22. Juli, Samstag, Ouro Preto

Gleich wieder zuerst einmal die neuesten Erkenntnisse über die Menschen, die mit uns fahren. Da sind zunächst die Eltern von Lais. Die haben komplizierte Namen. Der Vater heißt Euclides – so wie der altgriechische Mathematiker – und die Mutter heißt Maria Conceição oder schlicht Ceica. Die beiden üben jetzt auch an meinem Namen, jedoch so gut aussprechen wie ihre Tochter Lais können sie es nicht. Beide sind Finanzbeamte des Bundelandes Tocantins und scheinen sich ein wenig dafür zu schämen. Hier gibt es überall 3 verschiedene Finanzämter: eins für Brasilien, eins für das Bundesland und eins für die Kommune. Ebenso verhält es sich mit den Krankenhäusern. Es gibt kommunale, bundesstaatliche und gesamtbrasilianische Krankenhäuser. Warum das so ist, weiß ich nicht. Mir erscheint das System ziemlich aufwändig zu sein und kostenintensiv. Andererseits gibt es auf diese Weise viele Posten und Pöstchen, mit denen sich Politiker erkenntlich zeigen können. Blöd ist nur, dass eben viele Kommunen und Bundesländer über der Vielzahl der Ausgaben pleite sind und die Gehälter nicht mehr zahlen können. Jetzt ist jedoch der Politik etwas eingefallen. Sie erheben jetzt auf Benzin eine Sondersteuer von rund 50 Cent pro Liter. Das ist praktisch, denn das müssen alle zahlen, die keine Dienstwagen haben oder ihre Fahrtkosten erstattet bekommen, also alle außer Direktoren, Firmenchefsund natürlich Politiker selber. Ist das nicht genial erdacht?

Genug der Lästerei. Kommen wir zu dem heutigen Tag. Wir sind also in Ouro Preto. Das Hotel ist sehr viel besser als das in Belo Horizonte, wobei es kein Hotel ist, sondern lediglich eine Pousada, was so viel heißt, als dass es hier kein Mittagessen gibt, sondern nur morgens und abends. Dafür hat es einen guten Standard, sehr gutes Internet und eine herrliche Lage. Die Aussicht von unserem Zimmer ist weit und atemberaubend auf die Berglandschaft um Ouro Preto herum. Da die Stadt ziemlich hoch liegt, ist es hier viel kälter als in Belo Horizonte. Beim Frühstück saßen etliche Leute da mit Mützen und dicken Jacken. Dieses Outfit stört hier niemanden. Aber ein Pullover ist um diese Jahreszeit und zu vorgerückter Stunde schon angebracht. Tagsüber und mit Bewegung aber wird es auch hier mollig warm und niemand muss mehr frieren. Das haben wir dann auch festgestellt, als wir in die Stadt kamen. Zunächst brachte uns unser Bus bis zum Busbahnhof. Auf dem Weg erfuhr ich die zweite Version, warum Ouro Preto eben Ouro Preto heißt. Danach kam ein Wanderer in diese Gegend und labte sich an einer Quelle, in der schwarze Steine lagen. Der Wanderer nahm einen an sich und untersuchte ihn und fand in ihm Gold. Fertig mit der Geschichte. Vielleicht stimmen ja beide (nicht), denn zwischen der ersten und zweiten Version liegen Jahrzehnte.

