24. Juni, Samstag, Transpantaneira

Bevor ich heute zu erzählen beginne, möchte ich daran erinnern, dass heute ein besonderer Tag ist, mit dem sich besondere Erinnerungen verbinden. Denn heute haben Aurora und ich unseren 9. Hochzeitstag. Am 24. Juni 2009 saßen wir früh morgens vor Kälte zitternd vor dem Römer, um dort zu heiraten. Das gelang ja auch ganz gut und später am Tag wurde es enorm heiß, so dass wir im Palmengarten fast geschmolzen sind. Daran denken wir also heute besonders. Aber außerdem ist heute noch Midsommardagen, ein besonderer Tag in Schweden. Als junger Pfarrer hatte ich einmal 9 Trauungen an diesem Tag zu halten und ich bewundere mich noch heute, dass ich mit den Namen und den Ansprachen nicht durcheinander kam. Aber auch Aurora und ich waren schon mehrfach in Schweden an diesem schönen Tag, haben in Luleå und auf Skansen in Stockholm gefeiert, waren auch einmal in Sandhamn in den Schären. An alle diese Tage haben wir besondere und sehr schöne Erinnerungen. Ob der heutige Tag auch ein solch besonderer Tag werden wird?

Früh weckte uns unser neues Handy, das wir in Deutschland für viel Geld erstanden hatten. Wir schälten uns aus dem Bett, denn um 6 Uhr waren wir trotz mancher Stunde Schlaf noch nicht wirklich munter. Aber es ging, denn wir hatten uns ja vorgenommen, schon um 7.30 Uhr vor der Rezeption zu sein, um auf dem Ausflug zur Transpantaneira mitzufahren. Da das Restaurant erst um 7 Uhr öffnete, mussten wir so viel wie möglich vorher erledigen, was bekanntlich mit manchen Sachen eher schwierig geht. Es gelang meistenteils. Nur musste ich später dann auf dem Ausflug zur Unzeit hinter dem Bus etwas erledigen, wozu mir mehr Abgeschiedenheit in der Natur nicht gewährt wurde wegen Schlangengefahr und auch wegen diverser Ameisenpopulationen. Nun denn. Es ging los mit einem Kleinbus, in den 10 Leute passten. Außer Inha, Aurora und mir kamen alle aus São Paulo und es war eine muntere Schar. Die Transpantaneira ist eigentlich ein Stück der groß angelegten Straße, die von Manaus aus bis in den Süden Brasiliens hatte führen sollen. Diesem Projekt erging es wie der Straßenbahn von Cuiabá. Finanziert war es, jedoch verschwand das Geld. Weg war es! Der Abschnitt durch das Pantanal wurde zwar ausgewiesen und schon mal angelegt, jedoch nicht fertig gebaut. Die 140 km lange Transpantanal, die von Poconé bis nach Mato Grosso do Sul durch das ganze Pantanal verläuft, bleibt eine staubige Piste, rot-grau voller Rillen, die dem Auto einen gewissen, ziemlich ungleichmäßigen Lauf bereiten. Da der Rest dieses großen Projektes ebenfalls auf der Strecke blieb, ist dieser Abschnitt nun eine Art Touristenattraktion. Hier liegen einige sehr teure Pousadas, bei denen es aber mehr Tiere zu sehen gäbe als bei uns im SESC-Hotel. Als wir vor 2 Jahren hier waren, war die Straße noch überschwemmt. Sie ist nur während der Trockenzeit passierbar und auch nur mit guten Autos mit guter Federung.

