flugzeug, in dem unsere Gruppe aus Tocantins saß. Sie holten ihr Gepäck am Band neben unserem Band ab. So trafen wir gleich alle ohne Probleme. 35 Leute sind es, darunter auch etliche Kinder und Jugendliche, weil hier gerade Winterferien sind. Nach einer längeren Stadtfahrt kamen wir an ein Restaurant, in dem wir gut bewirtet wurden. Am Tisch vor uns saßen Davy (16 Jahre) und Ester (18 Jahre), zwei Geschwister. Neben ihnen saß Mateus, ihr Cousin aus Rio Grande do Sul. Er war im gleichen Flugzeug wie wir gesessen, doch hatten wir uns vorher nicht bemerkt. Neben mir saß dann noch Lais (14 Jahre), ein fröhliches, nettes und kluges Mädchen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut. Und man stelle sich vor, dass wir uns alle zusammen, auch Lais, über die Entstehung des 1. Weltkrieges unterhielten, dann über das Einwanderungsproblem in Deutschland und die Probleme, die von den dreien durchaus differenziert gesehen wurden und über die sie bestens informiert waren. Sie Das hatte ich so von noch niemandem in Santa Catarina gehört, auch nicht von den Deutschstämmigen. Weiter sprachen wir über den 2. Weltkrieg und Hitler. Also wenn diese 4 Brasiliens Jugend repräsentieren, dann ist mir um das Land nicht bange. Aber wir lachten auch viel miteinander und informierten uns über unsere Leben. Das alles passierte am Tisch und so haben wir jetzt schon 4 neue, junge Freunde gefunden. Ist das nicht wundervoll?

Es folgte eine erste Tour durch den Stadtteil Pampulha, in dem auch der nationale Flughafen liegt. Zu den beiden Flughäfen lässt sich noch sagen, dass wir auf dem Flughafen Confins ankamen. Das ist der internationale Flughafen, der eigentlich nach einem gewählten Präsident namens Tancredo Neves benannt ist, der allerdings vor lauter Schreck, dass er gewählt worden war, noch vor Amtsübernahme verstarb. Armer Kerl. Sein Enkel war übrigens der Gegenkandidat von Dilma bei der letzten Wahl und ist duchgefallen. Inzwischen wird auch gegen ihn wegen Korruption ermittelt. Also niemand nennt den Flughafen beim Namen, sondern alle sagen zu im Confins, was so viel wie jwd (Berlinerisch) bedeutet, weil er eben janz weit draußen liegt. Auch der nationale Flughafen heißt eigentlich Santos Dumond wie der innerstädtische in Rio. Aber alle nennen ihn nur Pampulha. Weiß der Kuckuck, wieso die Flugplätze hier Namen bekommen, die keiner anwendet. Und wenn ich an den Münchner Flughafen denke, so wäre der mit dem Namen Confins auch besser dran als mit Franz-Josef-Strauß.

Pampulha ist ein sehr hübscher Ort. Hier wohnt wohl eher die obere Mittelschicht, aber es gibt auch viele Regierungsgebäude von Minas Gerais. In der Mitte liegt ein großer See mit zugänglichen Anlagen drum herum. Wir besichtigten eine Kunsthalle, die früher einmal Kasino war, bis das Kasinospielen in Brasilien verboten wurde. In dieser Kunsthalle war nichts zu sehen, nur leere Räume in hübscher Umgebung. Einer meinte, dass wohl vor uns gerade Politiker gekommen wären und die Kunstschätze weggeraubt hätten. Das klingt wahrscheinlich. Nehmen wir es darum einfach mal an. Dann besichtigten wir noch eine kleine, moderne Kirche St. Francisco, die von Oscar Niemeyer projektiert worden ist. Von dort aus fuhren wir noch ganz langsam an dem Fußballstadion Mineirão vorbei, in dem einstmals bei der Fußball-WM Deutschland gegen Brasilien 7 : 1 gespielt hatten. Wir sahen hier also durchaus historischen Boden. Die Leute waren aber sehr nett mit mir und keiner hat mich gehauen.

Noch ein paar Worte zu Belo Horizonte. Die Stadt ist 120 Jahre alt, also noch relativ jung. Sie hat heute über 3 Millionen Einwohner, ist also eher kein Dorf. Die Lage ist wirklich schön, denn sie erstreckt sich über viele Hügel und durch etliche Täler. Auch ist sie nicht so zugebaut wie São Paulo, sondern weist große Baulücken auf, die freie Sicht lassen. Dazu kommt noch eine recht schöne Natur, die zwar nicht viele hohe Bäume aufweist, jedoch viele blühende Pflanzen und Parkanlagen. Aurora und ich finden, dass sie zu den schöneren Städten Brasiliens gehört, soweit man das auf den ersten Blick sehen kann. Blöd ist nur, dass es hier überall Tagebau-Bergwerke gibt, die tiefe Wunden in die Landschaft brechen. Erstaunlich, wie viel hier gearbeitet wurde und wohl auch noch wird. Wenn man diese tiefen Löcher und Schächte mal flutet, dann gibt es hier sicher ein erstklassiges Erholungsgebiet, wie es ja jetzt schon bei dem hübschen See in Pampulha der Fall ist.

Danach ging es in unser SESC-Hotel. Es macht einen recht sauberen Eindruck, auch wenn das Zimmer mit dunkelgrünen Steinfliesen, wie man sie eigentlich eher an Fassaden findet, gekachelt ist. Das macht das Zimmer recht düster. Aber wir fühlen uns wohl hier und freuen uns, auch in dieser Nacht wieder ein Bett zu haben.

Nach einer Erholungspause wurden wir dann alle noch einmal zusammengetrommelt und eine Vorstellungsrunde in der Kälte abgehalten. Alle sagten ihren Namen und wo sie her sind. Das hat gedauert. Und da ich der letzte der Runde war, habe ich mitgeteilt, dass ich Hans-Georg Döring heiße, Deutscher sei und Hunger habe, was mit allgemeinem Applaus bedacht wurde. Da kam dann aber noch die Stadtführerin und meinte, dass sie jetzt erst recht lange sprechen würde, sozusagen als Rache für 7 : 1. Aber man gebe zu: das war das wert!

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