Am Busbahnhof angekommen, wurde der Rest des Tages zu Fuß erledigt, denn die Straßen sind eng und Busse passen da einfach nicht rein. In Ouro Preto gibt es keinen einzigen ebenen Weg, sondern entweder geht es steil bergauf oder steil bergab. Wir gingen erst steil bergab vorbei an einer Kirche, die wir aber rechts liegen ließen. Danach weiter bis zum Zentrum, das vom Platz des Tiradentes bestimmt ist. Hier also wurde der arme Kerl zwar nicht hingerichtet, jedoch wurde hier sein abgeschlagener Kopf öffentlich ausgestellt. So waren damals die Methoden. Niemand ist auf die Idee gekommen, ganz einfach mal die Goldene Regel für ein Miteinander anzuwenden, nach der man einem Mitmenschen nichts antun sollte, was man selber auch nicht angetan haben möchte. Dabei – so haben wir später bei den Kirchenbesichtigungen gesehen – waren die Menschen damals sehr christlich. Aber Köpfe rollen lassen uns Sklaven schinden war ihnen dennoch durchaus geläufig. Heute ist dieser Platz das absolute Zentrum. Hier gibt es viele, kleine Geschäfte und Restaurants. Hier herrscht Leben, hier steppt der Bär – und das heute besonders, denn es war heute großer Volkslauf angesagt. Eingeteilt in verschiedene Gruppen, die zu verschiedenen Zeiten losgelassen wurden, rannten die Bewohner von Ouro Preto und deren Gäste durch die Stadt. Auf dem Platz aber war der Start und das Ziel und eine riesige Lautsprecheranlage. Der halbe Platz war abgesperrt, so dass man kaum auf die andere Seite erreichen konnte. Unterhalten ging nicht, weil so ein Lärm herrschte. Denn wenn niemand was ansagte, kam wenigstens Technomusik. Und als ob das nicht reichte, spielten in den Restaurants auch noch Musiker auf, die ebenfalls über Lautsprecheranlagen verfügten. Kurz: In dieser barocken Stadt herrschte ein enormer Lärm, der wenigstens uns, die wir das nicht gewohnt sind, gehörig auf den Zeiger ging und uns müde machte. In einem Café abspannen ging nicht, weil es eben auch dort nicht still war. „Die Brasilianer lieben das!“ meinte Aurora, die das aber auch nicht liebt.

Ansonsten bestand der Tag vor allem aus Warten auf die Gruppe. Nach unserer Ankunft auf dem Tiradentes-Platz kauften wir zunächst für morgen früh Fahrkarten für die „Maria Fumasa“, den Feurigen Elias, mit dem wir morgen gemeinsam fahren wollten. Bis alle ihr Karten hatten, war es schon 11 Uhr. Dann schnell in das ehemalige Gerichtsgebäude am Kopf des Platzes. Das Erdgeschoss war das Gefängnis und im oberen Stock waren die Gerichtssäle. Heute ist das eher ein Museum, in dem Gegenstände, Bilder und Schriftstücke aus der Gründerzeit ausgestellt werden. Das Fotografieren war strengstens verboten. Darum gibt es davon keine Bilder.

Danach gab es Mittagessen. Da waren alle pünktlich zur Stelle. Und danach gingen wir, Kirchen besichtigen. Es waren nur 2 Kirchen und ein weiteres Museum, das Münzmuseum. Doch brauchten wir dafür von 13 – 17 Uhr, weil immer wieder Leute abwichen, nicht zuhörten, was verabredet war, sich verliefen. So saßen wir mehr herum, als dass wir wirklich unterwegs waren. Da auch in den Kirchen das Fotografieren strengstens verboten war, gibt es auch von ihnen nur Bilder von außen. Interessant war, dass die Figuren richtige Stoffkleider anhatten. Wir erfuhren, dass die Figuren lediglich aus Kopf und Händen bestünden. Wie praktisch. Ansonsten waren beide Kirchen eben Barockkirchen, für Brasilien ein Erlebnis, für Deutschland eher nicht. Interessant war dann noch das Münzmuseum, weil in diesem Gebäude die erste Münzprägestätte Brasiliens war. Der Nachteil dieses Museums war allerdings, dass es im Tal lag. Wir liefen also erst mal bergab, um danach wieder den ganzen Weg hoch zu laufen. Und dabei hat sich offenbar eine Teilnehmerin so sehr verlaufen, dass wir sie lange suchen mussten und darum mit einer gehörigen Verspätung erst los fahren konnten.

Nach dem Abendessen hat uns dann noch Glerivan zu einem Gespräch eingeladen. Es ist wohl das Gespräch über die Befindlichkeiten in der Mitte der Reise, die wir jetzt erreicht haben. Da ich aber müde bin und nicht nachher noch schreiben will, lasse ich das mal aus. Mir hat bisher alles wunderbar gefallen und ich fühle mich sehr wohl.

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