21. Juli, Freitag, Inhotim

Bevor ich heute beginne zu erzählen, muss ich noch einige Sachen nachholen. Da ist zunächst das letzte Foto, das ich gestern Abend noch in aller Eile von Lais und Gabriela gemacht hatte. Es war etwas unscharf und so stellten beide gerne noch mal auf, um sich neu fotografieren zu lassen. Welch zwei wunderhübsche junge Damen, Teenager mit 14 und 13 Jahren. Sie kannten sich zuvor nicht, aber sie sind jetzt fast unzertrennlich. Es macht Spaß, sie beide rumtollen zu sehen. Sie haben sogar inzwischen als einzige gelernt, meinen Namen richtig auszusprechen, was für Erwachsene sehr schwierig ist. Mábily, meine Patentochter aus Bombinhas, mit ihren 12 Jahren kann das auch. Man muss wohl Kind sein, um das aussprechen zu können.

Auch weiß ich inzwischen, wie die Eltern von Ester und Davy heißen. Die Mutter heißt Heloisa und der französische Vater heißt Daniel. Sie haben mich heute mehrfach angesprochen. Ich glaube, Elaiz hat die Aufgabe, mir etwas zu besorgen, so wie ich etwas für Nice besorgen soll. Abwarten. Mit der Gruppe verstehe ich mich sehr gut. Alle sprechen von mir nur als dem Alemão – bis auf die Jugendlichen. Aber alle sprechen fröhlich darüber und richtig freundliche zugewandt. Es sind eben echte Brasilianer.

Jetzt aber zu meinem Tagesbericht. Früh war die Abfahrt angesetzt. Schon um 8 Uhr sollten wir ausgecheckt haben. Natürlich machen wir das mit links und zu früh. Das aber gab mir die Gelegenheit, noch einmal durch die Anlage von SESC zu laufen. Wer hätte das gedacht, wie groß das alles ist. Ich bin in strammem Schritt 15 Minuten lang gelaufen, aber z.B. die Schwimmbecken habe ich noch nicht gesehen, nur weitere Unterbringungsmöglichkeiten, eine große Halle, ein Kinderzentrum und eine Arena für Veranstaltungen. Und dazwischen noch viel Platz. Ich musste mich beeilen, noch rechtzeitig zum Bus zu kommen, denn der letzte wollte ich auch nicht sein.

Dann ging es los. Am Anfang stand auf Vorschlag von Glerivan ein Gebet auf der Tagesordnung. Niemand widersprach, alle beteten mit. Vorgeschlagen wurde ein Vaterunser und ein Ave Maria. Statt des Ave Maria habe ich das Vaterunser in der längeren, protestantischen Version gebetet. Angekündigt wurde ein Freiluftmuseum namens Inhotim (ausgesprochen: Injotin). Freiluftmuseen kenne ich aus Deutschland auch. Da gibt es z.B. den Hessenpark mit vielen Häusern aus ganz Hessen zusammengetragen und aus verschiedenen Zeiten. So ähnlich dachte ich auch, würde es hier sein. Und dann bekamen wir einen Lageplan des Anwesens. Darin verzeichnet waren auch drei Linien mit offenen Elektrobussen, mit denen man herumkutschiert wird. Die Haltestellen waren gekennzeichnet. So beschlossen wir, erst einmal eine Rundfahrt zu machen, um uns die Häuser und Gehöfte anzusehen, um dann bei einer zweiten Rundfahrt zu entscheiden, wo wir Halt machen und uns etwas genauer anschauen. Das war ein richtig guter Plan, ersonnen von einem anwesenden Deutschen mit eben seiner Deutschen Erfahrung. Das hätte auch geklappt, wenn nicht das brasilianische Konzept total anders ausgesehen hätte. Zunächst fiel meine Rundfahrt ins Wasser, denn nachdem wir in eins jener Autos eingestiegen waren, fuhr es mit uns vielleicht 200 m, hielt an und wir wurden raus komplimentiert. Wenn wir weiterfahren wollten, dann sollten wir ein Fahrzeug der nächsten Linie nehmen. Bitte? Die Organisation der Fahrzeuge war so, dass sie immer nur einen kleinen Abschnitt zwischen 200 und 600 m abdecken und in diesem Abschnitt immer hin und her fahren. Dann soll man sich die Sehenswürdigkeiten dort anschauen und mit einer anderen Linie weiter fahren. Rundfahrt? Gibts nicht. Nur so eine Art Gehhilfe durch die Transporte von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. In der Tat hätten wir das auch laufen können.

