23. Juli, Sonntag, Congonhas do Campo

Wie ich früher schon schrieb: Ich denke mit deutschen Denkgewohnheiten und male mir aus, was man so zusammen machen wird, wenn man sich um 20.15 Uhr trifft, aber es kommt immer anders. So auch gestern. Der Grund, warum wir uns trafen, war schlicht der, dass eine Dame aus der Gruppe Geburtstag hatte und dass darum alle für sie singen sollten. Das haben wir mit Inbrunst gemacht, bekamen dafür von einer extra herbeigeschafften Geburtstagstorte ein Stückchen und verabschiedeten uns dann voneinander. Heute früh habe ich die Dame auch gleich gesehen. Die Arme! Am Tag zuvor wurde sie gefeiert, weil sie ein Jahr älter wurde. Heute ist sie nur noch ein Jahr älter. Der Tag nach dem Geburtstag ist wohl immer der schwerste, glaube ich – wenigstens wenn man mit dem Älterwerden Probleme hat. Nun denke ich daran, dass ich ja während unseres Aufenthaltes in Rio auch Geburtstag haben werde. Nun, vielleicht vergessen sie es.

Der Tag heute ist wieder wunderschön. Die Sonne scheint und es ist recht warm draußen. Unser Ziel heute ist zunächst eine Zugfahrt mit der Maria Fumasa und dann ein Besuch in Congonhas. Letzterer Ort darf nicht mit dem nationalen Flughafen von São Paulo verwechselt werden. Es handelt sich dabei um eine fast gleichaltrige Siedlung bei Ouro Preto. Sie gehört zu den kleineren historischen Städten dieser Gegend.

Pünktlich ging es los und auch gleich am Bahnhof erlebten wir auch schon einen ersten Höhepunkt, weil aus dem Bus vor uns eine Gruppe weiß gekleideter Männer und Frauen kletterte, die Instrumente teilweise bei sich, teilweise auch umgeschnallt hatten. Es war eine typische Musikgruppe von Candomblé, jener Religion, die mit den Sklaven aus Afrika nach Brasilien herüber geschwappt ist und vielleicht mit Woodoo auf Haiti zu vergleichen ist. Nur sind die Leute von Candomblé nicht so auf schräge Zauberei aus, sondern haben ihr Götter, die Ourixas, die sich ihnen in Trance offenbaren. Auf dem Bahnhof war derlei nicht zu spüren, wohl aber eine gehörige Portion Neugier der anderen, für die Candomblé eher etwas Fremdes ist. Leider fuhren die Leute nicht mit uns, so dass wir sie aus den Augen verloren. Stattdessen freuten wir uns nun auf die Maria Fumasa. Die kam auch angefahren, nur rauchte sie nicht. Es war wohl eher sowas wie der Feurige Elias meiner Kindheit, der auch nur Dieseldampf ausstieß und keine Rauchfahne hinter sich her zog. Was seltsam und total unbrasilianisch war, ist die Platzverteilung. Denn schon beim Kartenkauf wurden Plätze zugeteilt und jeder bekam nicht etwa einen gewünschten Platz, sondern irgendwo. Zwar saßen alle in nur zwei Wagen, jedoch wurden Ehepaar brutal getrennt, Kinder von ihren Eltern geschieden und es gab erst mal ein Durcheinander, bis man die Plätze untereinander getauscht hatte, so dass nun alle zufrieden waren. Aurora und ich hatten eine schöne Bank an der linken Seite in Fahrtrichtung, mussten dann aber feststellen, dass die Bahn an einem steilen Berg entlang zockelte. An unserer Seite ging der Berg steil nach oben und auf der anderen Seite steil nach unten. Die Sehenswürdigkeiten waren also alle links und ich musste mich, wenn ich ein Foto machen wollte, immer über eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn beugen. Die nahm es gelassen. Die Aussicht war wieder mal atemberaubend. Die Berge sind dicht und steil. In den Tälern fließen Flüsse, die noch immer etwas Gold führen. Die Städtchen kleben an den Abhängen. Die Natur ist üppig. Eine Stunde dauerte die Fahrt. Dann stiegen wir in Mariana aus. Weil wir morgen wieder dorthin fahren wollen, kletterten wir auch gleich in den bereitstehenden Bus und fuhren wieder zurück in Richtung Ouro Preto und weiter nach Congonhas. Congonhas ist eine Stadt von rund 50.000 Einwohnern und ähnelt sehr Ouro Preto, besonders in der Steilheit seiner Straßen. Die Hauptsehenswürdigkeit aber ist die Kirche von Congonhas, die vor allem durch den größten brasilianischen Barockschnitzer und Bildhauer Aleijadinho geschmückt wurde. Seine 12 Propheten zieren den Treppenaufgang zur Kirche und seine Kreuzwegstationen befinden sich in kleinen Kapellen am Rande des Kirchplatzes. Die Kirche selber ist barock, wird aber derzeit neu renoviert, so dass nur der Chor zugänglich war.

Antônio Francisco Lisboa, so hieß Aleijadinho eigentlich, lebte von 1738 – 1814. Er hieß Aleijadinho, Krüppelchen, weil er in seiner Kindheit wohl Lepra gehabt hat und dadurch ziemlich verkrüppelt war. Wer mehr über ihn lesen will, kann ihn ja mal bei Wikipedia nachschlagen. Jedenfalls haben wir heute sein Hauptwerk gesehen.

Interessant war noch die Busfahrt von heute. Denn als wir in Congonhas ankamen, fuhr der Bus munter unter einer Eisenbahnbrücke durch und blieb hängen. Das hat ordentlich geschrammt und geschrabbt auf dem Dach. Sofort hielt der Fahrer natürlich an, doch muss man dann ja wohl oder übel doch auch wieder raus aus der Klemme, was noch einmal jene unangenehmen Geräusche verursachte. Gott sei Dank ist dem Bus nichts Schlimmes passiert. Das jedenfalls behauptete der Fahrer später. Wir fuhren also an den Schienen entlang bis zu einer Stelle, bei der die Brücke etwas höher war. Da ging es.

Ja, und dann auf dem Rückweg von Congonhas zum Hotel hatten wir zwei große Staus. Beide Male waren es Unfälle. Der erste war wohl nur mit Blechschaden, aber beim zweiten gab es wohl einen Toten und 4 Verletzte. 45 Minuten mussten wir warten, denn die Verletzten mussten noch aus den Autos geschnitten werden. Dann aber gelang es dem Busfahrer, auf der schmalen Straße zu wenden, so dass wir auf einem anderen Weg heim kamen. Das war sehr traurig und die Verletzten haben mein Mitgefühl, zumal der Unfall wohl durch ein an verbotener Stelle erfolgtes Überholmanöver passierte. Da ist ein einzelner ein tumber Tor und viele, viele Menschen müssen unter seiner Blödheit leiden. Was hilft es da, wenn wir jeden Morgen von Glerivan gebeten werden, ein Vaterunser und ein Ave Maria zu beten.

Mit Verspätung also kamen wir im Hotel an. Jetzt freue ich mich auf Dusche und Schlaf.

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