Auf dem Weg dorthin vom Hotel bis nach Poconé haben wir die meisten Tiere schon gesehen. Wir erfuhren, dass dieser seltsame Vogel, der da so beständig vor dem Hotel auf dem Baum sitzt, ein Cabeca Seca ist, also ein Trockenkopf. Es handele sich dabei um einen Cousin vom Tuiuiu, der auch Jaburu genannt wird, dem Wappenvogel des Pantanal. Auch er gehört zur Gattung der Störche wie der Tuiuiu. Er kommt in dieser Gegend noch viel öfter vor als sein der Tuiuiu selber. Von dem aber bekamen wir unterwegs auch noch viele zu vor die Kamera. Klar: Besser noch als alle Worte sind natürlich die Fotos, die in den Fotoalben zu finden sind. Man vergewissere sich selber. Auch andere Entenvögel sahen wir, einen Geier und sogar einen Emu mit seinen Jungen. Den bekam ich leider nicht vor die Linse, weil er auf der anderen Seite des Autos rum lief. Kaimane gab es haufenweise, ebenso lauter Fische, die sich im seichten Wasser drängen. Sie sind auch der Grund dafür, dass es jetzt so viele Vögel und Kaimane hier gibt, denn die Fische sind leichte Beute und der Tisch ist mit ihnen reichlich gedeckt. Schön für die Vögel und fischfressenden Tiere, schlecht für die Fische. Bis wir an die Transpantaneira kamen, hatten wir das meiste schon gesehen und ich war etwas enttäuscht, dass es dann an der Straße selber kaum noch war zu sehen gab. Ganz stimmt das nicht, denn plötzlich tauchte rechts vor uns eine Schar von Nasenbären auf. Man erkennt sie an den hoch aufgestellten Schwänzen. Das haben sie mit unserem Chico gemeinsam. Der trägt seinen Schwanz auch immer so, dass seine Schwanzspitze überall zu sehen ist. Sowohl Chico, als auch die Nasenbären schaffen es darum, mein holdes Weibes in Entzücken zu versetzen und begeisterte Schreie zu entlocken. „Sind die nicht lindos (= unglaublich süß, niedlich, herrlich, liebenswert, überhaupt das Größte – womit sie wie gesagt nicht mich meint, sondern die Katzen oder Nasenbären.) Nach einer Zeit kamen wir dann an das symbolische Tor der Transpantaneira, wo wieder einige Kaimane auf uns warteten. Dann fuhren wir weiter durch eine Ochsenherde durch, die gerade von Süden nach Norden auf höhere Weidegebiete getrieben wurde. Die Cowboys mit ihren Pferden machten einen coolen Eindruck. Unser Fahrer hielt an und so hatte ich Gelegenheit, mir den Cowboy, mit dem sich unser Fahrer unterhielt, näher anzuschauen. Nie war ich einem solchen Menschen so nahe gewesen. Der Cowboy antwortete nur sehr einsilbig auf die Fragen des Fahrers. Dabei sah er ihn nicht an, sondern ließ seinen Blick in die Weite schweifen. Kontakt machen, so wie Brasilianer das sonst lieben, war wohl nicht seine Sache. Er saß da auf einem Brückengeländer, hatte wohl gerade Mittagspause. Die Pferde standen etwas abseits, auch sie im Halbschlaf, aber voll gesattelt mit einem eher im Westernstil gehaltenden Sattel, allerdings ohne Knauf für ein Lasso. Die Cowboys selber schienen auch nicht viel Kontakt miteinander zu pflegen, niemand redete mehr als nötig. Alle sahen sie in die Ferne, jedoch nicht mit einem sehnsuchtsvollen Blick, sondern eher wie jemand, der in diese karge Landschaft gehört und hier nicht gestört werden will. Und so wird es wohl auch sein. Niemand schluckt so viel Staub von dieser Straße, wie diese Männer auf ihren Pferden. Sie gehören in diese Landschaft wie die Tuiuius und die Cabecas Secas, wie die Kaimane und die dornigen Sträucher, die den Wegesrand säumten. Wie wenig haben wir, die wir hier im Bus saßen, mit ihnen gemeinsam. Wie wenig wissen wir über ihr Leben und ihre Gedanken, wie wenig wissen sie über uns.

Weiter ging es bis zum heiligen Franziskus, dem Patron des Pantanal. Wenigsten er soll sich um das Viehzeug dort kümmern, meinen die Menschen, denn sie selber machen es eher nicht.

Ich gebe zu, dass ich nun müde wurde und auch ein Nickerchen machte. Geweckt wurde ich, weil unser Guide auf einen Wohnwagen am Straßenrand hinwies mit den Worten, dass das wohl ein Deutscher sei. – „Nein!“ entgegnete ich, „ein Holländer. Holländer fahren mit Wohnwagen durch die Gegend, Deutsche eher nicht.“ – „Deutsche und Holländer sind für uns dasselbe.“ entgegnete jemand aus der Gruppe. „Die Holländer sind moderner als die Deutschen, wenn sie mit sowas rum fahren.“ Was sagt man nun zu solch einer impertinenten Ignoranz? Ich meinte erst, dass sich in der Tat Holländer und Deutsche sehr ähneln, dass sie aber dennoch ganz anders seien und keinesfalls zu verwechseln sind und moderner seien die Holländer schon gar nicht. Da lachten sie und ich fühlte mich – na ja, jedoch kam Aurora auf eine gute Idee. Sie gab mir das Stichwort: Argentinier. Also konstatierte ich, dass die Brasilianer und die Argentinier für mich dasselbe seinen und die Argentinier wohl die moderneren seien. „Willst du uns beleidigen?“ kam darauf als Antwort. „A ha! Jetzt habt ihr verstanden!“ – Allgemeines Gelächter. Aber da fährt man über die Transpantanal und muss den Leuten den Unterschied zwischen Holländern und Deutschen erklären. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Wie dem auch sei, sind wir trotz dieser tiefschürfenden Auseinandersetzung noch rechtzeitig zum Mittagessen im Hotel gewesen und haben uns danach erst einmal kräftig ausgeruht. Aurora hat geschlafen und ich habe Erlebnisbuch geschrieben. Darüber wurde es 16.30 Uhr und wir beschlossen, nicht noch länger auszuruhen, weil wir ja nun auch nachts noch schlafen wollen. Also machten wir uns auf eine kleine Hotelrundtour durch ein Museum über das Pantanal und deren Bewohner und ein Borboletum, also ein Schmetterlingshaus. Angeschlossen daran ist eigentlich noch ein Ameisenhaus, das jedoch geschlossen war. Die Abendsonne genossen wir dann noch vom höchsten Punkt des Hotels aus, bis sie hinter dem Horizont verschwand. Und wenn die Sonne geht, kommen die Mücken, was wiederum bewirkt, dass ich gehe. Aurora und Inha aber sind gegen diese Tier immun. Die fliegen nur auf mich. Aurora meint, dass sie eben nicht jeden Tag deutsches Blut geboten bekommen. Ob es nun daran liegt? Ich glaube, das ist eher pseudowissenschaftlich und durch nichts belegt, außer durch meine Empfänglichkeit für diese Plagegeister.

War das nun ein schöner Hochzeitstag? – Ich denke, er war sehr in Ordnung. Das Wetter war warm, die Sonne schien, wir hatten schöne Erlebnisse und es geht uns gut. Was will der Mensch mehr, wenn er ein altes Krüstchen ist so wie ich – nur Aurora ist noch immer jung und schön.

Zum Seitenanfang