Aber auch das Konzept war total anders als das des Hessenparkes. Es gab zwar Häuser in dieser großen Anlage, jedoch waren das Galerien mit ausgestellter Kunst. Zu vergleichen war das eher mit der Anlage, die wir am 70. Geburtstag einer Schwester Ruthild in der Nähe von Düsseldorf kennengelernt hatten. Zwischen den Galerien aber war ein Park angelegt, wie ich ihn in Brasilien so noch nicht gesehen habe. Da muss man schon nach Süd-Afrika fahren. Eine unglaubliche Vielfalt an Farben und Formen, Pflanzen, Steinen, Wald, Büschen, Wasser – alles künstlerisch angeordnet und riesengroß. Man braucht eigentlich mehrere Tage, um wirklich alles gesehen zu haben. Wie nur kommt sowas hierher? Es war einmal ein Farmer, der um die Jahrtausendwende beschloss, seine Farm umzubauen zu einem großen Garten. Er liebte wohl die Gärtnerei und die Kunst. So begann er, pflanzte, suchte Gleichgesinnte und ließ die Menschen noch gratis in seinen Garten hinein. Dann aber wurde alles größer und brauchte mehr Pflege. Inzwischen sind es in guten Zeiten fast 1.000 Mitarbeiter, die hier ihr Brot verdienen. Derzeit sind es ein paar Hundert weniger wegen der Wirtschaftskrise. Dafür müssen die Menschen jetzt Eintritt zahlen, 40 Reais. Aber das ist es wert und die Menschen kommen aus ganz Brasilien, um sich die Herrlichkeit anzuschauen. Bis 14.30 Uhr blieben wir dort. Aurora war aber nach dem Mittagessen so geschafft, dass sie erstmals in ihrem Leben mitten in einem belebten Bereich auf einer Parkbank einschlief.

Nach diesem ausführlichen Besuch von Inhotim war dann die Fahrt nach Ouro Preto angesagt. Zunächst einmal ging es noch mal zurück nach Belo Horizonte, weil Ouro Preto in einer anderen Richtung liegt als Inhotim. Es wurde dunkel, bis wir ankamen. Welch ein Hotel von SESC. Nachdem wir das Eingangstor durchfahren hatten, mussten wir noch weitere 2 km fahren, bis wir zum Hotel kamen. Das Hotel selber ist ein vornehmer Bau, bestens gepflegt und eher im Stil eines Sternehotels als das, was wir in Belo Horizonte erlebt hatten. Wir haben ein großes Zimmer mit Balkon und einem großen Bad.

Noch kurz zu der Stadt Ouro Preto. Das heißt auf Deutsch: Schwarzes Gold. Dabei handelt es sich aber nicht um Erdöl, wie man fälschlich annehmen kann, sondern um einen Ausdruck aus der Entstehungsgeschichte des Ortes. Da kam nämlich im 16. Jahrhundert ein Indianer aus dem inneren Land, das noch total unerschlossen war, und brachte einen schwarzen Stein mit für den Gouverneur in Rio, um für sich gut Wetter zu machen. Der Gouverneur stellte dann fest, dass unter der schwarzen Kruste ein purer Goldklumpen versteckt war. Natürlich wollten er und alle anderen nun wissen, wo der Indianer diesen Klumpen her hat. Der hat die Gegend auch beschrieben und so haben sich viele aufgemacht, um die Goldmine zu finden. Das ist viele Jahrzehnte nicht gelungen, dann aber doch noch. Und zur Erinnerung an diesen Vorfall mit dem schwarzen Stein wurde der dann entstehende Ort Ouro Preto – Schwarzer Stein genannt.

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